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Beratzhausen.

Gottfried Kölwel – Dichter als Menschenfreund

Vor 50 Jahren, am 21. März 1958, starb in München der aus Beratzhausen stammende Schriftsteller Gottfried Kölwel.

Naturverbunden: Gottfried Kölwel Foto: privat/C. Kaiser

Von Ulrich Kelber, MZ

Es gehörte Mut dazu und zeigt, wie kritisch er gegenüber dem Nazi-Regime eingestellt war: Gottfried Kölwel besuchte im Sommer 1936 den in Deutschland verfemten Schriftsteller Thomas Mann in seinem Schweizer Exil. Der Nobelpreisträger, der nach 1945 sagte, dass er „Scheu trage vor manchem Wiedersehen“ und meinte, dass an den von 1933 bis 1945 in Deutschland gedruckten Büchern ein „Geruch von Blut und Schande haftet“, nahm offensichtlich Gottfried Kölwel von diesem Verdikt aus.

In dem Briefwechsel kurz nach Kriegsende lobte Thomas Mann das „milde, reife, gütige Dichtertum“ Kölwels und äußerte sich ungewöhnlich offen über seine eigene Arbeit: „Das Schreiben wurde mir immer schwerer als anderen, alle Leichtigkeit ist da Schein.“ Thomas Mann war schon 1930 als Fürsprecher Kölwels aufgetreten, hatte versucht, den Insel-Verlag für einen Lyrik-Band des Dichter-Kollegen zu interessieren.

Bekanntschaft mit Franz Kafka

Kölwel, der auch mit Hermann Hesse in Kontakt stand, hatte schon früh Anerkennung in Literatenkreisen gefunden. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber wurde sein erster Förderer, verhalf dazu, dass Kölwels Gedichtband „Gesänge gegen den Tod“ 1914 in der hoch angesehenen Expressionismus-Reihe „Der jüngste Tag“ des Leipziger Kurt-Wolff-Verlags erscheinen konnte.

Aus dem Jahr 1916 datiert die Bekanntschaft Kölwels mit Franz Kafka, der damals in München bei einer Lesung seine schaurige Erzählung „In der Strafkolonie“ vorgestellt hatte. In einem Brief Kafkas vom 3. Januar 1917 heißt es: „Ihre Gedichte trommelten mir zeilenweise förmlich gegen die Stirn. So rein, so sündenrein in allem waren sie, aus reinem Atem kamen sie.“

Kritischer hatte sich Kafka aber am 22. Dezember 1916 in einem Brief an seine Freundin Felice Bauer geäußert: „Gestern wurde ich an München erinnert, Kölwel schickte mir drei Gedichte. Sie kommen gewiss aus einem reinen, in vielem Sinn unschuldigen Herzen, aber in München schienen sie schöner zu sein als hier.“ Und in einem weiteren Brief am 31. Januar 1917 gibt sich Kafka auch gegenüber Kölwel etwas skeptischer: „Es sind trostreiche Gedichte, Trostgesänge alle“, lobt er zunächst, doch dann schreibt er, dass ihn „manchmal eine kühle Gefühlswendung“ störe. Und er sagt zu Kölwel: „Sie verblüffen weder, noch erschrecken Sie.“

Zunächst als Lehrer tätig

Kafka hat Kölwels Schwachstelle erkannt: Der Autor ist nicht radikal genug. In viele Texte, mag die Handlung noch so dramatisch sein, schleicht sich ein begütigender, manchmal gar betulicher Ton ein. Das gilt besonders für das ab Mitte er 20er Jahre einsetzende Spätwerk. Der Literatur-Brockhaus meint vor allem diese Zeit, wenn er Kölwel mit den Zeilen abhandelt: „Natur und Heimat lieferten ihm den Stoff zu feinsinniger Lyrik, exakt gestalteten Romanen und Erzählungen sowie zu volkstümlichen Schauspielen.“

Doch interessant ist vor allem Kölwels spätexpressionistische Phase. Die Gedichte sind von einem schier überbordenden Bilderreichtum geprägt. Liebesgedichte sprechen durch den melancholischen Grundton an; und es zeigt sich bereits eine ausgeprägte Vorliebe für Naturschilderungen. Auch die frühen Prosaarbeiten, die später unter dem Titel „Totentanz“ zusammengefasst wurden, sind beeindruckend. Geschrieben ganz aus dem Gefühl des Mitleidens heraus sind die vorherrschenden Themen soziale Not und Verzweiflung, wobei oft der Tod als letzte Zuflucht erscheint. Zu den herausragenden Werken Kölwels gehört außerdem die Erzählung „Der Volksfreund“ von 1918. Sie schildert das Scheitern eines jungen Dorflehrers, der gleichermaßen an den bornierten Vorgesetzten wie an dem ärmlichen Elendsdasein seiner Schüler zerbricht.

Kölwel selbst hatte von 1902 bis 1907 die Lehrerbildungsanstalt in Amberg besucht und schon als 18-Jähriger seine erste Stelle als Hilfslehrer in einem oberbayerischen Dorf angetreten. Von 1912 war er dann in München als Lehrer tätig, ließ sich aber 1927 in den Ruhestand versetzen. 1927 hatte er auch geheiratet; seine Frau Rosa – der er den exotisch klingenden Kosenamen „Indy“ gab – war die Tochter eines begüterten Münchner Privatiers.

Loblieder auf Beratzhausen

Zeit seines Lebens blieb Kölwel – er wurde am 16. Oktober 1889 in Beratzhausen geboren – seiner Heimat verbunden. In seinen Büchern wird der Ort zu „Bertolzhausen“ (so der Titel eines 1925 erschienen Bandes mit unterhaltsamen Geschichten, der 1940 mit dem „Bayernspiegel“ fortgesetzt wurde). Parsberg wird zu „Spiegelberg“ und die Laaber zur „Lauterach“. Auch im „Jahr der Kindheit“ (1935) beschwört er seine Erinnerungen an Beratzhausen.

Zu den vom Brockhaus genannten „volkstümlichen Schauspielen“ gehören „Der Hoimann“, 1933 im Münchner Residenztheater uraufgeführt, und „Franziska Zachez“. Eine Aufführung an den Münchner Kammerspielen wurde 1935 verboten, denn der Sympathieträger ist hier ausgerechnet ein Krüppel, was den Nazi-Ideologen nun gar nicht passte. Ein Jahr später kam „Franziska Zachez“ in Meiningen dann doch noch auf die Bühne.

Auch wenn Kölwel aus seiner Abneigung gegen Krieg nie einen Hehl machte und er in seinen oft gleichnishaften Büchern immer wieder an die Humanität appelliert: Zu den verfolgten Autoren in der NS-Zeit gehörte er nicht. Ja er profitierte sogar, denn wo so viele Bücher verboten waren, fand er plötzlich Beachtung bei den Verlagen. Besonders erfolgreich wurde der Roman „Der geheimnisvolle Wald“ (1938), der es beim S. Fischer Verlag auf drei Auflagen brachte.

Rückzug nach Fischbachau

In den Kriegsjahren zog sich Kölwel mit seiner Frau ins ländliche Fischbachau zurück, wo sie auf dem Sandbichlhof wohnten. Die „Münchner Elegien“, in denen er die zerstörte Stadt beklagt, waren seine erste Veröffentlichung nach 1945. Eine besondere Kuriosität: Der im Westen kaum beachtete Erzählungsband „Die Stimme der Grille“ erschien 1954 als eine Art Raubdruck in einem DDR-Verlag; die Auflage von 10000 Exemplaren war in kurzer Zeit verkauft.

Erst nach dem Tod Kölwels – er starb am 21. März 1958 an den Folgen eines Herzinfarkts – kam es zwischen 1962 und 1964 zur Veröffentlichung einer dreibändigen Werkausgabe. Ein „Kuratorium zur Pflege des dichterischen Werkes von Gottfried Kölwel“ entstand, zu dem so prominente Autoren wie Heinrich Böll, Georg Britting, Rudolf Hagelstange oder Hermann Kesten gehörten. Und Rosa Kölwel, die 1981 starb, schickte unermüdlich Gedichte und Kurzgeschichten – mit vielen Durchschlägen in die Schreibmaschine getippt – an Zeitungen und Zeitschriften und bat um Veröffentlichung.

Doch heute ist Kölwel, neben Britting der bedeutendste Autor aus der Oberpfalz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in Vergessenheit geraten. Zuletzt versuchte Joachim Pöppl mit seiner 2002 erschienenen Biografie „Gottfried Kölwel – Schriftsteller zwischen Beratzhausen und München“, auf ihn aufmerksam zu machen.

Kölwel selbst hatte einmal in einem Selbstporträt geschrieben: „Wir wurden in eine Zeit hineingeboren, die immer neu anfing und immer wieder zerbrochen wurde. Was heute verheißungsvoll zu werden schien, lag in kurzer Zeit in Trümmern.“

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