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Rock

Graham Nash: Ich muss Widerstand leisten

Der 76-Jährige ist bekannt für klare Worte und friedensbewegte Aktionen. Nun geht er wieder auf Tour – mit einer Mission.
Von Olaf Neumann

Musiker mit Leib und Seele: Graham Nash Foto: EPA/MARTIAL TREZZINI
Musiker mit Leib und Seele: Graham Nash Foto: EPA/MARTIAL TREZZINI

Regensburg.Wie schwierig ist es, eine Setlist zusammenzustellen, wenn man so viele Songs geschrieben hat wie Sie?

Das stimmt, ich habe in meinem Leben wirklich viele Songs geschrieben. Deshalb versuche ich, immer zu analysieren, welche Titel genau ich spielen sollte. Zuerst einmal zahlt mein Publikum Geld, um mich zu sehen. Also überlege ich mir, womit ich den Leuten einen großartigen Abend bereiten könnte. Nämlich indem ich Songs von den Hollies bis hin zu aktuellen Titeln spiele. Diese Mischung kommt beim Publikum immer sehr gut an.

Gibt es einen Song, der auf keinen Fall fehlen darf?

Natürlich! „Teach Your Children“, „Our House“, „Wind On The Water“, „Marrakesch Express“, „Just A Song Before I Go“, „Cathedral“, „Wasted On The Way“, „Immigration Man“. Ich verspreche, es werden schöne Abende werden!

Songs wie „Military Madness“ und „Immigration Man“ scheinen heute relevanter denn je zu sein.

Dies macht mich einerseits glücklich, andererseits aber auch betrübt. Schön, dass meine Musik so lange überlebt hat, traurig, dass ich Songs wie „Military Madness“ immer noch singen muss. Es liegt daran, dass die Geschichte sich wiederholt– immer wieder.

Sie sind in England geboren und besitzen seit über 35 Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft. Warum ist Ihnen das wichtig?

Weil ich dazugehören will. Es wäre scheinheilig, die Regierung zu kritisieren, ohne Staatsbürger zu sein. Außerdem will ich wählen dürfen. Ich denke und fühle zwar immer noch englisch, gleichzeitig bin ich stolz, Amerikaner zu sein. Mein Land ist so großartig wegen seiner Menschen. Im Grunde haben die Amerikaner ein gutes Herz, aber leider setzt Donald Trump darauf, ihre Ängste zu verstärken.

Neigen Sie im Moment dazu, Songs zu schreiben, die die Zustände in der Politik oder der Gesellschaft kommentieren?

Es ist sehr schwierig, einen Song über die amtierende US-Regierung zu schreiben. Ich lasse mir dabei viel Zeit, weil ich etwas aussagen will. Ich möchte sicher gehen, dass jedes Wort, das ich über diesen Präsidenten schreibe, korrekt ist und meine Gefühle authentisch widerspiegelt. Trump versetzt Amerika um 50 Jahre zurück in seine Vergangenheit.

„Mein Leben war ein einziger wunderschöner Traum. Unfassbar!“

Graham Nash, Musiker

Sie sind vor einiger Zeit von der West- an die Ostküste gezogen. Hat sich dadurch Ihr Blick auf Amerika verändert?

Ich habe das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Meine Mutter und mein Vater haben mich gelehrt, immer auf mein Herz zu hören. Und mein Herz sagte mir, ich solle umziehen. Und das habe ich auch getan. Mein Herz hat mich bis jetzt nicht ein einziges Mal enttäuscht. Trump ist hier in New York sehr unbeliebt. Ich habe seit meiner Kindheit eine klare Vision von den Vereinigten Staaten. Es ist ein unglaublich großartiges Land. Aber es hat auch seine Probleme. Ich werde manchmal gefragt, ob ich vorhabe, das Land wegen Trump zu verlassen. Warum sollte ich? Ich muss bleiben und kämpfen! Ich muss Widerstand leisten gegen diesen Mann.

Wie viel revolutionäres Potenzial steckt noch in der Rockmusik?

Die Menschen, die die wichtigsten Medien auf der Welt besitzen, kann man an zehn Fingern abzählen. Die wollen keine Revolution. Die sind nicht an Künstlern interessiert, die den gegenwärtigen Zustand verändern. Die wollen Schafe, die einfach den Mund halten. Wir leben wieder in Zeiten von Brot und Spielen. Gebt dem Volk etwas zur Unterhaltung wie die Kardashians und etwas zu Essen wie McDonald’s, damit wir es ungestört ausnehmen können. Genau das passiert gerade in den USA.

Welche Verantwortung hat ein Künstler gegenüber seinem Publikum?


Er muss darüber sprechen, was wirklich los ist. Er muss den Leuten zeigen, wie er sich tief in seinem Innersten fühlt. Er muss sie dazu ermutigen, sich zu informieren und gegebenenfalls zu handeln. Das ist Teil meines Jobs.

Werden Sie von dem Gefühl angetrieben, Ihren besten Song noch nicht geschrieben zu haben?


Nein. Was mich als Künstler antreibt, ist, dass ich meine Meinung sagen möchte.

Wird das Schreiben von Songs mit den Jahren immer leichter?

Nash: Ich würde nicht sagen, dass es leichter wird. Aber ich kenne den Prozess immer besser. Voraussetzung ist, dass ich bei einem bestimmten Thema etwas fühle. Ist das der Fall, beginne ich, über das Thema intensiv nachzudenken. Dann fällt mir in der Regel auch ein Text ein. Oft habe ich die Melodie zuerst geschrieben. Es ist ein sehr interessanter Prozess, den ich nie ganz durchschaut habe. Magie eben.

Mit neuem Album nach Europa

  • Verdienste:

    Graham Nash wurde 1942 im britischen Blackpool geboren. Er besitzt die britische und die US-Staatsbürgerschaft. Nash wurde 2010 von Königin Elisabeth II. zum Officer of the Order of the British Empire ernannt.

  • Album:

    Das neue Album von Graham Nash heißt „Over The Years...“ und umfasst 30 Songs auf zwei CDs. Am Freitag wird es veröffentlicht. Es ist das achte Solo-Album des 76 Jahre alten Musikers und enthält bisher unveröffentlichte Demos.

  • Tour:

    Graham Nash tritt am 7. Juli in Rudolstadt auf, einen Tag später in Tuttlingen. Dann kommt er am 9. Juli nach Leipzig, zwei Tage danach ist er in Echternach in Luxemburg zu sehen. Am 12. Juli tritt Graham Nash in Zürich in der Schweiz auf.

Welche Aspekte Ihres Jobs bereiten Ihnen den meisten Spaß?

Nash: Lächelnde Menschen. Das ist meine Aufgabe. Mein Publikum muss zwei Dinge wissen: Erstens: Ich komme, um es mit Musik zu unterhalten. Zweitens: Ich möchte die Leute lächeln sehen, wenn sie nach der Show den Saal verlassen. Dann habe ich alles richtig gemacht. Ich freue mich sehr auf Deutschland. Seit die Beatles in Hamburg waren, lieben die Deutschen den Rock’n’Roll.

Wann waren Sie das erste Mal in Deutschland?

Nash: 1964. Da bin ich mit den Hollies in München aufgetreten.

Die Musikszene der sechziger und siebziger Jahre wird als großer Pop-Mythos verklärt. War es damals wirklich so toll?

Absolut! Es war damals sogar noch besser als es heute beschrieben wird. Man darf nicht vergessen, dass all die Leute, die über die sechziger und siebziger Jahre schreiben und schrieben, diese Musik nicht gemacht haben. Für Musiker wie mich war es eine fantastische Zeit. Es war eine Zeit voller Freiheit und Sonnenschein. Voller Kreativität und Musik. Und voller schöner Frauen.

Bis in Vietnam der Krieg ausbrach ...

Der hatte natürlich schon vor der Flower-Power-Zeit begonnen. Er bewirkte, dass die Amerikaner näher zusammenrückten. Hunderttausende Kriegsgegner sind damals protestierend durch die Straßen marschiert, um ihre Gefühle gegenüber den Kongressabgeordneten auszudrücken. Das trug schließlich dazu bei, dass der Vietnamkrieg beendet wurde.

Was kann Musik bewirken?

Ich bin mir absolut sicher, dass sie einen Beitrag geleistet hat, den Vietnamkrieg zu beenden. Weil sie die Menschen zusammengebracht hat. Wie ich eingangs sagte, ist es sehr traurig, dass ich noch immer „Military Madness“ singen muss. Der Song ist heute - leider - relevanter denn je. Wie auch „Immigration Man“.David Crosby sagte kürzlich: „Wir mögen uns nicht besonders, aber noch weniger mögen wir Donald Trump“. Könnte Ihre gemeinsame Verachtung für Donald Trump eine Wiedervereinigung der Supergruppe Crosby, Stills & Nash bewirken?

Ich glaube nicht, dass wir jemals wieder zusammen Musik machen werden. Crosby kann sagen, was er will. Ich stehe in Kontakt mit Stephen (Stills) und Neil (Young). Aber keiner von uns spricht mit Crosby.

Wovon träumen Sie?

Mein Leben war ein einziger wunderschöner Traum. Unfassbar! Und er geht weiter. Ich schreibe ständig neue Songs. I’m ready to rock! Ich mache so lange weiter, bis ich ins Grab steige.Ich habe Konzerte vor mehreren hunderttausend Menschen gespielt. In Woodstock zum Beispiel. Aber ich liebe auch kleine intime Auftritte, bei denen ich dem Publikum in die Augen schauen kann. Ich spüre genau, wenn ich mich mit ihm verbinde. Ein ganz besonderes Gefühl! Auf der Bühne erzählen Sie zwischen den einzelnen Songs, wie diese entstanden sind.
Die Leute sind immer fasziniert von diesen Geschichten. Sie wissen die Arbeit eines Songschreibers zu würdigen, auch wenn sie selbst nicht künstlerisch tätig sind. Wie kommt ein Song zu einem? Für viele ist das wie Magie. Ich muss gestehen, dass Kreativität auch für mich ein Mysterium geblieben ist. Denn man weiß nie, wie ein Song ausgehen wird. Auf der anderen Seite ist Songschreiben auch ein Handwerk. Es funktioniert wie ein Muskel, der ständig trainiert werden muss. Andernfalls würde er verschwinden.

Woher kommt die Kreativität?


Ich weiß es nicht und will es auch gar nicht wissen. Ich bin einfach nur stolz darauf, dass meine Beziehung zur Musik über die Jahrzehnte so stark geblieben ist.

Glauben Sie an Gott?

Nash: Ich glaube nicht an organisierte Religion. Ich verstehe aber, dass es wichtig ist, an etwas zu glauben, das größer ist als man selbst. Ich tendiere dazu, mich als Pantheist zu bezeichnen. Pantheisten glauben, dass Gott eins mit dem Kosmos und der Natur ist. Jedes einzelne Ding in unserem Universum besitzt eine eigene Energie. Daran glaube ist. Manche nennen es Gott, andere Buddha oder Mohammed. Es kommt alles von da oben.

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