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Israel

Grass‘ Gedicht: „Ein Held unserer Tage“

In seinem Gedichtband „Eintagsfliegen“ liefert Günter Grass wieder Zündstoff für politische Kontroversen mit Israel. dpa dokumentiert das neue Israel-Gedicht.

Der Literaturnobelpreiträger Günter Grass hatte im April mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ die Regierung Israels verärgert. Jetzt schießt er wieder gegen das Land. Foto: dpa

Ein Held unserer Tage

„Was Staatsgeheimnis, deshalb abgeschottet war, hat des Rabbiners Sohn gelüftet, der in Beerscheba fromm der Thora Regeln folgte, dann plötzlich Christ zu sein beschloß.

Nach abgebrochenem Studium verdiente er sein Geld in Negev, wo in leergekämmter Wüste Stille sein Staat dank nuklearer Forschung zur atomaren Macht sich angereichert hatte und alle Welt zu täuschen hoffte, was auch gelang, bis Mordechai Vanunu sprach und das Geheimnis brach. So heißt der Held, der seinem Land zu dienen hoffte, indem er half, die Wahrheit an den Tag zu bringen.

Was dann geschah und immer noch kein Ende findet, gleicht einem Krimi, den ein Profi seines Fachs erdachte. Doch was zum Film geworden, keine Leinwand fand, lief dennoch ab auf eingefahrener Spur wie tausend abgespielter Filme Handlung, die vormals strophenreich Balladendichtern Stoff gewesen wäre.

So wurde er von einer Frau, die jener Gang verschworen, die ungehemmt selbst Mord nicht scheut, nach Rom gelockt, von dort per Schiff entführt, bevor noch in der Sunday Times zu lesen stand, was in dem Wüstenort Dimona von Anbeginn gebrütet wird: der atomare Tod in Bomben - ungezählt - verdichtet.

Und dies geschah nach altbekanntem Muster, das im Buch Mose eins zu finden ist: Wie seine Brüder dazumal in eines Brunnens Tiefe Joseph warfen, so kam Vanunu vor Gericht, wurd angeklagt der Spionage und sollte nach des Urteils Spruch gezählte achtzehn Jahre lang in Einzelhaft, sprich, isoliert verbringen, von denen er in Aschkelons Gefängnis elf abgesessen hat; danach stand er in streng beschränkter Freiheit unter Aufsicht.

Schwieg dennoch nicht, sprach immer wieder was geheim war aus, so daß nach Richters Spruch ihn mehrmals kurze Haft bestrafte, bis schließlich Hausarrest als Gnadenbrot verordnet wurde, zuletzt in der Basilika Sankt Georg, zu finden in Jerusalem, der Glaubenskrieger jeder Sorte heilgen Stadt.

Obgleich in Oslo, Glasgow, vielerorts geehrt und er im Internet sein Eigenleben als Legende führt, wird unser Held bei sich zu Haus beschwiegen, seit er zum Rufer in der Wüste wurde und die Gefahr beschrie, die auf uns allen tödlich lastet.

Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo, in Texas, Kiel, China, im Iran und in Rußlands Weite erklügelt wird und uns verborgen bleibt; nur solche Helden sind in einer Welt vonnöten, die Frieden säuselt und Vernichtung plant.

Ihm, Mordechai Vanunu, gilt mein Gruß und seinen Richtern gilt die Bitte, ihn als Gerechten zu erkennen, der seinem Land getreu blieb all die Jahre lang.“

(Copyright: Steidl Verlag)

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