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Lesung

Großstadtprosa vom bösen Märchenonkel

Max Goldt seziert deutsch-deutsche Befindlichkeiten und hinterfragt befremdliche Episoden in der arabischen Wüste.
Von Florian Sendtner, MZ

War mal wieder zu Gast in der schnubiglputanischen Provinz: Schriftsteller Max Goldt Foto: Sendtner
War mal wieder zu Gast in der schnubiglputanischen Provinz: Schriftsteller Max Goldt Foto: Sendtner

Regensburg.Mit dem nach wie vor quicklebendigen Ressentiment der Wessis, speziell der Bayern, gegenüber den Ossis ist es so eine Sache. Der konservative Patriot müsste es sich ja von Rechts wegen verbieten, er müsste seine Landsleute in Sachsen und Thüringen von Herzen lieben, doch er schafft es ums Verrecken nicht. Ein Ergebnis dieses Dilemmas sind verdrucksten Wallungen wie die gerade mal wieder erhobene Forderung nach der Abschaffung des Solidaritätsbeitrages.

Was für ein göttliches Gelächter geht demgegenüber durch den Saal der Alten Mälzerei, wenn Max Goldt ebendieses Ressentiment eiskalt ausbuchstabiert, wenn auch im Modus des „Was wäre, wenn?“. Bei Goldt klingt das kurz und schmerzlos so: „Wenn zum Beispiel Kohl gesagt hätte: ‚Der Osten stinkt. Den Osten nehmen wir nicht. Den Osten kriegt General Jaruzelski.‘“

Schenkelklopfer vor Erkenntnislust

Wenn es Sache des Schriftstellers ist, die klandestin herumwabernden kollektiven Gedanken zu lesen und sie zur Belehrung und Belustigung des Lesers auszuformulieren und offen auszusprechen, dann ist Max Goldt – man kann es nicht anders sagen – Gold wert. Ganz gleich, ob es sich um die größte Banalität und den hinterletzten Schnickschnack handelt oder eben um des Vaterlandes höchstes Gut: Goldt kennt kein Erbarmen, Goldt insistiert, nimmt das Geschnatter und Geplapper beim Wort, dreht jeden Buchstaben um, schüttelt die Besinnungslosigkeit so lange durch, bis das Publikum wiehert vor Erkenntnislust.

In Regensburg schaut Max Goldt ziemlich regelmäßig vorbei, erst vor eineinhalb Jahren war er hier. Und das Erstaunliche ist: Max Goldt, der vielfach preisgekrönte Dichter, ist trotz allem ein Mensch und wird als solcher von Jahr zu Jahr älter. Allein sein Auditorium scheint immer gleich jung zu bleiben. Nur vereinzelt sieht man in der ausverkauften Mälzerei ältere Semester, die vermutlich schon in den 90er-Jahren „Onkel Max’ Kulturtagebuch“ in der Satirezeitschrift „Titanic“ gelesen haben.

Aber es ist ja auch kein Wunder. Denn niemand betreibt die Kunst der permanenten Grenzüberschreitung zwischen Plauderei und Tiefsinn, zwischen U- und E-Musik der Sprache so konsequent und so elegant wie Max Goldt. Im einlullenden Tonfall des Märchenonkels verliest er einen einzigen, nichtendenwollenden Erlebnis- bzw. gerne auch Besinnungsaufsatz, der in jedem Nebensatz blitzschnell das Thema wechselt, stets sprungbereit zur Attacke.

Der aufgeschlitzte Falke aus Katar

Es beginnt mit dem Abenteuer „Charlies Tante in der Wüste“, einem Trip ins arabische Emirat Katar, wo sich Max Goldt u.a. fassungslos zeigen lässt, wie mal eben ein Falke aufgeschlitzt wird – nur um sicherzugehen, dass das lebende Millionärsspielzeug auch wirklich kerngesund und seinen Preis wert ist, anschließend wird der Vogel wieder zugenäht. Die von Goldt ungerührt mitgeteilten Assoziationen bei dieser Prozedur würde jeder andere noch nicht mal seinem Psychoanalytiker erzählen, so peinlich wären sie ihm, doch Goldt kennt da gar nichts. Er spuckt buchstäblich alles aus, aber eben so charmant und gleichzeitig fulminant, dass er sich am Ende glänzend aus der Affäre zieht.

„Charlies Tante in der Wüste“ ist ein Beispiel für Goldts permanente Eigenbearbeitung. Die 2005 veröffentlichte Geschichte ist nun, hübsch aufgemöbelt, in das fünfhundertseitige „Lippen abwischen und lächeln“ (2016) aufgenommen worden, verfeinert durch den Hinweis, man müsse es dem Staat Katar zugutehalten, dass er den Besucher am Ende nicht an der Wiederausreise gehindert habe.

Stoff für eine mittlere Strafkolumne böte auch die Mälzerei. Da werden, noch während Max Goldt auf dem Podium sitzt und Bücher signiert, ohne Erbarmen bereits die Stühle gestapelt. Jeder Satz zwischen Leser und Autor muss dreimal brüllend wiederholt werden, Goldt verschreibt sich ob des ohrenbetäubenden Lärms beim Signieren und runzelt indigniert die Stirn. Man denkt an die Pianistin in Katar, die „mit hartem Anschlag und beschränktem Repertoire“ glänzt: „Alle fünfzehn Minuten wurde das Stück ‚Feelings‘ gespielt, und zwar mit der Zartheit eines Teppichklopfers.“

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