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Kunst

Groteske Momente mit Hund

Eine Schau in der Oberpfalz zeigt Bilder, die bekannte Werke alter Meister nachstellen – allerdings mit tierischen Figuren.
Von Claudia Böckel

Künstler Gregory Forstner und Galerist Michael Zink stehen zufrieden inmitten der ausgestellten Werke in Waldkirchen. Foto: Erich Spahn
Künstler Gregory Forstner und Galerist Michael Zink stehen zufrieden inmitten der ausgestellten Werke in Waldkirchen. Foto: Erich Spahn

Seubersdorf.Viele Hunde sah man in der Ausstellung von Gregory Forstner in der Galerie Zink in Waldkirchen bei Seubersdorf. Lebende und Gemalte. Die einen begleiteten ihre Frauchen und Herrchen zum Kunstevent aufs Land. Eine Bulldogge wohnt da mit dem Galeristen Michael Zink und seiner Familie, bewachte beflissen das Buffet in der Küche. Die anderen bevölkern die Gemälde und Zeichnungen, die an den Wänden hängen.

Die Hunde gehören verschiedenen Rassen an, manche blicken böse, andere treudoof, manche beflissen, wollen gefallen, andere wirken aggressiv. Die Herrchen in den pompösen historischen Kostümen mit Rüschenkragen, Federhüten und Stulpenstiefeln haben die Gesichter von Bulldoggen oder Bluthunden.

Neustart

Große Kunst im kleinen Dorf

Michael Zink ist zwischen Regensburg, Berlin und New York viel herumgekommen. Jetzt eröffnet er auf dem Land eine Galerie.

Eine menschliche Komödie im Hundekostüm? Schon früh in Forstners Werk tauchen diese Hundefiguren auf. Damals trugen sie Stahlhelme oder Taucherbrillen. Diese Assoziationen kommen aus der Familiengeschichte. Forstners Großvater war ein hoher SS-Funktionär, der andere Großvater in der französischen Résistance tätig. Kein Wunder, dass der Enkel sich mit zerrissenen Persönlichkeiten auseinandersetzt, nach Metaphern sucht, die das Hohle, das Böse, das Groteske in sich tragen.

In der Küche von Michael Zink hängt sonst eigentlich Forstners riesiges Bild „Ship of Fools“, Narrenschiff also, das Vater und Sohn Forstner als „cynocephaleske“, als hundeköpfige Wesen mit Wehrmachtshelmen zeigt, über den Ozean paddelnd in einem Boot ohne Heck und Bug.

Familiäres Schweigen

Menschliche Verfehlungen wie bei Sebastian Brandts Narrenschiff? Das familiäre Schweigen über die hochrangige SS-Mitgliedschaft des Großvaters, der dem Enkel lange Zeit als Lichtgestalt gegolten hatte? Die Profession des Vaters, der als Taucher Pipelines baute, in einer ganz anderen, abgeschotteten Welt lebte? Dieses Bild aus Zinks Privatbesitz ist im Augenblick in der Forstner-Ausstellung der Fondation Fernet-Branca zu sehen, nicht in Waldkirchen.

Künstler von Welt

  • Werdegang:

    Gregory Forstner wurde 1975 in Douala (Kamerun) als Sohn einer Französin und eines Österreichers geboren, studierte in Nizza, Paris und Wien und lebte von 2008 bis 2018 in New York, USA. Seit 2018 lebt und arbeitet er in Montpellier in Frankreich.

  • Ausstellung

    : Seit 2006 gibt es eine enge Zusammenarbeit mit der Galerie Zink. Die aktuelle Schau ist noch bis 13. Oktober dort zu sehen.

In der Oberpfälzer Schau tragen die Protagonisten auf den meist großformatigen Exponaten die Kostüme früherer Leben, die Kleider spanischer Infanten oder höfischer Narren, wie wir sie von Diego Velázquez und anderen Malern kennen. Das groteske Moment geht noch weiter: Wie in einem Rollentausch tragen die Hunde menschliche Züge, die Menschen die Gesichter von Bluthunden. Die Genres der Karikatur, des Comics, aber auch die Bankettszenen der Maler des 17. Jahrhunderts spielen in Forstners Bilder hinein.

Große Kunst im kleinen Dorf

„Die Malerei erschien mir als das perfekte Medium, um mich mit der Welt und ihren Widersprüchen auseinanderzusetzen, denn sie kennt keine moralischen Fragen – in der Malerei geht es darum, Empfindungen auszudrücken, wie in der Poesie oder in Popsongs“, so der Künstler. Der Ausstellungstitel ist auch einem Song von Depeche Mode entnommen: „It’s a lot, it’s a lot like Life“, in dem es um „Master and Servant“ geht, um Herr und Diener also, um das Spiel von Dominanz, egal, ob im Bett oder im Leben.

In die Bilder eintauchen

Forstner malt mit breitem Pinsel, pastos setzt er die Gewandverzierungen auf die Kostüme, jede Feder ein kleiner Kosmos. Das Blut am Innenwinkel der Augen zeigt seine Detailversessenheit, seine Fähigkeiten in Sachen Pinselstrich. Die Hintergründe der Werke sind manchmal von bonbonhafter Süße, erdbeerfarben und sonnengelb. Die Diskrepanz zwischen den, wenn auch versteckt dargestellten Machtspielen um Erziehung und Unterdrückung, um Vereinsamung und Brutalität, bildet eine weitere Bedeutungsebene. Steht ein Skelett vor so einem Fond, ist man versucht, gerade dieses „memento mori“ anders zu deuten, als „carpe diem“. Schließlich klatscht es ja mit seinen Fäustlingen in die Hände, bewegt sich auf seinen Puschen im fröhlichen Totentanz. Es lohnt sich, in Forstners Bilder einzutauchen.

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