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Guter Jahrgang - Starke Kandidaten im Bären-Rennen

Die Berlinale versteht sich seit jeher als politisches Festival. Im diesjährigen Wettbewerbsprogramm erzählen auch persönliche Schicksale viel von Politik.
Von Nada Weigelt und Peter Claus, dpa

Stammgast bei der Berlinale: der Regisseur Christian Petzold. Foto: Maurizio Gambarini
Stammgast bei der Berlinale: der Regisseur Christian Petzold. Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.Die Superstars machen sich rar, der Glamour-Faktor hält sich in Grenzen - aber mit ihren Filmen hat die Berlinale diesmal einen starken Jahrgang. Schon vor der Halbzeit gingen einige Kandidaten ins Rennen, die beste Aussichten auf einen der begehrten Bären-Preise haben.

Mit dabei ist Berlinale-Stammgast Christian Petzold, der 2012 mit der DDR-Geschichte „Barbara“ den Preis der Jury für die beste Regie gewann. Am Samstag stellte er vor mehr als 1600 Besuchern im Festivalpalast das Flüchtlingsdrama „Transit“ vor. Nach einem Roman von Anna Seghers (1900-1983) verwebt er darin das Schicksal von Exilschriftstellern in der NS-Zeit mit der Flüchtlingssituation heute.

Der Hauptdarsteller Franz Rogowski gibt der Geschichte eine schier ungeheuere Intensität - und empfiehlt sich schon mit diesem Auftritt als Anwärter auf den Darstellerpreis. Am Freitag folgt eine zweite Hauptrolle in Thomas Stubers Liebesdrama „In den Gängen“.

In „Transit“ spielt der diesjährige Shooting Star des Festivals den jungen Georg, der nach dem Tod eines Schriftstellers dessen Identität annimmt und die Flucht vor den Nazis nach Marseille schafft. Dort trifft er auf Marie (Paula Beer). Die geheimnisvolle Schöne sucht ihren Mann - ausgerechnet jenen Schriftsteller, dessen Pass und Ausreisepapiere Georg retten könnten.

Petzold lässt die Geschichte im heutigen Marseille spielen, ohne historische Kulissen und NS-Uniformen. „Ich wollte, dass die Gespenster der Vergangenheit im Heute sind, weil ich sie dann verstehe“, sagte der 57-jährige Filmemacher der Deutschen Presse-Agentur.

Doch manchmal wirkt dieses Schweben zwischen den Zeiten etwas gewollt, der Bezug zur Jetzt-Zeit aufgesetzt. Dass zwischendrin ein namenloser Erzähler immer wieder dem Roman entlehnte Passagen vorliest, verstärkt den Eindruck, als hätte Petzold dem starken Spiel seiner Darsteller nicht genug vertraut.

Ein bedrückendes Schriftstellerschicksal erzählt auch der russische Regisseur Alexey German jr. in seinem epischen, bildstarken Film „Dovlatov“. Der später berühmte Autor Sergei Dovlatov war mit seinen ironischen Texten in der Breschnew-Ära verboten, er starb mit 48 Jahren.

Anhand weniger Tage in seinem Leben zeichnet der Regisseur das ganze Zeitbild einer Gesellschaft nach, die unter Angst, Unterdrückung und Verfolgung leidet - ein Film, der seine erschreckende Aktualität ganz von selbst gewinnt.

Einen bleibenden Eindruck hinterlässt auch der erste paraguayische Film, der je im Berlinale-Wettbewerb lief. Regisseur Marcelo Martinessi erzählt in seinem Spielfilmdebüt „Die Erbinnen“ („Las herederas“) vom Existenzkampf eines älteren lesbischen Paares.

Die Tragikomödie überzeugt mit ihrer hintergründigen Erzählweise, mindestens ebenso jedoch mit der brillanten Hauptdarstellerin Ana Brun. Sie gebe einen Teil ihres eigenen Lebens preis, erzählt sie unter Tränen.

Daneben bietet die Auswahl des zuletzt arg gescholtenen Festivaldirektors Dieter Kosslick auch großartige Unterhaltung. Isabelle Huppert („Elle“, 64) etwa zeigt in dem Psychothriller „Eva“ von Benoit Jacquot erneut die ganze Bandbreite ihres Könnens - als verführerische, aber auch knallharte Femme fatale. Und die Westernparodie „Damsel“ der US-Brüder Zellner hatte trotz mancher Längen viel Witz und Ironie.

Die neue Festivalwoche beginnt mit harten Kontrasten. Neben dem norwegischen Attentats-Drama „Utoya 22. Juli“ steht mit „3 Tage in Quiberon“ ein Porträt von Leinwandlegende Romy Schneider auf dem Wettbewerbsprogramm. Am Samstag (24. Februar) gibt dann die Jury unter „Lola rennt“-Regisseur Tom Tykwer ihre Entscheidungen bekannt. Hoffentlich gibt's genug Bären für dieses Jahr.

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