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Lieder

Hanne Hukkelbergs „andere“ Musik

Die Musikerin aus Norwegen erzählt auf ihrem neuen Album „Birthmark“ Geschichten, mit denen sich jeder identifizieren kann.
Von Helmut Hein

Hanne Hukkelberg macht ihre Zuhörer zu Erzählern. Foto: Mike R. Cruz Angeles
Hanne Hukkelberg macht ihre Zuhörer zu Erzählern. Foto: Mike R. Cruz Angeles

Komponisten unterscheiden sich in ihren jeweiligen Zielen und Vorgehensweisen. Besonders deutlich wird das bei der Norwegerin Hanne Hukkelberg. Sie ist studierte Jazzerin, hat aber in ihrer Karriere schon in einem Dutzend Bands gespielt, dabei von Free Jazz über Folk bis Heavy Metal die diversesten Genres ausprobiert. Mittlerweile macht sie auch Musik fürs Theater und für (Dokumentar-)Filme.

Bemerkenswert sind aber vor allem ihre bisher sechs Solo-Alben, die so divers sind wie nur denkbar. Denn Hukkelberg hat ein Faible für Geräusche aller Art und besonders für sogenannte Field Recordings, also für Originalaufnahmen aus der urbanen und natürlichen Umwelt, deren spezielle Sounds sie gern in ihre Kompositionen montiert. Zudem ist sie Multi-Instrumentalistin, beherrscht neben Stimme (sehr virtuos!), Klavier, Schlagzeug und Gitarre, sampelt gern „noisy“, lässt sich aber auch von der Klangwelt ihrer Kindheit inspirieren, vor allem von der klassischen und slawischen Musik, die dank der Vorlieben ihrer Mutter damals im Haus allgegenwärtig war.

Die verschiedenen Facetten der Hanne Hukkelberg

Das Cover des neuen Albums „Birthmark der norwegischen Multiinstrumentalistin und Komponistin Hanne Hukkelberg, erschienen bei Hukkelberg Music Foto: Foto: Mike R. Cruz Angeles
Das Cover des neuen Albums „Birthmark der norwegischen Multiinstrumentalistin und Komponistin Hanne Hukkelberg, erschienen bei Hukkelberg Music Foto: Foto: Mike R. Cruz Angeles

Zu ihrem neuen, sechsten Album „Birthmark“ erklärte sie zur Verblüffung vieler, dass sie, nach all den „maximalistischen“ Konzepten der Vergangenheit, diesmal versucht habe, „die Produktion so minimalistisch wie möglich zu halten“. Sie wollte vor allem ihre Stimme ins Zentrum rücken und ihr möglichst viel Raum geben. Hanne Hukkelberg als Erzählerin? Nur höchst indirekt, gebrochen und, wie es wohl heißen muss, „referenziell“. Sie wird nie geschwätzig, sondern versucht, durch knappe, stark verdichtete Sentenzen, mythische Strukturen, also wiederkehrende Story-Elemente in uns zu aktivieren. So wird der Hörer zum wahren Erzähler längst vergessener, verdrängter, manchmal auch nur maskierter Geschichten in ihm selbst. Hukkelberg erscheint als eine Art kollektive Poetin, die in einem einzigen Song ein breites Panorama verschiedener Leben versammelt.

„Die Palette reicht von den ganz großen Fragen bis hin zu ganz kleinen, absolut alltäglichen Dingen – schließlich spielt sich mein Leben zwischen diesen Polen ab.“

Hanne Hukkelberg, Sängerin

Die Musik kommt dabei keineswegs zu kurz. Sie ist es, die verborgene Bilder und Abläufe in uns „triggert“. Dazu muss sie sein, was sie bei Hukkelberg immer ist: zugleich sperrig und suggestiv. Jeder Song oder oft besser Track enthält eine Fülle fragmentierter, zersplitterter musikalischer Miniatur-Welten, die sich am Ende weniger fügen, vielmehr sich ineinander verfangen und verhaken. Die Intensität, ja Expressivität, die dabei entsteht, hat paradoxerweise wenig mit Gefühl oder gar Kitsch zu tun. Nichts ist glatt oder sofort eingängig. Wobei aber das Rohe und Raue, das sich einer oft dissonanten Symphonie von Stimmen verdankt, nicht hindert, dass eine ganz eigene Suggestivität entsteht.

Richie Havens im Kopf

Komponistin Hanne Hukkelberg liebt Geräusche. Foto: Mike R. Cruz Angeles
Komponistin Hanne Hukkelberg liebt Geräusche. Foto: Mike R. Cruz Angeles

Manchmal erinnert Hukkelberg, wenn sie (scheinbar?) aus ihrem Leben berichtet und dabei doch nur einzelne Wörter („Crazy“) oder Formeln („Catch Me If You Can“) wiederholt, an Richie Havens als Opener des Woodstock-Festivals, der in seiner Verzweiflung – weil sein damals noch knappes Repertoire erschöpft war – einfach über das Traditional vom „motherless child“ improvisierte und dabei im Grunde nur ein Wort immer wieder in die Menge hinausschrie: „Freedom“. Und alle, die zuhörten, hatten, wie wir jetzt bei Hanne Hukkelberg, den Eindruck, sie seien Zeuge einer großen Geschichte.

Hanne Hukkelberg: Birthmark

  • Klavier:

    Die Songs auf Birthmark basieren auf Improvisationen am Klavier ihrer verstorbenen Großmutter. Das wuchtige Instrument nimmt nicht nur im Studio sehr viel Platz ein, sondern auch in Hukkelbergs Herz.

  • Album:

    Erschienen bei Hukkelberg Music, der MP3-Download kostet circa acht Euro.

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