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Film

Harvey Keitel: Der große Schmerzensmann

Der Schauspieler wird 80. Er hat das amerikanische und europäische Kino der letzten Jahrzehnte geprägt wie kaum ein anderer.
Von Helmut Hein

Harvey Keitel gehört zu den intensivsten Schauspielern seiner Generation. Foto: Jeon Heon-Kyun/dpa
Harvey Keitel gehört zu den intensivsten Schauspielern seiner Generation. Foto: Jeon Heon-Kyun/dpa

Regensburg.Als junger Mann verdingte sich Harvey Keitel bei den Marines. Aus purer Not. Als er entlassen wurde, war er längst zum Pazifisten geworden. Vietnam hatte ihn gelehrt, was Krieg bedeutet. Den wichtigsten seiner Filme sieht man diese Gewaltabstinenz aber nicht an. Sie sind blutig und brutal und lösten diverse Diskurse aus, was man denn überhaupt im Kino zeigen könne und dürfe.

Keitel, der am 13. Mai seinen 80. Geburtstag feiert, gehört zu den intensivsten Schauspielern seiner Generation. Das verdankt er nicht zuletzt Stella Adler und ihrem „Method Acting“. Was aber bei anderen, selbst bei Robert de Niro, oft wie eine Attitüde wirkt, ist bei Keitel pure Natur, die sich Bahn bricht, der innerste, verzweifelte und erlösungsbedürftige Kern des Menschen. Nirgends wurde das vielleicht so deutlich wie in Abel Ferraras „Bad Lieutenant“, der Harvey Keitel offenbar ein solches Anliegen war, dass er ihn als Produzent überhaupt erst ermöglichte.

In „Bad Lieutenant“ spielt Harvey Keitel einen heruntergekommenen New Yorker Polizeioffizier: korrupt, spielsüchtig, drogenabhängig und Rabenvater. Foto: Arte Deutschland
In „Bad Lieutenant“ spielt Harvey Keitel einen heruntergekommenen New Yorker Polizeioffizier: korrupt, spielsüchtig, drogenabhängig und Rabenvater. Foto: Arte Deutschland

Er spielt einen korrupten, verkommenen Polizisten – jedenfalls auf den ersten Blick –-, der aber als tiefgläubiger Katholik um seine Schuld weiß und nach Vergebung sucht. Der „Schmutz“, den er im Metropolen-Dschungel wahrnimmt, verwandelt ihn mit der Zeit in einen großen Schmerzensmann, der nach Gnade schreit und – weil er sie nicht erlangt – selbst barmherzig zu sein versucht.

Ein Film, der verstört

Dieser Film verstört, weil er die moralischen Bedürfnisse des Durchschnittsbürgers konsequent unterläuft, um sie am Ende religiös zu überbieten. Der (sex)süchtige Cop, der sich selbst nicht mehr zu helfen weiß, wird zum Heiler und Lehrer – der vor den drastischsten Methoden freilich nicht zurückscheut.

Harvey Keitel ist der Sohn jüdischer Immigranten, aber seine besten Filme verdanken sich seiner Zusammenarbeit mit katholisch sozialisierten Regisseuren mit Italo-Background: Scorsese, Ferrara und Tarantino. Schon sein erster großer Film, Scorseses „Mean Streets“ (deutsch ein wenig zu dramatisch: „Hexenkessel“), gibt die Richtung vor. Scorsese porträtiert da naturalistisch und mit Dokumentaraufnahmen durchsetzt das mafiotische Little Italy in der Manhattaner Lower East Side.

In „Hexenkessel“ spielt Harvey Keitel (li.) einen Schuldeneintreiber, dem die unkontrollierte Aggressivität seines Protégés Johnny Boy (Robert de Niro) zum Verhängnis wird .Foto: Arte France
In „Hexenkessel“ spielt Harvey Keitel (li.) einen Schuldeneintreiber, dem die unkontrollierte Aggressivität seines Protégés Johnny Boy (Robert de Niro) zum Verhängnis wird .Foto: Arte France

Harvey Keitel spielt einen Schuldeneintreiber, der das Unmögliche versucht: in einem Milieu, in dem Verrat und ungezügelter Egoismus normal sind, loyal und „cool“ zu sein, einen Mann, auf den man sich verlassen kann. Das kann nicht funktionieren, weil dafür die anderen mitspielen müssten, was sie nicht tun – auch nicht sein junger Protégé Johnny Boy (Robert de Niro), dessen unkontrollierte Aggressivität ihm schließlich zum Verhängnis wird.

Auch in Nebenrollen stark

Drei Jahre später arbeiten Keitel und de Niro wieder in einem Scorsese-Film zusammen. Nur dass de Niro in „Taxi Driver“ jetzt die Haupt- und Harvey Keitel als Zuhälter eine Nebenrolle spielt. Aber was heißt hier, was heißt überhaupt bei Harvey Keitel Nebenrolle. Oft ist er am besten, wenn er nicht im Zentrum steht. Wie hier als „Pimp“, der, entgegen dem Augenschein, ein Beschützer der minderjährigen Prostituierten (Jodie Foster) ist, während der psychotische Vietnam-Veteran de Niro in ihm nur den Teufel sehen kann. Noch in einem dritten Scorsese-Film wirkte Keitel mit, wieder in der Hauptrolle: in „Die letzte Versuchung Christi“, gegen den auch in Regensburg einst vor den Kinos demonstriert wurde. Ein Missverständnis. Und doch muss man sagen, dass die erzkatholischen Themen besser zum Tragen kommen, wenn sie nicht so explizit formuliert werden wie in dieser Bibel-Lesart.

In „Der Blick des Odysseus“ schlüpft Keitel die Rolle von Theo Angelopoulos –  ein griechischstämmiger Regisseur, der nach Jahrzehnten in der Fremde in seine Heimat zurückkehrt. Foto: La_Sept/Arte
In „Der Blick des Odysseus“ schlüpft Keitel die Rolle von Theo Angelopoulos – ein griechischstämmiger Regisseur, der nach Jahrzehnten in der Fremde in seine Heimat zurückkehrt. Foto: La_Sept/Arte

So wie Keitel Ferrara gesponsert hatte, so ermöglichte er auch Tarantinos ersten Film „Reservoir Dogs“, diese intime Studie über rasende Gewalt, die aus dem Unglück – in diesem Fall: einem missglückten, „verratenen“ Überfall – erwächst. Auch im nächsten Tarantino-Film, dem längst legendären „Pulp Fiction“, war Keitel dabei. Diesmal als „Cleaner“, als Problemlöser und Tatortbereiniger, der den Dreck beseitigt, den andere bei ihrer Arbeit hinterlassen und dabei nonstop „professionell“ quatscht, bis einem ganz merkwürdig zumute wird.

Keitel hat aber nicht nur Mafia- und Gangsterfilme geprägt, sondern auch Kunstfilme eher europäischer Machart. So spielt er in Theo Angelopoulos‘ „Der Blick des Odysseus“ einen griechischstämmigen Regisseur, der nach Jahrzehnten in der amerikanischen Fremde in seine Heimat zurückkehrt und sie nicht wiedererkennt.

Rätselhafte Zurückhaltung

Bei diesem Road-Movie durch einen über Generationen vom Krieg versehrten Balkan überzeugt Keitel durch eine undurchdringliche, rätselhafte Zurückhaltung, die zu den in langen Einstellungen erfassten (Stadt-)Landschaften passt: Während ansonsten, man denke nur an „Bad Lieutenant“, der Schrei, der animalische Ausbruch, ein paradox viriles Wimmern seine Spezialität waren.

Und dann gibt es natürlich noch Jane Campions vielfach ausgezeichneten Film „Das Piano“, in dem eine Frau (Holly Hunter), die das viktorianische England stumm gemacht hat – man hört nur aus dem Off, was in ihrem Inneren vorgeht –, an einen interessierten Bräutigam ins ferne Neuseeland verkauft wird, in eine totale Fremde, in der nur ihr Klavier ihr beisteht. Und eben dieser Baines (Keitel), der zweifellos ein Weißer ist, aber die Tattoos der Maori trägt und angesichts der verfluchten Zivilisation ein, wenn auch physisch überwältigendes und überforderndes Versprechen verkörpert.

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