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Hass ist die gefährlichste Haltung

Ein kollektives Recherche-Projekt des Theaters Regensburg erlebte im virtuellen Raum eine spannende Premiere.
Von Michael Scheiner

Ein Eindruck vom Recherche-Projekt „Auftritt Demokratie!“: Auf dem Bildschirm zu sehen sind Verena Maria Bauer, Kristóf Gellén, Gero Nievelstein, Franziska Sörensen und Thomas Weber.
Ein Eindruck vom Recherche-Projekt „Auftritt Demokratie!“: Auf dem Bildschirm zu sehen sind Verena Maria Bauer, Kristóf Gellén, Gero Nievelstein, Franziska Sörensen und Thomas Weber. Foto: Theater Regensburg

Regensburg.Wie bei zahllosen anderen Veranstaltungen und Kulturangeboten kam alles anders als geplant. Vorgesehen war die Stückentwicklung „Auftritt Demokratie!“ für das Theater am Haidplatz. Nach den ersten 14 Tagen im Lockdown, in denen Regisseurin Mia Constantine, ihr Team und fünf Schauspieler „wie paralysiert waren und nicht weiter wußten“, mussten sie sich „praktisch neu erfinden“.

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Das taten sie dann auch, ziemlich flott und einfallsreich zudem. Sie bauten eine richtig clevere Website, einen virtuellen Bühnenraum, auf den Zuschauer*innen eigene Texte, Bilder, Skizzen, Audiofiles, also Sprachnachrichten und Videos hochladen und platzieren können. Mit diesen Beiträgen und Themen eröffneten sie einen Diskurs, der von Constantine und dem Team mit theatralen Mitteln aufgegriffen worden ist und weitergeführt wird. Auch nach der Premiere, die vor kurzem im Videokanal des Theaters stattgefunden hat, können neue Nachrichten eingestellt und die Diskussion weiter voran getrieben werden. So entsteht eine andauernde Feedbackschleife, durch die das Reflektierte in einer Onlinevorstellung wieder ans Publikum zurückgespielt und gespiegelt wird.

Ein Eindruck vom Recherche-Projekt „Auftritt Demokratie!“: Auf dem Bildschirm zu sehen sind Verena Maria Bauer, Kristóf Gellén, Gero Nievelstein, Franziska Sörensen und Thomas Weber.
Ein Eindruck vom Recherche-Projekt „Auftritt Demokratie!“: Auf dem Bildschirm zu sehen sind Verena Maria Bauer, Kristóf Gellén, Gero Nievelstein, Franziska Sörensen und Thomas Weber. Foto: Theater Regensburg

Fünf Themenbereiche sind in dem virtuellen Bühnenraum vorgegeben. Zunächst trifft man auf Frau D., die zu einem „kollektiven brainstorming über die letzten Entwicklungen und gesellschaftlichen Prozesse“ einlädt – moralisches Pathos inklusive. Tatsächlich sind die einzelne Tableaus gut gefüllt, gelegentlich sogar anonym, obwohl Frau D. dazu auffordert Gesicht – und Namen – zu zeigen und sich nicht hinter Masken – Pseudonymen – zu verstecken.

Unter „meine Freiheit“ fragt ein Amal Das mit provokativem Ernst: „Steht der Schutz der Schwachen dieser Gesellschaft über meinem Recht auf Freiheit?“ Ein anderer stellt das Video einer Bootsfahrt auf der Donau online und verweist damit auf seine „kleine Freiheit“. Rousseau wird zitiert und im Themenfeld „meine Würde“ schreibt Stephanie bitter: „Viele Menschen kennen die eigene Würde nicht. Sie kennen ‚Ich‘ ‚will‘ ‚Macht‘, ‚Geld‘ und ‚Rechthaben‘“. Weitere Themenfelder sind „Meine Isolation“, „Mein Gesetz“ und „Meine Meinung“, wo es gewitzt und durchaus überheblich heißt: „Setzen wir der schweigenden Mehrheit ein Denkmal. Die Inschrift könnte lauten – ‚Denk mal!‘“

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Für die Videopremiere im Livestream haben die Schauspieler Franziska Sörensen, Kristóf Gellén, Gero Nievelstein, Verena Maria Bauer und Thomas Weber noch eine Menge mehr zur Demokratiedebatte zusammengetragen. Schlagworten und Parolen aller Art, wie sie bei Demonstrationen gerade in den letzten Woche immer wieder laut und lauter geworden sind, stellten sie abwägende Botschaften gegenüber. „Hass ist die furchtbarste“, lautete einer dieser aufgeladenen Aussagen, „und gefährlichste Haltung zur Welt“. Damit erreicht man natürlich keine von den Giftspritzen und Brüllaffen, die als wutschnaubende Minderheit mit rauchenden Fingern durch die sozialen Netzwerke und Chats rasen, um ihren nationalistischen, völkischen und jedweden anderen Müll zu verbreiten.

Das Theater-Projekt

  • Inhalt:

    In der Zeit, in der für die Bürger neue Auflagen und Pflichten entstanden sind, setzt sich das Theaterprojekt mit den Grundfesten der Demokratie auseinandersetzt. Hinterfragt werden Rechte und Organe der Demokratie. Das Grundgesetz wird herangezogen und diskutiert, aktuelle Entwicklungen sensibel in den Theaterprozess einbezogen.

  • Termine:

    Weitere Live-Termine sind am Sonntag, 21. Juni, Samstag, 4., sowie 10. und 11. Juli, jeweils um 19.30 Uhr auf youtube.com

Mit Ein- und Überblendungen, gewitzten Aktionen, die das Sichtbare verdoppeln, hinterfragen oder in Frage stellen, prasseln Aktienmarkt und Solidaritätsstatements, philosophisch aufgeladene Sprüche und Zitate aus Medien auf die Zuschauenden vor den Bildschirmen ein. Es gibt einen Geschichtsexkurs ins antike Griechenland und Nachdenkliches.

Alles in allem eine spannende und anregende Form der Auseinandersetzung, die vielleicht für ältere Zuschauer manchmal zu schnell geschnitten oder kurzzeitig unübersichtlich ist.

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