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Kultur
Dienstag, 22. Mai 2018 27° 3

Ausstellung

Heiko Herrmanns Bilder in Regensburg

Der Kunst- und Gewerbeverein zeigt eine Werkschau des interessanten Ostbayern – mit Gemälden voll unheimlicher Nähe.
Von Gabriele Mayer

„Der mit dem Fleisch tanzt“: Ein Gemälde (Ausschnitt) von Heiko Herrmann, zu sehen in der Ausstellung „Verzurrte Welt“ Foto: Heiko Herrmann

Regensburg. Heiko Herrmann, Maler, Bildhauer und Kunstfeste-Initiator im oberpfälzischen Pertolzhofen, ist einer der interessantesten Künstler Ostbayerns. Er lebt und arbeitet zeitweise in München, immer wieder wurden seine Arbeiten auch in Regensburg gezeigt. Erst jetzt macht eine längst fällige Überblicksschau, eine fulminante Wanderausstellung mit überbordender Farbenpracht, im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg Station.

Herrmanns Bilder springen den Betrachter an, die Motive wirken zerfetzt, zerrissen, an den Rändern scheinen sie zu expandieren. Auf neudeutsch könnte man sagen: Herrmann ist ein Animateur, einer, der mit Kunst unmittelbar einen Impetus, Aktivität, gar Handlung beim Betrachter auslösen kann.

Das kommt nicht von ungefähr, Heiko Herrmann, Jahrgang 1953, absolvierte eine Ausbildung als Glasmaler, stieß dann auf die Künstlergruppe SPUR, genauer auf Heimrad Prem, und ging 1973 bei ihm sozusagen in die Lehre. Die SPUR wiederum, mit ihren ostbayerischen Mitgliedern, war zeitweise die deutsche Dependance der Situationistischen Internationale, einer Bewegung, die auch die Umwälzungen von 1968 beeinflusste. Kunstrichtungen wie Fluxus und Performance gingen und gehen bis heute von ihr aus. Die Idee: Kunst und Leben wirken ineinander, sollen sich befruchten und entsprechen. Die Kunst als Vorbild für das „andere“, schöpferische Leben.

Dieses Denken könnte auf Manche ungewohnt wirken, heute, wo Bilder der Ablenkung, Erhebung oder nur der Dekoration dienen. Zu einem Neu-Empfinden mag es unter dem Lifestyle-Begriff der Intensität kommen, der auf das reduzierte Lebens-Konzept von Karriere, Sport und Unterhaltung reagiert, und sich den schöpferischen, unsteten, auch anstrengenden Kräften und unheimlichen Mächten der Seele wieder zuwendet.

Kunst und Leben verschmelzen

Auch die Symposien und „Kunstdingertage“, die Heiko Herrmann jährlich organisiert, haben im Ineinandergreifen von Kunst und Leben ihren Ausgangspunkt. Dem ostbayerischen Publikum ist freilich ohnehin die krude, wilde, aus dem Unheimlichen und Unbewussten in uns kommende Art der Malerei vertraut, die in der Region in der Tradition der SPUR zahlreiche Nachfolger gefunden hat. Malerei, Kunst als Wirklichkeit, das ist bei Heiko Herrmann notwendigerweise immer etwas Prozesshaftes, er folgt beim Malen nicht einem vorgefassten Schema, sondern den, auch zerrissenen, labilen, archaischen, Zuständen und Vorgängen in sich selbst. Darin ist diese Malerei Vorbild für das Leben als eines lebendigen Geschehens, als etwas Freiem, das auch den Protest enthält.

Heiko Herrmann (Archivfoto: Lex) zählt zu den interessantesten Künstlern in Ostbayern.

Es ist ein anspruchsvolles Konzept, und es setzt einen gefühlsdifferenzierten Menschen voraus, der dem Ungeschlachten und Bedrängenden, Widersprüchlichen und Versehrten in sich nicht ausweicht: ein existenzialistisches Konzept. „Es gibt so viele Abbilder dieser Welt, doch keine Bilder für das wie, warum, wozu … sozusagen die innere Mechanik der Welt. Diese Bilder versuche ich zu erfinden“, sagt Heiko Herrmann. Die Expressivität des Malens zeigt sich in der pulsierenden Kraft und Vielschichtigkeit vor allem der großen Werke, die Fotos nur dürftig wiedergeben können. Die Arbeiten stellen nichts Figuratives dar, eher sieht man etwas abbrechen und aufbrechen, die großen Schwünge, die Kontinuitäten, die Dynamik, Räume und Perspektiven, die sich klaffend öffnen und ineinandergreifen wie gerade zerberstende Maschinenteile.

Lesen Sie mehr über Heiko Herrmann und die Kunstdingertage: hier

Die vitale Wirkung der Werke ist nicht auf einengende und festgefügte Deutungen hin ausgerichtet. Manchmal meint man einen Körperteil, einen Arm, eine fliegende, flehende Hand zu entdecken, im nächsten Moment der Betrachtung wird sie überrollt. Die Farben sind weder symbolisch, noch bilden sie Dinge der Außenwelt ab, sondern ihr Empfindungswert ist entscheidend. Sie fächern sich auf als Komplementärfarben und in Nuancen, signalhaft und dunkel, sie vibrieren, sind diffus, fluten und irrlichtern. Bei den großen Arbeiten sind es die Ambivalenzen, die nichts zudecken, sondern öffnen. Die kleineren Bilder wirken ruhiger und verspielter.

Die kleinen Skulpturen zum Beispiel aus Eisenguss, das sind technisch-organoide Formen, verdichtete, zerborstene, offene, verdrehte Körper. Auch bei den Skulpturen wird der Zwang des Betrachters nach eindeutiger Identifizierung, und nach Identität überhaupt unterlaufen. Aber alles was man sieht hat etwas Suggestives, auch Verstörendes: eine unheimliche Nähe.

Hier geht es zur Kultur.


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