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Interview

Helge Schneiders Revolution

Auf dem neuen Album „Partypeople“ setzt Helge Schneider Dance-Rhythmen ein – für ihn „eine Satire auf Stereotypen von heute“.
Von Olaf Neumann

Helge Schneider bei einem Auftritt 2018 Foto: Uwe Anspach/dpa
Helge Schneider bei einem Auftritt 2018 Foto: Uwe Anspach/dpa

Seit 45 Jahren ist Helge Schneider auf Tour. Anfang August erscheint das neue Album des Komikers und Multiinstrumentalisten.

„Partypeople (beim Fleischer)“ heißt es. Neben modernen Dance-Rhythmen finden sich aber auch politische Songs auf dem neuesten Werk des 64-Jährigen.

Herr Schneider, Ihr neuestes Album erscheint als CD- und als Vinyl-Edition. Sind Sie leidenschaftlicher Plattensammler?

Ich habe nur die Platten zuhause, die mich mein Leben lang begleitet haben. Ein paar davon habe ich verliehen und nicht wiedergekriegt. Das ist besonders traurig, weil es die Platten waren, mit denen ich mich am meisten beschäftigt habe. Zum Beispiel eine Live-LP von Jimmy Witherspoon wurde mir von einer Unbekannten geklaut. Danach war ich vier Tage krank. 40 Fieber!

Eine Schallplatte war in den Siebzigern von ganz anderer Bedeutung als heute, wo immer wieder vom Tod des Albums die Rede ist. Warum machen Sie Platten?

Ich mache heute Schallplatten aus Liebhaberei. Es sieht einfach gut aus. Ich mache das alles selbst. Ich habe alles abgestoßen und mache auch keine Verträge mehr mit großen Plattenfirmen, weil mir die Art der Vermarktung nicht gefällt.

Wurden Ihre Qualitäten von den Plattenfirmen immer gewürdigt?

Natürlich, sonst wäre es nicht zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit Bernd Kowalzik von Roof Music gekommen, die über 30 Jahre gewährt hat. Dort habe ich 1983 meine erste offizielle Schallplatte gemacht, „Seine größten Erfolge“.

Heute sind Sie als Künstler ganz und gar unabhängig. Können Sie mit dem Begriff „Indie“ etwas anfangen?

Garage-Sound hieß das damals auch. Garageband ist heute ein Programm von Apple. Meine Band ist keine richtige Garagenband. Ich habe einen tollen Blues-Gitarristen, den Henrik Freischlader aus Wuppertal und den total motivierten Drummer Thomas Alkier aus Berlin, der sonst bei den Nighthawks spielt. Unser Bassist Ira Coleman lebt in New York. Eine Garagenband müsste sich eigentlich öfters treffen und immer in einer Garage spielen, dann auf Tournee gehen und wieder in die Garage zurückkehren. So ist das bei uns nicht mehr.

Auf Ihrem Album „Partypeople (beim Fleischer)“ spielen Sie keine Alte-Herren-Mucke, sondern moderne Dance-Rhythmen. Welcher Sound schwebte Ihnen vor, als Sie ins Studio gingen?

Wenn ich morgens aufstehe, mache ich immer das Radio an. Dann höre ich zum Beispiel diese moderne Musik mit nur ein oder zwei Harmonien, das muss wohl heute so sein. Davon beeinflusst ist natürlich auf meine aktuelle Musik. Das hört sich im Radio alles wahnsinnig wichtig an, obwohl die Texte absolut hanebüchen sind. Im Grunde genommen ist mein „Dance to the Music“ eine Satire auf die Stereotypen von heute. Es soll ruhig auch mal nerven.

Das Album „Partypeople (beim Fleischer)“ von Helge Schneider ist am 02. August erschienen. Foto: -/Meine Supermaus GmbH/dpa
Das Album „Partypeople (beim Fleischer)“ von Helge Schneider ist am 02. August erschienen. Foto: -/Meine Supermaus GmbH/dpa

Wie haben Sie die Platte aufgenommen?

Ich habe die Songs entweder alleine oder zusammen mit Henrik Freischlader gemacht. Manchmal haben wir nur mit Saxofon und Gitarre drauflosgespielt. So ist zum Beispiel „Ich bin der Party People“ entstanden, wo aber zufällig Peter Thomas das Schlagzeug bedient. „This Is A Political Song“ hingegen haben wir so eingespielt, wie man es auf der Platte hört.

Sie machen jetzt auch Politsongs. Bewirkt es etwas, die Stimme zu erheben?

Kunst ist subversiv. Sie hat sicherlich eine Macht im Untergrund, oft auch über Jahrhunderte verspätet. So ist eben Kunst. Der „Political Song“ ist eigentlich eine Persiflage, aber nicht nur auf den Politsong, sondern auch auf das, was uns bewegt. Heute zentriert sich alles auf den amerikanischen Präsidenten. Klima, Geld, Krieg. Von den Medienberichten über ihn wird man fast erschlagen, deshalb heißt es in dem Song auch „Trump, Trump, Trump!“ Im Grunde genommen sage ich in dem Song gar nicht viel, aber der Hörer muss trotzdem über das Gesagte nachdenken. Ist das schon Aufruf zur Revolution?

Das Stück „Einkaufen“ ist ein Kurzhörspiel über Menschen, die sich gerne reden hören. Was hat Sie dazu inspiriert?

So wie in dem Stück sind die Leute wirklich. Sie erzählen manchmal nur von sich. Ich habe einfach das Tonband angemacht und angefangen zu quatschen, ohne mir vorher Gedanken gemacht zu haben. Dabei habe ich das Tonband auf langsam gestellt, damit ich eine hohe Stimme habe, dann habe ich es schneller gedreht. Die beiden Stimmen fallen sich immer gegenseitig ins Wort. Das ist Jazz. In der zweiten Hälfte der Platte findet sich eine Ballade, auf der ich zuerst Klavier und dann Saxofon spiele, einfach improvisiert. Es hört sich aber irgendwie schön an, und deshalb kam es auf die Platte. So mache ich das jetzt immer. Ich bin ja an nicht an eine große Plattenfima gebunden, wo sowas wahrscheinlich nicht möglich wäre.

„Ich zeige auf, dass man alles machen kann. Hauptsache, es gefällt mir selbst! Wie es anderen gefällt, ist mir erstmal egal.“

Helge Schneider, Musikclown

Kann man das, was Sie machen, als Avantgarde bezeichnen?

Ich zeige auf, dass man alles machen kann. Hauptsache, es gefällt mir selbst! Wie es anderen gefällt, ist mir erstmal egal. Der Rest ergibt sich. Ich stelle fest: Avantgarde!

Machen Sie nur noch Schallplatten für den harten Kern?

Das weiß ich gar nicht. Das haben sich schon Leute angehört, die nicht zum harten Kern gehören. Die können damit etwas anfangen. Vor allen Dingen, wenn man es auf CD im Auto hört. Wenn man sich auf den verschiedenen Autobahnen in Deutschland durch den Verkehr wühlt, hat man wenigstens Spaß dabei.

In „Leber Blues“ warnen Sie vor Alkoholmissbrauch. Haben Sie sich anfangs mit Alkohol in Stimmung gebracht?

Nicht, dass ich mich erinnern könnte. Ich glaube, dass ich mich nicht extra in Stimmung bringen muss. Das Prozedere meines Berufes bringt mich schon im Stimmung genug.


Das Album erscheint zu Ihrer Gastspielreise „Pflaumenmus - die Tournee zum Mus“. Was reizt Sie daran, Stücke wie „Lonely Pony“ oder „Kirmes Blues“ live zu spielen?

„Lonely Pony“ ist ein toller Westernsong. Den haben wir schon im Frühjahr gespielt. Carlos kriegt bei dem Song immer einen Riesenapplaus für den Mittelteil, den er auf der andalusischen Dulcaima spielt. Das ist eine hölzerne Tröte mit einem Fagott-Mundstück. Die Leute finden das gut, weil es authentisch ist und wir den Song unheimlich gerne spielen. Das ist das Geheimnis bei allem, was wir machen. „Dance To The Music“ können wir auf 20 Minuten ausdehnen, weil ich dazu immer etwas Neues erfinden kann. „Ich drück die Maus“ und „Klapperstrauß“ waren ähnlich tolle Songs. Dazu kann ich wunderschön tanzen, weil sie so funky sind. Auch das ist wichtig.

Warum treten Sie noch immer so oft live auf?

Ich mache das nicht nur für mich, damit ich Geld verdiene. Das ist ein Auftrag, das macht ja Spaß, wenn die Leute alle froh und glücklich sind. Und man selber auch. Würde man es nur wegen der Kohle machen, kann man gleich zuhause bleiben. Das geht ja nicht.

Wie fühlt es sich an, mit Henrik Freischlader zu arbeiten, der verschiedenste Spielarten drauf hat?

Wir kommen unheimlich gut miteinander klar, egal, ob ich Klavier oder Gitarre spiele. Er ist zudem ein guter Schlagzeuger. Ich krame immer irgendwelche besonderen Gitarren raus, die er dann spielen soll. Ich habe eine Sammlung, das ist ja nicht mehr schön: alte Gibson-Gitarren und eine Stratocaster von 1960.

Welche neuen Instrumente werden Sie bei der Tour spielen?

Das weiß ich noch nicht, aber ich hatte schon mal eine Hawaii-Gitarre mit. Ich habe auch eine Mandoline, die ich noch nie gespielt habe, aber irgendwie ist das Ding gut.

Der Musikclown

  • Tournee: Anfang August veröffentlicht Helge Schneider das Album „Partypeople (beim Fleischer)“, das er auch live vorstellt. Das Motto der Konzertreise durch Deutschland und Österreich: „Pflaumenmus - die Tournee zum Mus“. Mit ihm auf der Bühne stehen der deutsche Bluesgitarrist Henrik Freischlader und der amerikanische Jazz-Bassist Ira Coleman. Er zupfte bereits für Herbie Hancock und Sting den Bass.

  • Platte: Helge Schneider: „Partypeople (beim Fleischer)“ erscheint als CD/LP bei Cable Car Records/Alive.

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