MyMz

Helmut Sturm: Der SPUR-Mitbegründer ist tot

Nachruf Helmut Sturm, einer der wichtigsten Künstler Süddeutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist im Alter von 76Jahren gestorben.

Gestisch-dynamisch gesetzte Farbkaskaden: Der Maler Helmut Sturm Foto: Archiv

Von Harald Raab, MZ

MÜNCHEN. Wenn man sich nach Albert Camus Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen darf, dann war Helmut Sturm der Künstler, Professor, Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der wache und stets zum Engagement bereite Bürger, glücklich – lebensglücklich. Das heißt, er hat mit Geduld, stets freundlich, mit flexibler Intelligenz, kreativ und konsequent seinen Stein gewälzt.

Jetzt hat der schöpferische Mensch aus dem Bayerischen Wald – 1932 in Furth im Wald geboren – seinen letzten Kampf gekämpft, gegen seine leidvolle, schwere Krankheit. Seine Frau Veronika hat ihn liebevoll begleitet. Helmut Sturm starb am Dienstag in München. Am heutigen Donnerstag wäre er 76 Jahre alt geworden.

Sturm war der letzte der vier SPUR-Gründer nach Heimrad Prem aus Roding, H.P. Zimmer aus Hamburg und Lothar Fischer aus Neumarkt.

Anfänge vor 50 Jahren in München

Die vier so unterschiedlichen Künstler haben in den 50er und 60er Jahren deutsche Nachkriegskunstgeschichte geschrieben – gegen Akademismus und Informel, gegen Vereinnahmung der Kunst für das so genannte „Schöne, Wahre und Gute“, das ihnen laut ihrem ersten Manifest von 1958 ein Mörderstück war. Sie waren jung und laut, damals und haben der 68er-Bewegung in München witzig-geistvolle Impulse gegen. Dafür landeten sie prompt auch vor dem Kadi, mussten ins schwedische „Exil“ gehen.

Helmut Sturm war die treibende Kraft der Gruppe und ihr führender Kopf, wie Lothar Fischer einmal gesagt hat. Rückblickend musste er aber feststellen, dass die Kunst zwar Beispiele für kreativen Wandel, für den Mut zu Neuem geben könne, dass gesellschaftliche Entwicklung aber ihre eigenen Kräfte mobilisieren müsse, um Erfolg zu haben.

SPUR – 1958 in München gegründet – hat zweierlei bewiesen: Dass die Arbeit in der Gruppe eigene Qualitäten entwickeln kann. SPUR war so etwas wie ein immerhin acht Jahre währender Selbstversuch zur Überwindung der Mär vom Künstlergenie, von Individualismus als einzige Quelle der Inspiration in der Kunst.

Aber auch dafür stehen die Lebenswerke von Fischer, Prem, Sturm und Zimmer: Die Arbeit im Kollektiv hat nicht nur inhaltlich-ästhetische Synergie-Effekte gezeitigt. Sie hat auch die einzelne künstlerische Schaffenspotenz enorm erweitert. Die SPUR-Leute haben im Nachkriegsdeutschland als erste wieder bewusst gemacht, dass Wissenschaft und Technik bestimmend für die Kunstproduktion der Moderne sind.

Natürlich haben solche Kollektiv-Experimente zeitlich und sicher auch inhaltlich ihre Grenzen. 1966 kommt es zu einer neuen Gruppen-Bildung. SPUR und die Arbeitsgemeinschaft WIR verschmelzen zum neuen Kreativ-Team „Geflecht“. Es entstehen die gemeinsamen „Antiobjekte“, Sturm arbeitet dabei mit Florian Köhler und Heino Naujoks zusammen.

Maler des Lichts

Sturm ist dem Spannungsfeld zwischen künstlerischer Individualität und Gruppendynamik treu geblieben – nicht zuletzt als Professor von 1980 bis 1982 in Berlin und von 1985 bis 1998 an der Münchner Akademie – im lebhaften Austausch mit seinen Studenten. Sturms Schaffen galt bis zuletzt der Erkundung von Fläche und Form. Und das alles mit betonter Lust zur Farbe. War anfangs noch Figuratives und Narratives in seinen Bildtableaus vorherrschend, so wurde es später zum gleichermaßen emotionalen wie intellektuellen „Spiel zwischen Form und Farbe, Muster und Grund, aber auch zwischen heterogenen Lebensenergien und Kräften: Dynamik und Geschlossenheit, Verflechtung und Schichtung, Nähe und Entfernung, Konstruktion und spontaner Vitalität, Ordnung und Expansion“. So bringt es die exzellente Sturm-Kennerin Pia Dornacher auf den Punkt.

Helmut Sturm war immer ein Maler des Lichts, das sich in seinen gestisch-dynamisch gesetzten Farben manifestiert. Auf die Frage, was es denn für ihn bedeute, seine Wurzeln im Bayerischen Wald zu haben, hat er geantwortet: Es seien wohl die Farben, das besondere Licht dieser Region, die in seinen Arbeiten ihren Widerhall fänden.

Wichtig ist beim Verständnis seiner Bilder der Begriff der ästhetischen Energie: Ein Pinselstrich provoziert den anderen, eine Farbsetzung die andere. So entstand der so originäre Rhythmus seiner Bildkompositionen. Das ist mehr als Farbfeldmalerei, mehr als gestische Malerei: Das ist Helmut Sturms Vermächtnis seines Unterwegsseins als Künstler in der ganzen zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein umfangreiches Werk, deutschlandweit, ja europaweit ausgestellt, in wichtigen Sammlungen vertreten, gibt davon Zeugnis.

Ausstellung in Schwandorf

Seine letzte Ausstellung mit Papierarbeiten in der Galerie im Woferlhof (Wettzell bei Bad Kötzting) und die zur Zeit laufende Ausstellung mit vorwiegend Leinwandarbeiten im Oberpfälzer Künstlerhaus in Schwandorf sind eine Apotheose einer bis zuletzt fruchtbaren künstlerischen Potenz.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht