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Literatur

Herta Müller: Wahrheit hinter Wörtern

Die Nobelpreisträgerin Herta Müller wird 65: Ihre Lesung Mitte der 1980er Jahre im Dollinger-Saal war ein großes Spektakel.
Von Helmut Hein

Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller feiert ihren 65. Geburtstag. Foto: Arno Burgi/dpa
Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller feiert ihren 65. Geburtstag. Foto: Arno Burgi/dpa

Regensburg.Regensburger Buchhändler haben ein gutes Gespür für Qualität. Das galt für Fred Strohmaier, bei dem der ganz junge Peter Handke seine erste Lesung überhaupt hatte. Und für Ulrich Dombrowsky, bei dem etwa Imre Kertész oder Herta Müller lasen, lange bevor sie den Nobelpreis erhielten und in aller Munde waren.

Obwohl: Die Lesung mit Herta Müller Mitte der 1980er Jahre im Dollinger-Saal war auch damals schon ein großes Spektakel. Dafür war nicht, wie befürchtet, der berüchtigte Geheimdienst Securitate verantwortlich, der Herta Müller dauerhaft im Visier hatte, sondern es waren Mitglieder bzw. Sympathisanten der Banater Landsmannschaft. Was erregte die zumeist älteren Herren so sehr, dass sie sogar das gute Benehmen vergaßen und lauthals herumpöbelten? Nun, es gibt eine frühe Erzählung von Herta Müller, die manche eine Satire nennen. Was eine Verharmlosung darstellt, denn die Autorin sagt ja bloß, wie es war und wie es immer noch ist.

„Nun, es gibt eine frühe Erzählung von Herta Müller, die manche eine Satire nennen. Was eine Verharmlosung darstellt, denn die Autorin sagt ja bloß, wie es war und wie es immer noch ist.“

„Das schwäbische Bad“ beschreibt, wie sich eine Siebenbürger Großfamilie samt Gesinde einmal in der Woche die Badewanne teilt. Alle steigen sie nacheinander in dasselbe Wasser, das mit der Zeit immer trüber und schließlich schwarz wird. Der Vorwurf der Banater Schwaben: „Nestbeschmutzung“. Man darf alles sein, nur eben nicht „unreinlich“. Vielleicht hätte es die aufgeregten alten Männer getröstet, dass diese Praxis auch in anderen Gegenden weit verbreitet ist.

Unaussprechliches aussprechen

Diese frühe Erzählung war – scheinbar zumindest – leicht verständlich. Was sie aber mit den späteren, nicht mehr so ohne weiteres dechiffrierbaren Texten Müllers gemein hatte: dass sie etwas ausspricht, das, warum auch immer, nicht ausgesprochen werden darf. Genau dieses Sprech- und Schreibverbot macht Literatur in totalitären Systemen – und die Familie ist unter Umständen eine Miniaturform eines solchen Systems – so mächtig. Lass alles zu und die Leute hören auf zu lesen. Das war das Schicksal der Literatur in den Ex-Ostblockstaaten nach 1989.

Man versteht aber Herta Müller nicht richtig, wenn man nur auf die Inhalte achtet. Entscheidend ist die Sprache. Die kommt in doppelter Hinsicht vom Rand, von der Peripherie. Es ist eine ländliche, bäuerliche Sprache und eine Sprache der Diaspora. Das macht sie hart. Man hört das Herta Müller, nach fast drei Jahrzehnten immer noch an, wenn sie spricht, aber ihre Sprache ist präzise und bilderreich. Jedes Wort ist bei ihr ein Vogelnest. Es wird bei ihr so einiges ausgebrütet, von dem man noch gar nichts ahnt.

Beispielhaft für viele Orte

Ist Herta Müller die Autorin eines Themas, ihrer frühen traumatisierenden Erfahrungen mit dem Geheimdienst des Ceausescu-Regimes? In gewisser Weise ja. Nur wird daraus bei ihr eine Metapher vielleicht nicht auf den allgemeinen, aber jedenfalls auf einen weitreichenden Weltzustand. Denn Verführung und Gewalt und Versuche, die Identität des anderen zu zerstören oder zumindest auszuhöhlen, gibt es an vielen Orten und zu vielen Zeiten. Man hat Müller manchmal vorgeworfen, dass sie das Konkrete meidet, dass gewissermaßen Name und Anschrift, wie Brecht das nannte, fehlen. Aber genau das macht die Macht dieser Texte aus. Sie können deshalb alles überwuchern, alles in sich hineinziehen.

Stationen von Müllers Leben sehen Sie in unserer Bildergalerie:

Herta Müller wird 65

Es geht von Herta Müllers Büchern eine große Beunruhigung aus. Vielleicht, weil sie das Vertrauen in den Ablauf der Dinge (zer)stört, weil man, wie es in der Kritik immer wieder heißt, den Eindruck nicht los wird, dass etwas nicht stimmt. Sofern man sich überhaupt orientieren kann. Denn diese Texte haben etwas Verwunschenes. Es handelt sich um Märchen aus der Gegenwart. Nur dass diese Märchen grausamer sind, als es bei diesem Genre ohnehin üblich ist.

Oft heißt es über die Moderne, ihre Texte seien Stück-Werk, das Prinzip der Collage und der Montage dominiere zu sehr. Für Herta Müller gilt das mehr als für andere Autoren. Denn zu ihrem Werk gehören einige Arbeiten, die nur mit Schere und Klebstoff entstanden sind. Sie schneidet einzelne Worte aus Zeitungen und Zeitschriften aus und fügt sie dann anders, neu zusammen. Sie selbst sagt zu ihrer Poetik, dass für sie jedes Wort zunächst einmal für sich stehe. Und dass sie dann den Hof der Bedeutungen erkunde, die sie aus sich entließen. So wie es in der Astrophysik die Singularitäten gibt, bei denen sich alles in einem Punkt ohne Ausdehnung zusammenzieht, so könnte es bei Herta Müller scheinen, als stecke in jedem einzelnen Wort schon ein ganzer Roman und sie sei auf der Suche nach ihm.

„Atemschaukel“ ist ihr wichtigster Roman

  • 2009 veröffentlicht:

    Der Roman „Atemschaukel“ ist in doppelter Hinsicht autobiografisch. Denn Herta Müllers Mutter wurde nach 1945 in die Lager im Osten verschleppt.

  • Sprachverdichtung:

    Und ihr Kollege Oskar Pastior hatte ihr in langen Gesprächen von seinen eigenen Erfahrungen berichtet. Pastiors Sprachverdichtung findet sich bei ihr wieder.

  • Kollaboration:

    Oskar Pastior wurde kurz darauf und postum der Kollaboration „überführt“. Dissidenz und Verrat, das sind offenbar Dinge, die zusammengehören.

  • Wie Solschenizyn :

    Sie erkundet im Roman das System der Lager wie vor ihr etwa Solschenizyn in „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“; nur radikaler, zersplitterter, „schwärzer“.

2009 erhielt Herta Müller – für viele überraschend – den Literaturnobelpreis. Solche Auszeichnungen sind immer auch ein politisches Bekenntnis. Allerdings hatte Herta Müller in diesem Jahr auch „Atemschaukel“ veröffentlicht, ihren vermutlich wichtigsten Roman, wenn man es denn einen Roman nennen kann und soll. Dissidenz und Verrat, das sind offenbar Dinge, die zusammengehören. Wer ohnehin schon ausgeliefert ist, kann auch dem Nächsten nicht vertrauen. Vielleicht nicht einmal sich selbst? Jedenfalls gibt es auch die heftig umstrittene „Müller-Kontroverse“, in Wikipedia mit durchaus ungutem Gefühl ausgebreitet, in der sie von einem Siebenbürger Kollegen, Carl Gibson, beschuldigt wird, dass sie dem Ceausescu-Regime sehr viel näher stand, als sie ihr Leben lang behauptete, dass ihre Anti-Securitate-Haltung nur eine Art Maske sei, hinter der sich ein tiefes Einverständnis verberge, mit dem sie jetzt, im Nachhinein, nur schlecht zurechtkomme. Wahrheit oder jedenfalls eine Facette einer komplexen historischen Realität oder einfach nur üble Nachrede einer Erfolgreicheren gegenüber, interessierte „fake news“? Fest steht jedenfalls, dass die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller am 17. August 65 Jahre alt wird.

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