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Kabarett

Hier fängt die Freiheit erst an

Wenn Greta-Fans aufheulen, liegt der Kabarettist richtig, sagt Peter Nikisch. Er verteidigt Dieter Nuhr.
Von Peter Nikisch

  • Kabarettist Dieter Nuhr lässt in seinem Programm auch Greta Thunberg nicht ungeschoren. Dafür steht er seit Monaten bei Teilen der Netzgemeinde in der Kritik. Ebensoviele verteidigen ihn auch – so wie unser Gastautor. Foto: Henning Kaiser/dpa
  • Ein kritischer Kopf: Peter Nikisch vom Statt-TheaterFoto: altrofoto.de

Regensburg.Kabarettist Dieter Nuhr erlebt schon wieder einen Shitstorm. Er hat wiederholt Greta Thunberg aufs Korn genommen. Ich habe dazu in den (un-)sozialen Medien Stellung genommen, weil sich auch eine erkleckliche Anzahl mir bekannter Kollegen plötzlich bemüßigt fühlt, Dieter Nuhr für seine Äußerungen bei „Nuhr im Ersten“ zu maßregeln, und die Greta-Glaubensgemeinde es anscheinend nicht erträgt, wenn sie für ihre bedingungslose Befürwortung der quasi Heiligsprechung ihrer Ikone mit der Dieter Nuhr eigenen Ironie bedacht wird.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Nuhr irgendwann in seinen Sendungen „zu weit“ (was immer es bedeuten mag) gegangen sein soll. Ironische und satirische Betrachtungen des „Phänomens“ Greta sind eine Selbstverständlichkeit des politischen Kabaretts und können natürlich Phantomschmerzen bei deren Anhängerschaft auslösen. Aber was löst heutzutage nicht alles Irritationen aus?

Ein Kabarettist mischt sich ein

  • Das Thema:

    Ein Rezensent schrieb nach einer Nuhr-Show, der Kabarettist habe eine Analogie zwischen Thunberg und Hitler hergestellt. Das Netz tobte. Der Kieler Verlag hat den Text aber mittlerweile gelöscht und sich entschuldigt.

  • Der Autor:

    Unser Gastautor Peter Nikisch ist Gründer, Kopf und guter Geist der Regensburger Kleinkunstbühne Statt-Theater. Jahrelang hat er Programme für das hauseigene Ensemble geschrieben und gespielt. Er ist Kulturpreisträger der Stadt.

  • Mitreden:

    Was denken Sie? Schreiben Sie uns: leserbriefe@mittelbayerische.de

Die Hypermoralität mancher Glaubensgemeinschaften muss selbstverständlich von einem Kabarettisten ironisch hinterfragt werden, und wenn die Gemeinde aufheult, weiß ein Kabarettist, dass er richtig liegt. Wenn wir jetzt anfangen, über Selbstverständlichkeiten zu diskutieren, ist das ein erster Schritt auf dem Weg in ein „betreutes Kabarett“, wie ich es aus der ehemaligen DDR her kenne. Ursel Schmitter und Gerd Holger, Ex-Mitglieder der Leipziger Pfeffermühle, haben es bei ihren Auftritten im Statt-Theater 1987, also vor dem Mauerfall (sie waren da schon in Rente und durften reisen), geschildert.

Satire wurde gern geknebelt

Die beiden erzählten, dass bei Proben von Neuproduktionen stets die Staatssicherheit im Zuschauerraum saß, mitschrieb oder auf Kassette aufnahm und anschließend in einem „wohlwollenden“ Gespräch die allzu kritischen Passagen „diskutiert“ wurden und dann sogenannte Verbesserungsvorschläge von der Stasi kamen, die die Autoren des neuen Programms dann ebenso wohlwollend in ihre Szenen „freiwillig“ integrierten, weil sie „einsahen“, dass sie sich bei den Formulierungen „zweifellos vorhandener sozialistischer Mängel“ doch ein wenig vergaloppiert hatten, schließlich sollte ja nicht das „System“ kritisiert werden, sondern die „menschlichen Schwächen“ bei der mangelhaften Umsetzung zum Beispiel des 5-Jahresplans der glorreichen Partei.

Immerhin war die Stasi dann während der Spielsaison nur noch sporadisch im Publikum, wusste auch nicht mehr so genau, was sie beanstandet hatte, so dass die ursprünglichen Versionen der Szenen meist wieder aufgenommen werden konnten. Trotzdem war es immer ein Vabanquespiel, denn Defätismus am Staat wurde mit Arbeitsverbot, Schließung des Theaters und strafrechtlichen Konsequenzen für die Kabarettisten, Schauspieler und Verantwortlichen sanktioniert.

Harmloser als Böhmermann

Ich möchte hier beileibe keine Vergleiche zwischen der DDR und der Bundesrepublik ziehen, denn heute ist es nicht der Staat, der sich in die Inhalte eines Kabarettisten einmischt, das tut er explizit nicht, aber manche Organisationen und Medien haben sich (in vorauseilendem Gehorsam?) der Aufgabe angenommen, missliebige Meinungsäußerung aus bestimmten Betrachtungswinkeln zu missbilligen und öffentlich an den Pranger zu stellen.

Auch der 20 Jahre lang hochdekorierte Kabarettist Uwe Steimle, hat es schon auf die Liste der meinungstechnisch unsicheren Kandidaten geschafft. Der MDR plant die Einstellung aller Formate mit ihm.

Wenn Böhmermanns „Schmähgedicht“ unter Meinungsfreiheit fällt, sollten nahezu harmlose Äußerungen von Nuhr zu den Gretaisten nicht künstlich aufgeblasen, sondern als Selbstverständlichkeit in der öffentlichen Meinungsäußerung angesehen werden. Und über Selbstverständlichkeiten braucht man keine Diskussionen zu führen. Noch nicht, jedenfalls.

Zum Schluss noch zwei Bonmots von Werner Finck: An dem Punkt, wo der Spaß aufhört, beginnt der Humor. Und: Da, wo’s zu weit geht, fängt die Freiheit erst an.

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