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Album

Hungernde Dämonen

Tillman Rossmys Gruppe „Die Regierung“ setzt mit ihrem Meisterwerk „Was“ Maßstäbe für deutschen Pop.
Von Helmut Hein

Die Regierung, das ist vor allem Tilman Rossmy als der große Geschichtenerzähler (Gesang und Gitarre; Mitte). Außerdem: Ivica Vukelic (Gitarre; l.), Robert Lipinski (Bass; 2. v. l.), Ralf Schlüter (Synthesizer und Piano; r.) sowie Alexander Fürst von Lieven (Schlagzeug; 2. v. r.) Foto: Christoph Voy
Die Regierung, das ist vor allem Tilman Rossmy als der große Geschichtenerzähler (Gesang und Gitarre; Mitte). Außerdem: Ivica Vukelic (Gitarre; l.), Robert Lipinski (Bass; 2. v. l.), Ralf Schlüter (Synthesizer und Piano; r.) sowie Alexander Fürst von Lieven (Schlagzeug; 2. v. r.) Foto: Christoph Voy

Berlin.Tilman Rossmy hat Robert Forsters Selbstvergewisserungsbuch „Grant und Ich“ gelesen. Forster und seine Kunst des autobiografischen Erzählens zählen zu seinen Vorbildern. Man könnte auch noch ein wenig höher greifen und Bob Dylan nennen, der für seine dichten, bilderreichen Lyrics den Literaturnobelpreis erhielt. Aber hat Rossmy solche Vergleiche – auch wenn sie noch so naheliegen, auch wenn er sie selbst ins Spiel bringt – überhaupt nötig?

„Was“ wird gern das zweite Comeback-Album der „Regierung“ genannt, weil Rossmy nach zwei Jahrzehnten Solo-Pause seine alte Band, ein wenig renoviert, jetzt neu in Szene setzt. Aber Rossmy bleibt, ob solo oder mit Band, in seiner unaufgeregten Nachdenklichkeit stets er selbst. Nur dass er seine Beobachtungen und Reflexionen von Mal zu Mal noch ein wenig mehr intensiviert. Nicht überambitioniert, sondern wunderbar beiläufig.

„Was“ von Die Regierung

  • Cover:

    Der Musiker und Maler Jakobus Durstewitz (JaKönigJa, Die Vögel) gestaltete das Artwork des Albums.

  • Erschienen

    ist das Album beim Berliner Label Staatsakt/Caroline International. Die CD kostet ca. 18 Euro, die LP ca. 20 Euro und der Download ca. 10 Euro.

„Was“ von Die Regierung ist beim Berliner Label Staatsakt/Caroline International erschienen.
„Was“ von Die Regierung ist beim Berliner Label Staatsakt/Caroline International erschienen.

Auf „Was“ – könnte man meinen, wenn man das Erzähler-Ich einfach mit dem biografischen gleichsetzt – zieht er ein Resümee seines Lebens: von der glücklichen Kindheit, als die ganze Welt noch ein großer Spielplatz war, über die allmähliche Verdunkelung der Existenz in Pubertät und Adoleszenz bis hin zu den zahlreichen Beziehungs-Dramen, die er nie selbstmitleidig, eher voller Ironie Revue passieren lässt. Und dabei – wie es leitmotivisch gleich im Opener „Reigen“ heißt – die Dämonen „verhungern“ lässt, weil er die wuchernden Gedanken, von denen sie sich nähren, auf die Erinnerung und Beschwörung der einen verlorenen großen Liebe konzentriert: „Bist du immer noch da, wo du immer schon warst?“ Und fast noch wichtiger: „Ist immer noch wahr, was du mir einst ins Ohr geflüstert hast?“

Der Typ, „der nie etwas konnte“

Tilman Rossmy

Ja, alles gilt offenbar leider nur in dem Augenblick, in dem es geschieht. Und was kommt danach? Alles andere. All die anderen Affären. Rossmy erzählt von dem „wunderschönen Paar“ (in den Augen der anderen!), bei dem aber dummerweise rasch die Chemie nicht stimmt. Besonders dumm, weil die längst verlorene Frau auch noch schwanger ist und bloß noch zurück zu ihrer Mutter will. Was hilft da? Vielleicht die Kunst. Aber Rossmy beschreibt sich allzu demütig und damit Widerspruch herausfordernd als den Typen, „der nie etwas konnte“, höchstens vier oder fünf Akkorde (immerhin!), die er in einem Volkshochschulkurs gelernt hat. Das aber, heißt es sofort, reicht nicht, „jedenfalls nicht in deiner Heimatstadt, vielleicht in Hamburg“.

„Die Regierung“ auf der Baustelle Biografie Foto: Christoph Voy
„Die Regierung“ auf der Baustelle Biografie Foto: Christoph Voy

Ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Essener Spät-Punk in der Hansestadt als eigenwilliger Teil der dortigen „Schule“ Karriere gemacht hat. Musikalisch ist „Was“ raffiniert, aber nie überladen. Das Album, das vom perkussiven Klopfen, von analogen Synthesizern und vielen kleinen Gimmicks geprägt wird, hat zweifellos Pop-Appeal. Und man bekommt stets genug zu denken. Hoffentlich bekommen das die stets hungrigen Dämonen nicht mit. Was hilft, im Fall des Falles? Rossmy sagt es, altersweise, im Rausschmeißer-Stück „Alter Hase“: „Wenn du unten bist, dann sorgst du schon ganz gut für dich. Aber du musst lernen, auf dich aufzupassen, wenn es dir gut geht.“ Glück kann eine Falle sein.

Wie das klingt? Zum Beispiel so – das Stück „Alles was du verlierst“.

Der Song „Woher kommst du“ stammt von 2017 aus dem Album „Raus“ – hier das Video:

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