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Rock

Ian Gillan macht keine Kompromisse

Er ist viel mehr als der Frontman von Deep Purple. Der Sänger zeigte in seiner langen Karriere immer wieder neue Facetten.
Von Alois C. Braun, MZ

Ein Ausnahmesänger: Ian Gillan
Ein Ausnahmesänger: Ian Gillan Foto: Alois C. Braun

Nürnberg.Er ist der Sänger einer der einflussreichsten und größten Bands der Rockhistorie. Seine erfolgreiche Karriere dauert bald 50 Jahre und hatte nicht nur Höhen. Dafür offenbarten sich oft die unterschiedlichsten, meist unerwarteten musikalischen Facetten. Ian Gillan war immer mehr, viel mehr, als der Frontmann von Deep Purple. Egal, ob man seine Produzententätigkeit für die damalige Hardrock-Hoffnung „Jerusalem“ aus England nimmt (es gibt eine gleichnamige schwedische Band), seine grandiose Leistung in der Rockoper „Jesus Christ Superstar“, die außergewöhnlich souligen und anfangs böse kritisierten Soloalben „Child in time“ und „Clear air turbulence“ oder sein Album mit Black Sabbath: Ian Gillan brillierte mit Persönlichkeit, einzigartigem Ausdruck und machte keine Kompromisse. In Nürnberg gab der Sänger MZ-Autor Alois C. Braun ein Interview – und zeigte sich als sehr gut aufgelegter Gesprächspartner.

Du warst bereits drei Mal auf Tour mit „Rock meets Classic“. Was ist der besondere Reiz dieser Konzerte?

Ich liebe diese Konzerte. Sie laufen ganz anders, als die mit Deep Purple. Man muss jeden Abend das Gleiche abliefern, es viel mehr durchgeplant und trotzdem bleibt es eine Herausforderung! Bei Deep Purple ist sehr viel mehr Platz für Improvisation und man weiß vorher nie, was auf der Bühne passieren wird.

Du hast schon oft in Regensburg gespielt. Hattest du jemals Gelegenheit, die Stadt anzuschauen?

Ich kenne das Taj Mahal, den Tafelberg, den Kreml und viele andere Punkte auf der Welt. Regensburg konnte ich mir bisher nicht anschauen (schmunzelt). Da wir meist jeden Abend spielen bleibt auch nicht viel Zeit für Besichtigungen auf den Tourneen. Meist komme ich erst im Dunkeln an und fahre danach auch gleich wieder weiter.

Eine Referenz für deine Stimme ist die Originalaufnahme von „Jesus Christ Superstar“, etwa der Song „The Temple“. Da steckt in ein paar Sekunden alles drin wofür deine Stimme steht. Hattest du Einfluss auf das Songwriting bei Andrew Lloyd Webber?

Das war damals eine wunderbare Sache. Tim (Rice) und Andrew schrieben Musik und Text. Die Melodie war vorgegeben, aber ich hatte bei der Interpretation die komplette Freiheit und die Möglichkeit, die Songs so wiederzugeben, wie ich mir das vorstellte. Tim sagte zu mir: Sing so, wie du es für richtig hältst! Wir wissen wie du klingst und welche Intensität du liefern kannst. Deshalb haben wir dich engagiert!. Und Andrew meinte dann nur: Aber übertreib nicht! (lacht).

„Child in time“ und „Clear air turbulence“, deine ersten beiden Soloalben nach dem Split mit Deep Purple, waren musikalisch in ganz anderem Gewand und kamen bei der Kritik nicht so gut an. Warum der Stilwechsel und wie nah gehen einem schlechte Kritiken?

Es ist immer wichtig seinen Ideen zu folgen und sich zu entwickeln, mit anderen Musikern zu arbeiten, in anderen Studios aufzunehmen und sich auf Neues einzulassen. Und da kommen dann eben andere, unerwartete Sachen heraus. Für mich war es sehr wichtig damals, etwas komplett anders zu machen. Ich hatte immer einen breiten Background und bin mit unterschiedlichster Musik aufgewachsen. Mein Opa war Opernsänger, mein Onkel Jazzpianist und ich sang als Kind Sopran im Kirchenchor. Dann hörte ich „Heartbreak Hotel“, kam über Jon Lord, Ian Paice und Ritchie Blackmore mit Klassik, Big Band Sound und vielen anderen Stilen in Berührung. Und jede Stilrichtung war aufregend und spannend. Was die Kritiken zu den ersten Soloalben betrifft: sie wollen halt, dass du immer wieder das Gleiche machst und akzeptieren keine Weiterentwicklung. Ich habe mir stets die Freiheit genommen, das zu machen, was ich wollte. Pavarotti sagt einmal zu mir: Ich habe dich sechs Mal live gesehen und immer klang „Smoke on the water“ anders. Ich beneide dich darum! Wenn ich bei meinen Interpretationen von bekannten Stücken auch nur einen Atemzug verändere werden mich die Kritiker kreuzigen! – Aber das ist auch der Punkt, warum es Deep Purple noch gibt. Wir spulen nicht jeden Abend unsere Songs ab, sondern interpretieren sie und füllen sie mit Leben. Würden wir wie unsere eigene Coverband agieren, würde ich verrückt werden.

Großartig war deine Zusammenarbeit mit Black Sabbath, leider ist das Album „Born again“ soundtechnisch eine Katastrophe.

Ian Gillan hält sich den Mund zu und simuliert dumpfe Klänge und sagt: ...ein interessantes Album, ich liebe die Songs, ich liebe die Performance, vor allem den Opener „Trashed“. Aber der Sound ist wirklich beschämend!

Alois C. Braun (links) im Interview mit Ian Gillan
Alois C. Braun (links) im Interview mit Ian Gillan Foto: Jocelyne Ferreyros

Herausragend war „Accidentally on purpose“ von 1988, zusammen mit Roger Glover.

Das ist auch für mich eine spezielle Platte. In all den Jahren, die ich mit Roger bei Deep Purple war, haben wir immer auf die gleiche Art an Songs gearbeitet. Denn primär ist Deep Purple zunächst einmal eine Instrumentalband, vieles entsteht in Jams. Melodie und Text kommen immer am Ende. Bei „Accidentally...“ sind wir komplett anders vorgegangen – Roger und ich schrieben die Songs mit Akustikgitarren, die Melodien waren am Anfang.

Das letzte Deep Purple Album „Now What?!“ kam sehr gut an. Die Fans fragen nach mehr. Wird es zur Tour im Herbst ein neues Album geben?

Ian Gillan

  • Starke Stimme

    Beim Song „The Temple“, in der Originalaufnahme von „Jesus Christ Superstar“ von 1970, zeigt Ian Gillan in ein paar Sekunden alles, wofür seine Stimme steht. Er bietet in der Rolle des Jesus für drei Zeilen explosionsartig die ganze Kraft und Ausdrucksstärke seiner Stimme ein, um dann übergangslos mit der gleichen Intensität leise und gefühlvoll zu singen.

  • Konzerte in Bayern

    Deep Purple ist im Herbst 2015 zwei Mal live in Bayern zu erleben: 21. November in der Nürnberger Arena und 26. November in der Münchner Olympiahalle.

Es war toll mit Bob Ezrin als Produzenten zu arbeiten. Er fragte gleich vorab, warum wir keine Platten mehr machen, auf denen wir so frei spielen, wie wir es auch auf der Bühne tun. Und er hatte recht, wir hatten uns oft im Studio selbst limitiert. Jetzt sind die Songs wieder fünf, sechs, teilweise zehn Minuten lang. Bob ermunterte die Band wieder zu langen Jamsessions. Wir folgen wieder unseren Herzen, dem Gefühl und entwickeln die Songs, geben ihnen was sie brauchen. Ich denke, seit dem Radio-Edit von „Smoke on the water“ haben wir uns unbewusst selbst eingeschränkt und gedacht, Songs müssen kürzer sein. Aber kurze Songs sind nicht unsere Stärke. Wir sind gut darin, eine Idee bis zum Ende auszuarbeiten. Und um deine Frage zu beantworten: Es wird ein neues Album geben, aber es ist noch nicht absehbar, wann es erscheint. Wir haben uns bisher zwei Mal für Songwriting-Sessions getroffen und eine Menge sehr guter Ideen gesammelt. Vielleicht können wir schon ein oder zwei Songs auf der Tour im November spielen.

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