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Album

Ibrahim Lässing genügt die Inspiration

Der Panikpreis-Gewinner von 2014 legt eine neue CD vor: „Kaugummiautomat“ ist durch und durch ein Retro-Produkt.
Von Alois C. Braun, MZ

Ibrahim Lässing liebt Flohmärkte. Dort trieb er auch die alten Ghettoblaster auf, die er an Fachjournalisten verschickte.
Ibrahim Lässing liebt Flohmärkte. Dort trieb er auch die alten Ghettoblaster auf, die er an Fachjournalisten verschickte.Foto: Florian Obradovic

Regensburg. Ibrahim Lässing mag Flohmärkte. Er betreibt dort „Sozialstudien“, wie er es nennt. Es sind vor allem die Menschen, die Beobachtungen, die ihn inspirieren. Der Musiker, Texter und Komponist gewann 2014 den Panikpreis in Calw, spielte ein Konzert mit Udo Lindenberg. Er explodiert förmlich vor Ideen und kreativen Ergüssen, geht seinen Weg ohne Kompromisse. Seine neue CD „Kaugummiautomat“ entstand, ganz retro, auf einem Vierspur-Cassettendeck. Wo andere auf Technik-Overkill setzen und ihre Musik hoffnungslos austauschbar machen, genügen Ibrahim Lässing Inspiration und ein scharfer Blick fürs Wesentliche. Im Gespräch zeigte sich ein eigenständiger, wohlüberlegter und trotzdem spontaner Künstler mit Ecken und Kanten.

Am liebsten besucht Ibrahim Lässing einen kleinen Flohmarkt in Landshut. Dort, wo „gesichtstätowierte Jogginghosenträger wie Wölfe auf der Suche nach Fundstücken umherstreifen“, findet er Erholung und Inspiration. „Dieser Flohmarkt ist noch frei von Profiverkäufern und Stadtvolk, das nur nach netten Accessoires sucht“, erzählt er mit Begeisterung. Dabei ist sein Ziel oft der Würstelstand, wegen der zu beobachtenden Leute und deren Verhaltensweisen. „Das war schon immer einer der inspirierendsten Orte für mich.“

„Feilsch’ nicht um jeden Cent“

Bei Raritäten greift er aber auch selbst zu. „Unter einer Badehose lugte einst etwas Gelbes hervor“, erzählt er stolz. „Es war ein Colorsound Fuzz-Wah aus den 1970ern. Ein Sammlerstück, das ich für zwei Euro gekauft habe und dessen Wert ein x-faches beträgt.“ Meist kauft er jedoch Sachen als Geschenk für Freunde, zuletzt eine „lilafarbene Micky-Maus-Stereoanlage für eine Freundin“.

Genervt ist er von Leuten, die auch bei den billigsten Angeboten noch zu feilschen versuchen. Deshalb wird es auch bald einen Song geben, in dem die Zeile „Feilsch’ nicht um jeden Cent auf dem Flohmarkt“ vorkommt. Nur eine Idee, die ihm bei den Marktaufenthalten kam. Auch „Kaugummiautomat“ ist beeinflusst von Lässings Hang zu alten Dingen. Die Songs wurden sämtlich mit einem Vierspurcassettenrecorder in Eigenregie und ohne weitere Musiker zuhause im Wohnzimmer aufgenommen! „Im Bouncingverfahren“, wie Lässing erzählt. Dabei wird eine bereits aufgenommenen Tonspur mit einer neuen zusammengefasst. Und das dann wiederum mit neuen Aufnahmen kombiniert. Jeweils auf einer einzigen Spur. „Das Ganze kann man dann nicht mehr abmischen und verändern, es bleibt ursprünglich“; schildert Ibrahim Lässing diese Aufnahmeart als großen Vorteil. „Das ist viel persönlicher, als wenn man mit unzähligen Spuren arbeitet und bis zum Ende die Möglichkeit hat, alles noch zu bearbeiten. Dadurch klingen heute doch viele Musiker und Produktionen absolut gleich. Man kann sie nicht mehr unterscheiden.“

Extra Cassettenspieler aufgetrieben

Ibrahim Lässing mit Ghettoblaster: Der Musiker setzt voll auf Retro.
Ibrahim Lässing mit Ghettoblaster: Der Musiker setzt voll auf Retro. Foto: Julia Pellizzari

Von dieser gesichtslosen Masse hebt sich „Kaugummiautomat“ durch einen eigenständigen Sound, nicht nur der Monoproduktion geschuldet, wohlwollend ab. Die Persönlichkeit des Musikers Lässing ist so auch im Klangbild jederzeit greifbar. Passend zum Retrosound wurde die Fachpresse denn auch mit MusicCassetten bemustert. MusicCassetten, die in einem Ghettoblaster verschickt wurden. Gesucht und gefunden hatte er die alten Cassettenspieler natürlich auf Flohmärkten. Der riesige logistische Aufwand für diese Aktion hat sich aber gelohnt. Solch ein Promopaket für eine neue CD bleibt wohl auch den abgebrühtesten und mit Neuveröffentlichungen überschütteten Musikjournalisten in Erinnerung.

Auch in seinen Texten taucht immer wieder Vergangenes auf. „Ronnie James Dio“, die Knallbrause „Poprocks“, „Hippiemädchen“, Begriffe, mit denen viele junge Leute wohl weniger anfangen können. „Das stimmt“; pflichtet er bei. „Aber ich will mit meinen Texten auch anregen und die Leute animieren nachzuhaken. Solche Begriffe sollen sein wie Hyperlinks. Wenn der Hörer nachforscht, entdeckt er interessante Welten.“

Ein Auftritt mit Udo Lindenberg

Lässing ist ein brillanter Beobachter, der durchdachte Texte verfasst. Beispiel „Der erste heiße Tag im Jahr“ von der aktuellen CD. Ein Füllhorn an genauen Beobachtungen: vom „rissigen Asphalt“ über die „verlorenen Vanilleeiskugeln“ bis hin zu den „großporigen Alkoholiker-Opis“, jeder Begriff provoziert exakte Bilder. Deshalb war es auch kein Wunder, dass Lässing aus dem Stand den Panikpreis gewann. Die Jury erkannte das Ausnahmetalent. Ein erfolgreicher Auftritt mit Udo Lindenberg war Teil des Gewinns. „Natürlich war das eine Bestätigung, ein Egoboost. Es war ja der allererste Auftritt mit meiner Band!“

Auf nachfolgende Angebote großer Musiklabels ging Lässing jedoch nicht ein. Aktuell sei das nicht lukrativ, außerdem „bin ich sowieso ein Hans im Glück, da ich die loyalsten Partner an meiner Seite habe. Und das sehe ich absolut nicht als selbstverständlich“, sagt er. Das Statement belegt die Bodenständigkeit des Musikers. Er weiß um sein Talent, aber auch, dass man im Musikgeschäft ein funktionierendes Umfeld braucht. Und ein gutes Produkt. Eines wie sein Album „Kaugummiautomat“.

Lob vom Meister

  • Lob von Udo Lindenberg:

    Udo Lindenberg sagt über Ibrahim Lässing: „Er macht sein Ding. Er ist frisch, lässt sich nicht beirren und geht seinen eigenen Weg, wie die Steppenwölfe und Paniker. Von dem werden wir noch viel hören. Vor allem auch wegen seiner frechen Texte.“

  • Ibrahim Lässing live

    Lässing ist am 19. Juni am Regensburger Bismarckplatz beim Bürgerfest zu erleben und am 5. Juli in Unterempfenbach, beim Festival Holledau. Die CD „Kaugummiautomat“ ist bei Fett Music erschienen; www.Ibrahimlaessing.com.

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