MyMz

„Ich muss 110 Prozent geben“

Als Kommissarin kennen Adele Neuhauser Millionen. Aber in Regensburg wurde sie „auf Händen getragen“, sagt sie im Interview.
Von Harald Raab, MZ

Schauspielerin Adele Neuhauser Foto: Ursula Düren /dpa
Schauspielerin Adele Neuhauser Foto: Ursula Düren /dpa

Regensburg.Sie haben Ihrem Buch den Titel gegeben „Ich war mein größter Feind“. Warum waren Sie sich selbst im Weg?

Ich habe über viele Jahre unter schweren Depressionen gelitten. Das allein war aber nicht ausschlaggebend für den Titel. Ich habe mir sehr lange selbst im Weg gestanden. Ich habe unter Minderwertigkeitskomplexen gelitten.

Das kann man sich bei Ihnen nur schwer vorstellen.

Das war aber ein Motiv, etwas beruflich zu machen, wo ich in andere Charaktere schlüpfen konnte, um letztlich etwas von mir selbst befreit zu sein. Glücklicherweise kann ich heute sagen: Ich war mein größter Feind.

Hat Ihnen das Schreiben des Buches geholfen, mehr zu sich selbst zu kommen?

Ja, das war wohl die Leistung, die ich mir mit diesem Buch selbst erbracht habe. Das Schreiben hat mir geholfen, mich selbst zu finden. Freilich wusste ich schon, dass ich die Depressionen meiner Jugend hinter mir gelassen habe. Es war mir bei der Arbeit an dem Buch aber erst so richtig klar geworden. Wenn man es niederschreibt, klärt das mehr, als wenn man es nur in Gedanken abstrakt anschaut.

„Ich war mein größter Feind“: Harald Raab bespricht das Buch.

Wie kamen Sie nach Regensburg?

Ich hatte mit Oberspielleiter Michael Bleiziffer Kontakt. Das ging über den Regisseur und Theaterleiter David Esrig. Bleiziffer hat mich 1996 nach Regensburg mit dem großartigen Angebot gelockt, in seiner Inszenierung des „Faust“ als Frau Mephisto zu spielen.

Den Mephisto haben Sie ja fast 100 Mal in dieser rundum gelungenen Inszenierung gespielt.

Leider fast. Wir hätten uns einen runden Abschluss gewünscht. Die Laufzeit dieses Stücks war schon etwas Einmaliges.

Wie kann man so eine Rolle so oft spielen, ohne in Routine abzugleiten?

Ich habe diese Rolle mit ihren unendlich vielen schillernden Facetten geliebt, und bin mit Martin Hofer, der den Faust gespielt hat, wahnsinnig gern auf der Bühne gestanden. Es war jeder Abend so frisch wie beim ersten Mal. Die Mephisto-Figur ist so lebendig, so phantastisch. Da entdeckt man immer etwas Neues. Es war mir gar nicht anders möglich, als sie mit hoher Energie zu spielen.

Adele Neuhauser in Regensburg

  • Adele Neuhauser:

    Adele Neuhauser wurde 1959 in Athen geboren und wuchs in Wien auf. Ihre Karriere als Schauspielerin begann am Theater. Von 1996 bis 2002 war sie am Regensburger Stadttheater engagiert. Ihre TV-Karriere ist durch zwei ORF-Serien geprägt: „Vier Frauen und ein Todesfall“ und „Tatort“. Neuhauser ist Mitglied der Akademie des Österreichischen Films. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

  • In Regensburg

    Adele Neuhauser kommt jetzt für zwei Abende nach Regensburg zurück: Am Dienstag und Mittwoch liest sie auf Einladung der Buchhandlung Dombrowsky aus ihrer Biographie; beide Veranstaltungen sind ausverkauft.

Was für Rollen haben Sie noch in Regensburg gespielt?

Ich habe die Elisabeth in Maria Stuart gespielt, die Lady Macbeth, die Callas in „Meisterklasse“ von Terrence McNally. Das war eine wunderbare Aufführung. Ich habe bis 2002 in Regensburg viele interessante Rollen spielen dürfen, in der Hauptsache unter der Regie von Michael Bleiziffer.

Als das Projekt „Faust“ später in einer anderen Version in Regensburg aufgegriffen werden sollte, haben Sie die Reißleine gezogen und sind weggegangen. Warum?

Nach all den Jahren hätte ich mit ganz anderen Mitteln dieser Rolle eine neue Seite abgewinnen müssen. Das hätte extrem Kraft gekostet. Ich sagte mir: Achtung, die Geister, die ich rief. Man darf mit seinem Energiehaushalt kein Schindluder treiben.

Was sind Ihre Erinnerungen an die Stadt Regensburg?

Es sind wirklich nur sehr gute Erinnerungen, die ich an Regensburg habe. Ich habe die Stadt sehr geliebt und die liebenswerten Menschen dort. Ich wurde auf Händen getragen. Ich habe das auch noch spüren können, als ich vor einem Jahr die Schirmherrschaft für den Neubau der Synagoge übernommen hatte. Ich scheine in Regensburg einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben.

War es wirklich nur das nicht mehr zustande gekommene zweite „Faust“-Projekt, dass Sie die Ära Regensburg 2002 abgeschlossen haben?

Es war auch eine gewisse Müdigkeit mit mir selbst da, mit meiner Arbeit. Ich wollte etwas anderes machen, mit anderen Mitteln spielen, vor der Kamera agieren. Da gab es 2004 einen ZDF-Dreiteiler „Die Kirschenkönigin“ eine historische Familiensaga, für die ich engagiert wurde. Die Hauptrolle hatte Johanna Wokalek. Im selben Jahr hat die ORF-Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ begonnen, da spiele ich die Witwe Julie Zirbner. Die Geschichte ist abgedreht. Es stehen noch zwei Staffeln zu je acht Folgen zur Ausstrahlung an.

Wie wurden Sie Tatort-Kommissarin?

Mit meiner Rolle in „Vier Frauen“ wurde ich in Österreich bekannt. So kam dann auch der Tatort zustande. Da ist im Moment noch kein Ende in Sicht. Die nächste Folge kommt im Januar 2018. Wir beginnen am 5. März, die drei nächsten Folgen für „Tatort“ zu drehen.

Harald Krassnitzer mit Adele Neuhauser, 2014 bei der Verleihung der Grimme-Preise: Als TV-Kommissarin wird die Schauspielerin vom Publikum gefeiert. Foto: Henning Kaiser/dpa
Harald Krassnitzer mit Adele Neuhauser, 2014 bei der Verleihung der Grimme-Preise: Als TV-Kommissarin wird die Schauspielerin vom Publikum gefeiert. Foto: Henning Kaiser/dpa

Was interessiert Sie an der etwas schrägen Figur der Kommissarin Bibi Fellner?

Ich habe die Bibi von Anfang an geliebt. Sie ist die erste sehr realistische Figur, die ich spielen konnte. Ich habe sonst immer eher abstrakte, überzeichnete Charaktere gespielt, natürlich auch literarische Figuren. Ich mag die Bibi Fellner, weil sie eine so gebrochene Persönlichkeit ist, auch eine sehr liebenswerte. Wie sie kämpft und mit ihren Schwächen und Stärken umgeht, das mag ich total. Der Zuspruch des Publikums gibt mir dabei recht.

Was ist der Unterschied für Sie, einmal auf der Theaterbühne und dann am Set vor der Kamera?

Es ist natürlich ein großer Unterschied, einmal schon von der Spielweise her. Ich mag dabei, dass die Kamera schon so viel sieht. Man kann das Denken der Person zeigen, ohne dass sie etwas gesprochen hat. Andererseits geht mir der Atem einer ganzen Geschichte am Theater ein bisschen ab. Dazu die Anwesenheit des Publikums. Ich habe das Theater nicht vergessen und nicht aus meiner Sehnsucht verloren. Ich habe auch in den letzten beiden Jahren am Volkstheater in Wien gespielt, in „Fasching“ von Gerhard Fritsch, in Regie von Anna Badora.

„Ich war mein größter Feind“, sagt Adele Neuhauser: hier im Video

Sie haben ja auch in Regensburg noch einmal gespielt, im Turm-Theater.

Wenn Martin Hofer ein eigenes Theater hat, dann komme ich selbstverständlich wieder mal nach Regensburg. Wir sind in engem Kontakt.

Sie sagen in Ihrem Buch, dass Sie eine neue Herausforderung suchen, und zwar im Kinofilm.

Ja, das ist ein richtiger Sehnsuchtsort. Beim Fernsehen haben wir für unsere Arbeit immer wenig Zeit. Außerdem sehne ich mich nach Platz und Raum für meine Rollen – und auch nach der Größe der Leinwand.

Wenn Sie gleichzeitig zwei Angebote bekämen, eines nach Hollywood und eines an das Wiener Burgtheater, welchem würden Sie den Vorzug geben?

Es käme ganz klar auf die Rolle an, auf das Buch, auf den Regisseur und auch auf die Kollegen. So würde mir die Entscheidung leichter fallen. Ich bin nicht ein Karrieretyp, dass ich sage, ich muss ans Burgtheater, ich muss nach Hollywood. Mir ist es wichtig, inhaltlich und künstlerisch wertvoll zu arbeiten.

Ich habe Sie immer als eine Schauspielerin erlebt, die mit ungeheurer Leidenschaft und Energie ihren Rollen Leben gibt. Frisst einen dieser Einsatz nicht auf?

Ich kann nicht mit Routine spielen. Ich muss 110-prozentig in der Rolle aufgehen. Dafür gebe ich meine ganze Energie. Dabei habe ich erfahren: Wenn man viel Energie einsetzt, kommt auch sehr viel an positiver Energie zurück. Das merke ich jetzt auch bei meiner doch sehr umfangreichen Lesereise.

Hier geht es zur Kultur.


Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht