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Ihre „Hassliebe“ verband sie

Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki rieben sich aneinander. Ein Buch beleuchtet das als verblüffend dichte Zeitchronik.
Von Wilfried Mommert

Marcel Reich-Ranicki (links) und Günter Grass lieferten sich über Jahrzehnte hinweg ein leidenschaftliches Duell.Foto: Frank Kleefeldt/dpa
Marcel Reich-Ranicki (links) und Günter Grass lieferten sich über Jahrzehnte hinweg ein leidenschaftliches Duell.Foto: Frank Kleefeldt/dpa

Berlin.Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass („Die Blechtrommel“) und der „Starkritiker“ Marcel Reich-Ranicki lieferten sich über Jahrzehnte ein öffentlich ausgetragenes „Duell“, das nicht nur Literaturgeschichte geschrieben hat. Mit den „Kapiteln“ Warschauer Getto und Waffen-SS beschwor es auch die dunklen Schatten der jüngeren deutschen Vergangenheit herauf. Volker Weidermann hat die Geschichte und Geschichten der beiden jetzt in seinem neuen Buch aufgeschrieben.

„Ohne Größenwahn gibt es keine Kritik – und das gilt natürlich auch für mich, und gibt es ohne Größenwahn Literatur?“

Marcel Reich-Ranicki

Dabei lässt Weidermann über weite Strecken des Buches noch einmal beider Lebensläufe Revue passieren, die in dieser geglückten Collagentechnik auch äußerst lebendig jüngere deutsche Geschichte widerspiegeln. Der in Polen 1920 geborene, in Berlin zur Schule gegangene, 1938 ausgewiesene und in den 50er Jahren in die Bundesrepublik gegangene Thomas-Mann-Verehrer Reich-Ranicki war Überlebender des Warschauer Gettos. In der Bundesrepublik konnte er den „Wunschtraum meiner Jugend“, wie er schreibt, „in Deutschland als Kritiker deutscher Literatur zu arbeiten“, verwirklichen.

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Der in Danzig 1927 geborene jugendliche NS-Anhänger und „Hitlerjunge“ Grass, der bis zum Schluss an Hitlers „Endsieg“ glaubte, wurde noch in den letzten Kriegstagen als 17-Jähriger Angehöriger der Waffen-SS, was erst 2006 durch sein Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ öffentlich wurde. Beider Geschichten wurden schon längst ausführlich erzählt, lesen sich aber in Weidermanns Zusammen- und Gegenüberstellung als verblüffend dichte deutsche Zeitchronik in sehr lebendiger Form.

Volker Weidermann bei einem Fototermin zum „Literarischen Quartett“. Der Schriftsteller und sein Kritiker – eine Liebesbeziehung ist das selten. Im Fall von Grass und Reich-Ranicki wurde es ein Zweikampf und ein über die Jahrzehnte öffentlich ausgetragenes Duell, wie es Volker Weidermann in seinem neuen Buch nennt. Foto: Maurizio Gambarini/dpa
Volker Weidermann bei einem Fototermin zum „Literarischen Quartett“. Der Schriftsteller und sein Kritiker – eine Liebesbeziehung ist das selten. Im Fall von Grass und Reich-Ranicki wurde es ein Zweikampf und ein über die Jahrzehnte öffentlich ausgetragenes Duell, wie es Volker Weidermann in seinem neuen Buch nennt. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Weidermanns Buch ist auch ein literarischer Spaziergang durch die wechselvolle Werkgeschichte des Literaturnobelpreisträgers, wobei er bemerkenswerterweise „Das Tagebuch einer Schnecke“ als das „autobiografischste Buch“ von Grass bezeichnet, mehr noch als „Beim Häuten der Zwiebel“, weil es unter anderem die Wahlkampfauftritte des Schriftstellers in Erinnerung ruft und weil es auch die Geschichte der Danziger Juden in der NS-Zeit und ihr Verschwinden schildert.

Die seltsame „Hassliebe“ zwischen Autor und Kritiker beginnt mit Reich-Ranickis Ablehnung der 1959 allgemein als sensationell aufgenommenen „Blechtrommel“ als „Schaumschlägereien“ auf einer „Trommel aus Blech“. Das Buch sei kein guter Roman, „doch in dem Grass scheint – alles in allem – Talent zu stecken“. In seiner „Blechtrommel“-Kritik vom Januar 1960, die er später teilweise revidieren wird, wurde schon Reich-Ranickis Neigung deutlich, dem Schriftsteller mit einer Rezension auch „gute Ratschläge“ zu geben und am Beispiel bestimmter Stellen zu zeigen, wie man ein besseres Buch schreibt – der Kritiker als der bessere Autor sozusagen. Mit seiner 1999 erschienenen Autobiografie „Mein Leben“ gelang Reich-Ranicki übrigens auch zu seiner eigenen Überraschung ein sensationeller Bestseller.

„Das Duell“

  • Der Autor:

    Volker Weidermann (Foto: M. Gambarini/dpa) ist nicht nur „Spiegel“-Autor, sondern auch Gastgeber des aktuellen „Literarischen Quartetts“ und damit Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki,

  • Das Buch:

    Der Titel des Buches lautet „Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Erschienen ist es im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Der Roman „Der Butt“ ist für Reich-Ranicki ein „Tiefpunkt“ im Werk des Autors, wobei er noch eine grundsätzliche Anmerkung macht, die Grass hätte zu denken geben sollen. Grass zeige, dass die Bemühungen, „die deutsche Gegenwartsliteratur um jeden Preis zur Magd der Politik zu degradieren, zwar nicht die Politik verändert, doch die Literatur ruiniert hat“.

Das Verhältnis zwischen Grass und Reich-Ranicki bleibt nicht nur auf literarischem Gebiet spannungsreich und misstrauisch: „Was sind Sie denn nun eigentlich – ein Pole, ein Deutscher oder wie?“ fragt Grass 1958 Reich-Ranicki bei ihrer ersten Begegnung bei einer Tagung der „Gruppe 47“. Mit dieser Begegnung beginnt Reich-Ranicki bezeichnenderweise auch seine Autobiografie „Mein Leben“. Die Worte „oder wie“ deuteten wohl noch auf eine dritte Möglichkeit hin, die Möglichkeit „oder sind Sie Jude?“, wie Weidermann schreibt und ergänzend meint, die Frage „Was sind Sie denn nun eigentlich?“ hätte man auch Grass stellen können.“

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Zum dritten Mal heißt es "Gottschalk liest?" im BR. Als eine Art Netz und doppelten Boden hat der Entertainer den Moderator Volker Weidermann vom "Literarischen Quartett" eingeladen. Weidermann hat ein Buch über den von Gottschalk verehrten Marcel Reich-Ranicki geschrieben.

Der berühmteste Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur sieht sich selbst als lebenslängliches Opfer der Kritik, bei Reich-Ranicki sieht er gar Größenwahn im Spiel nach dessen Fernsehkarriere. „Recht haben Sie, so ist es“, kontert seinerseits der „Großkritiker“, denn „ohne Größenwahn gibt es keine Kritik – und das gilt natürlich auch für mich, und gibt es ohne Größenwahn Literatur?“ Vielleicht sei es ja gerade der Größenwahn, der sie beide verbinde.

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