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Uraufführung

Im Bann blutiger Bilder

Spannend, herausfordernd und bisweilen sogar komisch: der Tanzabend von Yuki Mori und Felix Landerer am Theater Regensburg
Von Michael Scheiner

Ein Knäuel aus Leibern: eine Szene aus „Bacon“, choreografiert von Yuki Mori, im neuen Tanzabend „BilderRausch“ Foto: Bettina Stöß
Ein Knäuel aus Leibern: eine Szene aus „Bacon“, choreografiert von Yuki Mori, im neuen Tanzabend „BilderRausch“ Foto: Bettina Stöß

Regensburg. Den Künstler kennt jeder. Tatsächlich? Nur weil jemand den „Kuss“ auf Anhieb Gustav Klimt zuordnen kann, heißt das nicht, dass er den Jugendstil-Maler auch kennt. Einen tieferen Blick auf diesen zu Lebzeiten tatsächlich noch umstrittenen Malerstar ermöglicht das Theater Regensburg mit dem Tanzabend „BilderRausch: Klimt.Bacon“, der am Samstag seine Uraufführung erlebte. Tanzchef Yuki Mori hat sich dazu Felix Landerer als Gast-Choreografen eingeladen.

Der eher romantisch veranlagte Mori nahm sich den deutlich weniger populären Francis Bacon vor. Die Biografie des homosexuellen britischen Malers ist von Gewalt, Sucht, Schmerz und Tod geprägt: existenzielle Erfahrungen, die er in seinen Bilder zum Ausdruck brachte. Die tiefen Emotionen, die die Werke bis heute auslösen, kommen auch in Moris Choreografie zum Tragen, wenn auch kaum mit der Wucht von Bacons verunstalteten Gesichtern und geschundenen Körpern. Doch bereits eingangs, wenn die in rotes Licht getauchte Bühne sichtbar wird, drängt die stark von Gewalt beseelte Welt des Malers in den Fokus: Eine Rinderhälfte hängt über der Bühne, aus einem Batzen schälen sich Leiber in fleischfarbenen Bodies.

Francis Bacon, mit seiner inneren Zerrissenheit, seiner Einsamkeit und seinen dunklen Leidenschaften packend getanzt von Fabian Moreira Costa, bekommt von Mori einen Schatten (Tommaso Quartani) angehängt. Der schlüpft anfangs aus der blutigen Rinderhälfte und bleibt in großartigen Duetten an Bacon hängen, gleichermaßen Schutzgeist, Dämon und Trostspender.

Bacon verschwindet im Fleisch

Noch spektakulärer gerät der Schluss der intellektuell herausfordernden Choreografie. Bacon (Costa) schlüpft selbst in den Tierkörper und verschwindet im toten Fleisch. Das wirkt fast etwas dick aufgetragen, gibt dem teils sehr abstrakten und emotional manchmal schwer zu fassenden Tanzstück aber eine ungemein starke körperhafte Präsenz und Direktheit.

Weitere Vorstellungen

  • „BilderRausch: Klimt.Bacon“

    : Der Tanzabend ist eine Gemeinschaftsarbeit von Yuki Mori, Chef der Sparte Tanz, und Felix Landerer. Die beiden Choreografen kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Stephan Thoss.

  • Weitere Vorstellungen:

    Der Tanzabend ist am 24. und 27. Februar (19.30 Uhr) im Theater am Bismarckplatz zu sehen, weitere Termine: 4. März und ab 5. April. Jeweils um 19 Uhr gibt es im Foyer Neuhaussaal eine Einführung.

Motive aus Bacons Bildern – der zum stummen Schrei aufgerissene Mund, verschobene Gesichter, gequälte Körperhaltungen – kehren auch im Tanz wieder. Bacons oft verwendete Form des Triptychons wird in einem Trio sichtbar. Großartig ausgewählte Musik grundiert die Choreografie. Zwischen kurzen Freejazz-Sequenzen und Kompositionen von Arvo Pärt, Dobrinka Tabakov und Henryk Górecki entsteht ein Klanguniversum, das hervorragend mit dem Tanz korrespondiert.

Lesen Sie mehr über „BilderRausch“: „Das Gold findet zum Fleisch“

Sogar noch ein wenig spannender als bei Bacon ist die musikalische und soundbasierte Gestaltung von Felix Landerers „Klimt“. Basierend auf Musik von Max Reger hat Christof Littmann ein Konzept entwickelt, das zwischen Originalkompositionen und daraus geformten elektronischen Klangbildern pendelt. Geht es um Klimt in seiner Zeit und um seine sexuellen Abenteuer, schwelgt das Philharmonische Orchester in Romantik. In geräuschhaften Klanglandschaften und dunklen elektronischen Grooves sind die Entwicklungen des extrem patriarchalisch-phallisch zentrierten Weltbildes bis zur heutigen Zeit angedeutet. Klimt war ein Erotomane. Landerer fand dafür plakative Bilder und tänzerische Lösungen, die in ihrer wunderbaren Überspitztheit geradezu komisch wirkten. Offenbar findet der niedersächsische Choreograf Gefallen am schwarzen österreichischen Humor.

So werden Frauen geformt

Den Weltkünstler und Lebemann Klimt verkörpern fünf Männer der Tanzkompanie im gutbürgerlichen Aufzug. Seine Modelle, Gespielinnen und Gefährtinnen dagegen, in der damaligen Zeit vorwiegend als schöne Dekorationsobjekte angesehen und benutzt, tanzen in individuellen Kostümen. Köstlich die kleine Rei Okunishi im Gestänge eines Reifrocks, zwischen verführerisch-böser Lust und kindlicher Unschuld. Immer wieder aufgenommene Gesten und einfallsreiche Bewegungsformen skizzierten in deutlicher Plastizität das Zurechtbiegen und Formen der Frauen – und in Ansätzen des Mannes, der aber letztlich immer noch die Oberhand hat.

Eine Szene aus „Klimt“, choreografiert von Felix Landerer, mit Alessio Burani und Tiana Lara Hogan Foto: Bettina Stöß
Eine Szene aus „Klimt“, choreografiert von Felix Landerer, mit Alessio Burani und Tiana Lara Hogan Foto: Bettina Stöß

Tänzerisch von Ensemble und Solisten ganz hervorragend dargeboten, war die fast zweistündige Uraufführung ein ungemein spannendes, ja kurzweiliges Erlebnis, das richtig Stoff zur weiteren Auseinandersetzung bot. Eingeschlossen in das Lob: die gelungene Bühne (Dorit Lievenbrück) mit der fliegenden Golduntertasse bei „Klimt“ und die exquisiten Kostüme (Katharina Meintke) vor allem bei „Bacon“.

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