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Klassik

Im fiebrigen Rausch mit Daniil Trifonov

Ein Abend der Extraklasse im Neumarkter Reitstadel: Der Pianist spielt magisch, mit überirdischer Virtuosität.
Von Andreas Meixner

Daniil Trifonov im Neumarkter Reitstadel: ein Abend der Extraklasse Foto: Fritz Etzold
Daniil Trifonov im Neumarkter Reitstadel: ein Abend der Extraklasse Foto: Fritz Etzold

Neumarkt.Es wäre ein Einfaches, sich all den Lobeshymnen anzuschließen, die sich seit Jahren über Daniil Trifonov ergießen. Die Superlative wollen kein Ende nehmen und schnell verschwindet der Mensch hinter der künstlerischen, öffentlich so über alle Maße gefeierten Persönlichkeit.

Die Last der Euphorie und die Faszination der technisch und musikalischen Perfektion ist nicht nur beängstigend, sondern verschüttet schnell die wesentliche Eigenschaft des jungen Russen, die sein Klavierspiel so einzigartig macht: Er ist ein Erzähler.

Kaum jemand seiner Generation ist in der Lage, der Musik eine eigene Melodie zu geben, Kompositionen völlig für sich zu vereinnahmen und durch sein tiefeigenes, völlig entrücktes Verständnis einen neuen Geist einzuhauchen. Die Atmosphäre der Neuentdeckung fesselt und macht vom ersten Moment an neugierig. Das ist der Grund, warum sein Konzert im Neumarkter Reitstadel, veranstaltet von den Neumarker Konzertfreunden, wie im fiebrigen Rausch vorbeizieht und man kaum Sättigung empfindet.

Trifonov versinkt in seinem Kosmos

Daniil Trifonov versinkt völlig in seinem Kosmos, kleine und große Gesten dienen nicht dem Effekt, sondern einzig und allein der Interpretation. Zwei große Variationswerke über Chopinthemen stehen neben weiteren, kleineren Chopin-Adaptionen von Schumann, Grieg, Barber und Tschaikowsky im Mittelpunkt des ersten Programmteils, das eine von Frederic Mompou, das andere von Sergei Rachmaninow. Sinnlich und virtuos sind beide, Rachmaninows Werk noch epischer und orchestraler.

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Trifonov führt den Steinway mit harten Oktavschlägen an seine Grenzen, fliegt aber genauso fast liebevoll und zärtlich über die Tasten. Dynamisch öffnen sich neue Welten, seine Kunstfertigkeit in der Virtuosität ist so überirdisch, dass sie im Zuhören keine Rolle mehr spielt, zum Flow der Sinne wird. Was auch immer diesen Menschen antreibt, so zu spielen, es findet sich irgendwo zwischen Besessenheit, Leidenschaft und Sucht nach einer ganz ihm eigenen Vollkommenheit. Eine Magie, der man nur erliegen kann, weil sie wahrhaftig ist. Er bricht immer mit Hörgewohnheiten, es bleibt jedoch stets stimmig, nie bemüht avantgardistisch.

Im Reitstadel traut sich niemand mehr zu atmen

Und weil Trifonov sich an dem Flügel und mit dem Neumarkter Publikum so wohl fühlt, eröffnet er den zweiten Teil spontan mit Chopins Variationen zu Mozarts „Là ci darem la mano“. Wahrlich kein kleines Werk, zumal noch die Klaviersonate Nr. 2 b-moll aus gleicher Feder auf dem Programm steht, deren berühmter Trauermarsch „Marche funébre“ er in einer derart aufgeladenen Wucht und existenzieller Intensität in den Raum stellt, dass sich im Reitstadel niemand mehr zu atmen traut.

Am Schluss pure Begeisterungsstürme des Publikums, das sich des großen Moments an diesem Abend bewusst war. Trifonov verbeugt sich mit kurzen, scheuen Körperneigungen. Fast wirkt es, als wäre er gerade aufgewacht aus seiner Welt – schlaftrunken und zufrieden. (mqv)

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Kaum jemand seiner Generation ist in der Lage, der Musik eine eigene Melodie zu geben, Kompositionen völlig für sich zu vereinnahmen und durch sein tiefeigenes, völlig entrücktes Verständnis einen neuen Geist einzuhauchen.

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