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Kunst

Im Schatten junger Mädchenblüte

Wenn der Wunsch zum Fetisch wird: die Balthus-Mädchen des peruanischen Künstlers Fernando de la Jara in der Galerie des Dr. Erdel Verlags
Von Helmut Hein, MZ

Fernando de la Jara vor einem seiner Werke in der Ausstellung „Der magische Moment“ in der Galerie des Dr. Erdel Verlags Foto: altrofoto.de

Regensburg.Der Eine, an diesem Vernissagenabend mehr Repräsentant der gerade laufenden spanischen Wochen denn genießerischer Privatier, erklärt auf Nachfrage, er habe die Bilder noch nicht gesehen, obwohl er doch direkt vor ihnen steht. Der Andere ist mit sicherem Avantgardistenblick rasch mit Urteil und kunstgeschichtlicher Einordnung fertig: „halb Surrealismus, halb David Hamilton“.

Das verkennt freilich ein wenig das Wilde und Wüste dieser erotischen Stillleben, die sich zwar den Vorgaben des Genres, nicht aber denen der politischen Korrektheit oder moralischen Besorgnis fügen. Der Künstler, Fernando de la Jara, lebt die Hälfte des Jahres in Deutschland, den Rest der Zeit in Peru. Er sieht zart, sanft und seriös aus und betont in aller Bescheidenheit, er sei Autodidakt. Aber eben so, wie die meisten großen Maler sich das Wichtigste selbst beigebracht haben in der direkten Konfrontation mit exemplarischen Bildern. De la Jara malt altmeisterlich, jedoch nicht akademisch. Er bekennt auch, was ihm in der Einsamkeit fehlt: die Korrektur, der andere Blick.

Eine „Feier der Frau“

Die Anstößigkeit seiner Bilder bringt er auf eine Formel: Sie seien „Feier der Frau“. Und das bedeute mehr als die drastische Nacktheit, die sofort ins Auge falle. Nur dass diese Feier weder der Femme fatale noch der Femme fragile gilt, sondern, um es vornehm auszudrücken, den Balthus-Mädchen. Also der Frau vor der Frau, deren Verführungskraft zumindest für bestimmte Männer darin besteht, dass sie sich in aller Unschuld vollkommen preisgeben.

Die Psychoanalyse wird meist genauso missverstanden wie die Poesie der Grenzüberschreitung: Es ist keineswegs so, wie es das populäre Vorurteil unterstellt, dass Männer immer nur an Sex denken. Es ist vielmehr so, dass sie an Sex auch nur denken können (vom „Tun“ ganz zu schweigen), wenn noch etwas anderes ins Spiel kommt. Es gibt weder die Nacktheit noch den Akt „pur“. Sie werden, das kann man bei Fernando de la Jara sehr gut sehen, sofort Teil eines imaginären Theaters. Erst die fetischisierte Sexualität wirkt erregend. Das Verlangen gilt nicht einer anderen Person, sondern unserem Phantasma, das sie umhüllt.

Inszenierung des Begehrens

Was Feier der Frau sein soll, ist also „in Wahrheit“ die Inszenierung eines männlichen Begehrens, das immer schon beschädigt ist und verzweifelt nach Auswegen sucht. Bei de la Jara beruhigt sich ein irritierter Machismo im Phantom des Balthus-Mädchens, das beides verspricht: reine Passivität, Widerstandslosigkeit gleich welchem Verlangen gegenüber; und die Fortdauer eines Geheimnisses, das seine Kraft nur solange bewahrt, wie es stumm bleibt. In der Rede, die alles auflöst, erlischt nicht nur das Geheimnis, sondern auch der Wunsch.

Würde man sich den Traum-Szenen de la Jaras mit moralischem oder gar juristischem Blick nähern, drängte sich einem der Verdacht auf, man werde Zeuge eines Missbrauchs. Auf diese Weise wollten in den vergangenen Jahren Übereifrige, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, was ein Kategorienfehler ist, selbst einem Schiele oder Kirchner postum den Prozess machen. Auf dem Umweg über die „Modelle“, die als Realitätsrest in die Bilder hineinragen.

Bei de la Jara aber ist, aller behaupteten Feier der Frau zum Trotz, die Frau bzw. das Mädchen abwesend. Was von ihnen bleibt, ist nur die fetischistische Hülle. Deshalb muss das Gesicht in allen Fällen so ausdruckslos sein als handele es sich um eine Projektionsfläche und nichts sonst. Und das junge Geschlecht, dem noch der Schutz der Schambehaarung fehlt, so hyperreal. Was Fernando de la Jara liefert, sind Ur-Szenen der Einsamkeit und des Verfehlens. Der ästhetische Prozess wird einer männlichen Sehnsucht „im Schatten junger Mädchenblüte“ gemacht, die so genau weiß, was sie vermisst, dass erotischer Autismus das zwangsläufige Resultat ist.

Service

Die Ausstellung „El momento mágico“ wurde am Freitag im Beisein von Fernando de la Jara eröffnet.

Der 1942 in Lima geborene Künstler unterhält Ateliers in Lima (Peru) und in Nördlingen in Bayern.

Die Werkschau in der Galerie des Dr. Erdel Verlags, Fischmarkt 3, in Regensburg ist bis 14. Juni jeweils Mittwoch und Freitag von 16 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel. (0941) 70 24 91 geöffnet.

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