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Kultur
Dienstag, 25. September 2018 15° 1

Theater

In den Klauen eines Fans

Psycho-Spektakel mit Schockeffekt: Gerwin Eisenhauer inszeniert „Misery“ im Regensburger Turmtheater.
Von Michael Scheiner

Steffi Denk als bösartiger Fan Annie Wilkes und Martin Hofer als gefangener Schriftsteller Paul Sheldon: Eine Szene aus „Misery“ Foto: Anna Liepelt
Steffi Denk als bösartiger Fan Annie Wilkes und Martin Hofer als gefangener Schriftsteller Paul Sheldon: Eine Szene aus „Misery“ Foto: Anna Liepelt

Regensburg.Ein bisschen ist es wie mit der Müllerstochter bei Rumpelstilzchen. Eingesperrt, kommt sie erst gegen Entrichtung eines Tributs wieder frei. Nur um gleich in der nächsten Nacht noch stärker unter Druck gesetzt zu werden. In der letzten Nacht schließlich winkt gar die Befreiung durch Heirat mit dem König, was heute viele als das genaue Gegenteil von Befreiung ansehen würden.

Okay, bei Stephen King und William Goldman, der Kings Schauerroman „Misery“ dramatisiert hat, spinnt der gefangen gehaltene Starschriftsteller Paul Sheldon kein Gold aus Stroh. Sein Gold, das er aus Wörtern und Ideen schmieden soll, ist das nächste Buch seiner erfolgreichen „Misery“-Reihe. Die wollte er eigentlich mit dem Tod der Heldin im letzten Buch abgeschlossen haben. Dummerweise hat er diese Rechnung ohne die unheimliche Landpomeranze Annie Wilkes gemacht. Nach einem schweren Unfall hat Annie den Schwerverletzten bei sich zu Hause aufgenommen, um ihn gesund zu pflegen. Während sie als sein „Fan Nummer 1“ einiges über ihn, seine Rituale und Schwachstellen weiß, ist die einsam lebende Krankenschwester für ihren Patienten zunächst ein unbeschriebenes Blatt. Er ist ihr ausgeliefert. Das nutzt Annie aus und verdonnert den Schriftsteller, der inzwischen um seine Lage und Umstände weiß, dazu eine weitere Fortsetzung zu schreiben.

Die Überraschung: Steffi Denk

Wo Stephen King drauf steht, ist suspense drin. Die Spannung ergibt sich aus dem Horror in einer Figur, der unerwartet hervorbricht oder aus unvorhersehbaren Situationen, denen man hilflos ausgeliefert ist. Gerwin Eisenhauer, im Hauptberuf Musiker, hat das Stück für das Regensburger Turmtheater mit Steffi Denk als Annie Wilkes und Martin Hofer als Paul Sheldon inszeniert. Schon das ist eine mittlere Überraschung, ist doch das über den Dächern der Stadt gelegene Theater auf Komödien, Boulevard und unterhaltende Stücke abonniert und nicht gerade als Brutstätte für Psychohorror und Gewaltorgien bekannt.

Eisenhauer auf der anderen Seite hat zwar mit seinem Weihnachtsmärchen „Scrooge“ und einer knalligen Rock-Show durchaus Erfahrung als Regisseur, zieht aber meist als Schlagzeuger durch die Welt. Mit „Misery“ hat der bekennende Stephen-King-Fan erstmals ein Stück bearbeitet, an dem er nicht selbst geschrieben hat.

Wir waren bei den Proben für „Misery“:

Stephen Kings „Misery“ wird im Februar und im April im Turmtheater gezeigt. Video: MZ

Dabei hält er sich nahe am Original, das wiederum in wesentlichen Aspekten mit der Filmversion von 1990 von Rob Reiner zusammenstimmt.

Obwohl schon als Schauspielerin bekannt, ist Sängerin Steffi Denk die eigentliche Überraschung des solide inszenierten Psycho-Spektakels. Mit biederer Kurzhaarperücke und bäuerlicher Latzhose spielt sie die psychopathische Krankenschwester zwischen hemmungslosen Wutausbrüchen, kalkulierter Bösartigkeit und bänglicher Vergötterung derart überzeugend, dass der Profi Martin Hofer in ihrem Schatten manchmal fast an die Wand gedrückt wird. Souverän gibt Hofer den geschmerzten Leidenden, der nach und nach dahinter kommt, dass seine Pflegerin ganz schön was an der Klatsche hat. Letztlich will sie ihm das Licht ausblasen, wenn der letzte Band vollendet ist. Hofer fehlen allerdings einige emotionale Differenzierungen, die Eisenhauer aus ihm hätte herauskitzeln müssen. Meist scheint er sich zwanglos in die Lage zu fügen.

Anspielungen an Trump

Es werden kein Zorn – über die erzwungene Vernichtung eines mitgebrachten Manuskripts – und keine Ohnmacht über das Eingesperrtsein oder Hass über seine „Verhumpelung“ spürbar. Letzteres ein knallharter Schockeffekt, der einige im Publikum entsetzt aufstöhnen ließ. Auch Paul Sheldons Suche nach Möglichkeiten, sich aus den Klauen der Psychopathin zu befreien, wirken eher wie vorgezeichnete Übungen. Da ist noch Luft nach oben, um eine hohle Phrase aus dem Sport zu bemühen.

Sehr gelungen sind das Bühnenbild mit boshafter Trump-Devotionalie an der Wand und die Kostüme (Katharina Claudia Dobner) sowie die gute Licht- und Soundtechnik. Musikalisch ist die Inszenierung mit wiederkehrenden Motiven von Philip Glass und Frederic Chopin eindringlich im Ohr, gegen Ende zerfranst die tragende Soundatmosphäre allerdings unnötigerweise in einer Reihe von Pop- und Beatnummern.

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