mz_logo

Kultur
Mittwoch, 19. September 2018 31° 1

Ausstellung

In den Schmerz hineingewühlt

In der Augenklinik Regensburg sind Zeichnungen und Bilder von Georg Tassev zu sehen – und die sind beeindruckend
Von Helmut Hein

Ein grandioser Zeichner: Georg Tassev Foto: Augenklinik Regensburg
Ein grandioser Zeichner: Georg Tassev Foto: Augenklinik Regensburg

Regensburg.Selbst wer Tattoos nicht sonderlich schätzt, muss zugestehen, dass dieser junge Mann aus Berlin Geschmack bewies. Er ließ sich nicht schrille Horror-Szenarios, dümmliche Sprüche oder peinliche Bekenntnisse stechen, sondern die Göttin Diana, die bis heute die Phantasie vieler Philosophen und Poeten beschäftigt.

Aber dieser gute Geschmack droht ihm jetzt das Genick zu brechen; beruflich zumindest. Denn die Polizeioberen wollen ihn nicht einstellen und ein Gericht hat ihre Entscheidung bestätigt. Begründung: Diana erscheint, horribilu dictu, barbusig. Polizei und Gericht halten das, anscheinend eher bildungsfern und im Bann aufgeregter Gegenwartsdebatten, für „Sexismus“. Sancta simplicitas! Wird demnächst auch das erste Gemälde abgehängt und das erste Gedicht übermalt? Ach so: Wir sind schon so weit. Aber mit Zensur oder gar Bücherverbrennung hat das natürlich nichts zu tun. Schlechte Zeiten für die Kunst und jedes freiere Denken und Empfinden, schlechte Zeiten also auch für Georg Tassev? Man muss es befürchten. Aber derzeit hängen seine Zeichnungen und Bilder unter dem geradezu programmatischen Titel „Ruhe bewahren“ noch shitstormfrei in der Augenklinik Regensburg, die sich in den letzten Jahren einen Namen als gute Adresse für zeitgenössische Kunst gemacht hat – der Kuratorin Dr. Kirsten Remky sei Dank.

Ein Gegengift gegen den Wahn

Auch Tassevs Arbeiten gehören, im weitesten Sinn, in den Diana-Umkreis. Auch er weiß, dass Schönheit und Schrecken geschwisterlich zusammengehören und dass die „Komplizenschaft mit dem Guten“ (Simon Strauss), die derzeit grassiert, die Welt nicht zu einem besseren, sondern lediglich zu einem trostloseren Ort macht. Tassev zeigt auch, dass die Figur, die Gegenständlichkeit in der Kunst, oft schon totgesagt und geschmäht, ihre Kraft nicht verloren hat. „Zeige deine Wunde!“, das gilt nicht nur für Performances à la Beuys, sondern auch für diese (Selbst-)Erkundung des Menschen, die nur der für gnadenlos halten kann, der nicht genau hinschaut. Das „Ecce homo“ ist das beste Gegengift gegen den Wahn der Selbstoptimierung und das Phantasma der Unversehrtheit, das täglich blamiert wird.

Öffnungszeiten

  • Georg Tassev

    wurde 1963 in Bulgarien geboren. Er studierte Kunst in Sofia. Seit 1990 lebt und arbeitet er in Regensburg.

  • Die Ausstellung

    in der Augenklinik Regensburg in der Prüfeninger Straße 86 läuft bis 27. Juli . Besucht werden kann sie Montag bis Freitag von 8 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr.

Ostern konnte uns gerade wieder bewusst machen, was das Kruzifix, der – Achtung Polizeibehörden und Gerichtshöfe! – nackte, geschundene Christus am Kreuz bedeutet; der für manche längst so anstößig ist, dass man das abstrakte Symbol der sich kreuzenden Balken ohne Corpus vorzieht. Tassev wühlt sich, wenn er zeichnet oder malt, hinein in die conditio humana, in den Schmerz und in das Verzweifeln am Dasein, aber er tut dies nicht pessimistisch oder gar nihilistisch, sondern mit einer Vitalität, die nichts verdrängen muss. Wer weiß, dass er sterben muss, entdeckt das Leben neu. Nur wer das Kreatürliche, das Hässliche an sich kennt, ist fähig zum Glück, alle anderen müssen in den Abgrund des „body shaming“ blicken: Sag mir nicht, wie es um mich steht, sonst werde ich traurig.

Tassev, dieser grandiose Zeichner, steht in der Tradition der Diana, die einem Berliner Polizeibewerber das Genick zu brechen droht, und in der Tradition all derer, die seit Hieronymus Bosch den Körper nicht „schön“, also im lügnerischen Schein, sondern wahr darstellten, mit all seinen Beschädigungen, dem Verzerrten und Versehrten, die ihn herausreißen aus der idealen Proportion.

Nacktheit heißt hier Gier

„Zeige deine Wunde!“ Tassev zeigt die ganz Jungen und die ganz Alten; und er zeigt sie meist nackt, was vor allem heißt: seelisch nackt. Sichtbar, aber ohne dass sie ihr Geheimnis verlieren, das den Grund jedes Daseins ausmacht, das mehr ist als nur Exemplar einer (optimierten) Serie. Nacktheit heißt bei ihm: Gier – und Schmerz über diese Gier. Gier, weil wir, wie schon Plato im „Symposion“ erzählt, unvollständig sind, „Mängelwesen“. Schmerz, weil wir zur Transzendenz fähig sind, nicht nur zurückgeworfen auf das, was wir gerade sind und deshalb auch schuld- und schambegabt.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht