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Ausstellung

In der Dunkelwelt von Ugo Dossi

Die Regensburger Galerie Art Affair zeigt betörende Arbeiten des documenta-Künstlers. Seine Bilder machen einen schwindeln.
Von Helmut Hein, MZ

  • Seine Bilder ziehen in Bann: Ugo Dossi vor seiner Arbeit „Vortex/Treppe grün“ in der Galerie Art Affair Foto: altrofoto.de
  • Ugo Dossi vor der Arbeit „Nefer/Platin“: eine Anspielung auf Schönheit Foto: altrofoto.de

Regensburg.Auch Riesen fangen oft ganz klein an. Ugo #Dossis sorgfältig gearbeitete Großformate beruhen etwa auf winzigen, rasch hingeworfenen Zeichnungen. Zeichnungen, die noch dazu nicht dem Plan und Willen des Künstlers entspringen, sondern psychischen Automatismen, die zuerst die Surrealisten für ihre Werke genutzt haben und die der Psychiatrie-Meisterdenker der Vor-Freud-Ära, Pierre Janet, theoretisch erkundet hat.

Ugo Dossi beruft sich auf die „écriture automatique“, das automatische Schreiben, auf die Surrealisten und auf Janet. Er weist beim gemeinsamen Bilderbetrachten in der Galerie Art Affair am Freitagabend aber auch darauf hin, dass doch jeder von uns diese unbewussten Kritzeleien kenne, die einem beispielsweise während eines längeren Telefonats scheinbar aus der Hand fließen, ohne dass der Kopf daran beteiligt wäre.

Ugo Dossi täuscht unsere Sinne

Wie schon André Breton, der die Ketten der instrumentellen Vernunft sprengen wollte und neue Inspiration in den Sphären des Unbewussten, des Traums und des Mythos suchte, will auch Ugo Dossi in die Dunkelwelten jenseits einer technoiden Rationalität vordringen. Wobei er insofern über die Surrealisten hinausgeht, als er unserer Wahrnehmung misstraut bzw. die Täuschungsanfälligkeit unserer Sinne für seine Zwecke nutzen will.

Der Magier: Ugo Dossi bei Art Affair in Regensburg

Besonders deutlich wird das bei einem Hologramm wie „Black Hole Tondo“, das den Eindruck einer beunruhigenden Tiefe erweckt, obwohl es doch vollkommen flach ist. Ugo Dossi demonstriert es mit einer beinahe kindlichen Freude. Sein Verfahren erinnert in diesen Fällen an die Op-Art der 1960er Jahre, nur dass es bei ihm nie beim bloßen Spiel bleibt. Vielmehr löst er geradezu lustvoll eine im Wortsinn tiefe existenzielle Verstörung und Beunruhigung aus. In dieses schwarze Loch, das man im hinteren Raum der Galerie plötzlich vor Augen hat, stürzt jeder hinein – ob er will oder nicht.

Man sieht nur, was man schon weiß

Überhaupt spielt Schwindel, im Doppelsinn des Worts, bei Ugo Dossi eine große Rolle. Etwa in seinem Riesenformat „Sternhimmel und Wirbel“, das, 1996 entstanden, zu den wenigen älteren Arbeiten dieser aktuellen Ausstellung gehört: Der Betrachter meint eine Spirale wahrzunehmen, die ihn in ihren suggestiven Bann zieht, während er in Wahrheit nur eine Reihe konzentrischer Linien vor sich hat.

Lesen Sie mehr über Ausstellungen bei Art Affair: hier

Überhaupt die Linien. Sie faszinieren Dossi nicht nur, weil sie so elementar sind, sondern auch, weil Tiere oder Kinder sie nicht so ohne weiteres entziffern können. Bei „Vortex/Kiss“ von 1996 kann, so Dossi, nur der sehen, dass sich hier zwei Münder innig vereinigen, der aufgrund seiner Erfahrung schon weiß, was ein Kuss ist. Sehen ist nie einfach und passiv, sondern eine höchst komplexe, konstruktive und welterschließende Leistung.

Stabil, aber auch sehr fragil

Dossi, der 1977 und 1987 auf der documenta Kassel für Aufsehen sorgte, ist, selbst in seinen spontansten Äußerungen, sehr formbewusst. Da das so ist, könnte man leicht übersehen, dass auch die Wahl des Materials für ihn eine große Bedeutung hat. Das Tafelbild ist beides: Fenster und Spiegel der Welt. Wie sich aber die Welt zeigt, hängt auch davon ab, woraus das Bild besteht. Besonders deutlich wird das an versiegelten „Salzobjekten“. Sie sind stabil – und doch könnte jeder unbedachte Stoß dazu führen, dass sie zu rieseln beginnen. So gesehen sind sie so fragil und nur scheinbar auf Dauer angelegt wie das ganze Dasein des Menschen.

Alex Bär in der Galerie Art Affair: Hier mehr zur Ausstellung

Das pure Gegenteil stellen zumindest auf den ersten Blick die „Zwölf Sternbilder“ dar: opulente Farbdrucke, in denen Dossi die Tierkreiszeichen visualisieren will, nicht streng, sondern ausgelassen, mit ständigem Blick auf die vier Elemente – Feuer, Erde, Luft und Wasser – der antiken Philosophie. Daraus also ist alles gemacht? So sind wir? Und so kann man uns auch verstehen? Bei Ugo Dossi verbindet sich die handwerkliche Präzision mit der beständigen Bereitschaft zum Überschwang, die Lust an avancierten Techniken mit der Offenheit für das Archaische.

Bei der Eröffnung der Ausstellung von Ugo Dossiam Freitagabend
Bei der Eröffnung der Ausstellung von Ugo Dossiam Freitagabend Foto: altrofoto.de

„Nefer“ ist ein fremder, von weit herkommender Frauenkopf, über den sich das Liniengeflecht von Ugo Dossis verschlungener Signatur legt. Dossi erläutert den Sinn dieses Begriffs „Nefer“: die Schönheit natürlich, aber eben nicht nur sie. Und dass uns Nefer etwa im Namen der altägyptischen Monarchin Nofretete wiederbegegnet, deren Bildnis bis heute so sehr fasziniert. Betörende Ausstellung!

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