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Social Media

In die Filterblasen der anderen hinein

Die Chancen, die soziale Netzwerke bieten, sind unbezahlbar. Prügel, die wir Journalisten dort bekommen, müssen wir ertragen.
Von Mathias Wagner, MZ

Rund 1,8 Milliarden Menschen sind bei Facebook angemeldet. Was für Nachrichten sie dort zu sehen bekommen, bestimmen Algorithmen. Die Nutzer bekommen vorgesetzt, was ihnen mit Sicherheit gefällt.
Rund 1,8 Milliarden Menschen sind bei Facebook angemeldet. Was für Nachrichten sie dort zu sehen bekommen, bestimmen Algorithmen. Die Nutzer bekommen vorgesetzt, was ihnen mit Sicherheit gefällt. Foto: dpa

Regensburg.Feierabend. Ab nach Hause und hinein. Hinein in die ersehnte Filterblase. Eine Filterblase? Das ist diese kleine, feine Welt, in der wir in sozialen Netzwerken leben. In denen uns Algorithmen nur das vorsetzen, was zu uns passt. Zu unserer Gewinnung, unseren Interessen, Hobbys und Bedürfnissen. Wir melden uns mit unserem persönlichen Facebook-Profil an, öffnen die Instagram- und die Twitter-App. Und da sind sie: Unsere „Gutmenschen“, die einen fabelhaften Musikgeschmack haben, Fotos vom letzten Ausflug in die Bergen posten und die sich zu einem gemeinsamen Abend im Theater samt Absacker in der angesagten neuen Bar verabreden. Die News-Seiten empfehlen uns schlaue Longread-Artikel über die Ängste vor der bevorstehenden Trump-Präsidentschaft, die Musikblogs loben das neue Album von The xx in den Himmel und selbst die Sportmeldungen handeln vom richtigen Verein. Dem Verein, dem wir die Treue geschworen haben. Schöne, warme, weiche Filterblase, kuratiert von Algorithmen über die ein paar Großkonzerne die Macht haben.

Nicht lange in der Blase kuscheln

Doch in unserer Filterblase dürfen wir Journalisten uns nicht zu lange kuscheln. Wir müssen erfahren, was die Menschen da draußen, unsere Leser, bewegt. Wir müssen dazu unsere eigenen Filterblasen verlassen und in die der anderen hineinstechen. Wir müssen sämtliche Algorithmen, die für uns vorfiltern, soweit wie nur möglich hinter uns lassen. Nur dann können wir alle hören und alle sehen. Wenn wir auf der Suche nach Themen, Anregungen Ideen und auch Kritik sind, treiben wir uns in Facebook-Gruppen herum, die sich ganz anders als unsere eigenen Kreise zusammensetzen. Wir treffen dort fremde Leute, deren Meinungen uns manchmal nicht gefallen. Wir klicken auf Profile und Seiten, auf denen uns stellenweise alles andere als wohl ist. Wir sehen in andere Leben und andere Lebenswelten, entdecken Skurriles, Liebevolles, oft aber auch Hetze, Wut und blanken Hass. Asoziale Medien? Ja, der Begriff schoss uns auch schon mehrfach durch den Kopf, wenn wir Bilder sehen, die uns Scheußliches zeigen, wenn wir Sätze lesen, hinter denen menschenverachtendes Gedankengut steckt. In der Social-Media-Redaktion der Tagesschau soll gegen solche Gedanken ein „Notfall-Schnaps“ stehen. In unserem Medienhaus gehen wir lieber vor die Tür in die frische Luft und schnaufen kurz durch. So schaffen wir es, manche Bilder und Worte aus dem Kopf zu bekommen.

Unbezahlbare Möglichkeiten

Nicht zu vergessen: Wir bekommen in den Social-Media-Kanälen auch regelmäßig Prügel. Diese Netzwerke sind für uns zu Scheunentoren geworden, die sich in beide Richtungen öffnen. Wir können durch sie unsere Inhalte nach draußen schaufeln, sie anpreisen – eine unbezahlbare Möglichkeit für Medienhäuser. Und wir erfahren die Rückmeldungen der Menschen da draußen. Die loben uns von Zeit zu Zeit – was uns gut tut. Sie schreiben uns aber auch, was sie von uns halten und wie sie zu bestimmten Themen stehen – was wir gerne erfahren. Ja, oft erschreckt uns das, was wir zu lesen bekommen. Aber: Dem müssen wir uns stellen. Um zu verstehen, wie die Welt tickt und welche Bedürfnisse die Menschen haben.

Kuscheln können wir wieder nachdem wir die Redaktion verlassen haben. In der liebgewonnenen Filterblase. Mit unseren persönlichen „Gutmenschen“.

Am Dienstag, 17. Januar 2017, finden im Theater Regensburg die „Regensburger Gespräche #2“ statt. Das Thema: „Alles für den Klick? Berichterstattung in Zeiten sozialer Netzwerke“. Alle Infos dazu gibt es hier.

Weitere Artikel aus dem Ressort Kultur finden Sie hier.

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Diskussion in Regensburg

  • Termin:

    Die Regensburger Gespräche gehen am Dienstagabend in die zweite Runde. „Alles für den Klick? Berichterstattung in Zeiten sozialer Netzwerke“ ist das Thema ab 19 Uhr im Regensburger Theater am Haidplatz.

  • Teilnehmer:

    Nach einem Impulsvortrag von Prof. Dr. Bernhard Dotzler (Lehrstuhlinhaber Medienwissenschaft Universität Regensburg) diskutieren Christian Schiffer (Bayerischer Rundfunk), Esther Slevogt (nachtkritik.de), Moritz Tschermak (BILDblog) und Christian Kucznierz (Mittelbayerische Zeitung) über das Thema. Der Eintritt ist frei.

  • Twitter:

    #RegensburgerGespräche

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