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In die Welt und zurück in die Heimat

Die Region Schwandorf ist bester kultureller Boden. Nicht nur große Events ziehen an – auch eine klitzekleine Kunsthalle.
Von Marianne Sperb

Andrea Lamest im Oberpfälzer Künstlerhaus: Rechts reißt die Schaumstoff-Skulptur „Fjörulalle“ von Peter Lang ihr Maul auf, links: sein Gemälde „Thar sem Jokullin Ber Vio loft“ Foto: Marianne Sperb
Andrea Lamest im Oberpfälzer Künstlerhaus: Rechts reißt die Schaumstoff-Skulptur „Fjörulalle“ von Peter Lang ihr Maul auf, links: sein Gemälde „Thar sem Jokullin Ber Vio loft“ Foto: Marianne Sperb

Schwandorf.Im Saal der Kebbelvilla war im Herbst ein schwarz schimmerndes Meerungeheuer gestrandet. Das Werk von Peter Lang – eine Schaumstoff-Skulptur auf Holzwabenkonstruktion – empfing Besucher bis Mitte Dezember mit weit aufgerissenem Schlund. So ein Wesen würde man in einer historischen Fabrikantenvilla in Fronberg, einem Ortsteil bei Schwandorf, nicht erwarten. Andererseits: Im Oberpfälzer Künstlerhaus, betrieben von der Stadt Schwandorf, hat man sich das Überraschende, Frische beinahe zur Gewohnheit gemacht.

Das Haus besitzt eine Strahlkraft, die weit über das kleine Fronberg hinaus leuchtet. Es ist einer der Leuchttürme in der Kultur-Landschaft, erst recht 2018, im Jahr des 30-jährigen Bestehens. Leiterin Andrea Lamest gibt regionalen Künstlern eine Bühne, zieht aber auch internationale Namen wie Neo Rauch an Land. Im Fokus steht Druckgrafik, zuletzt mit einer Ausstellung über exquisite Scheren- und Messerschneider-Kunst von Lotte Reiniger und Hans Lankes.

Kunst, Blechmusik und Raketen

Ein neuer Glanzpunkt wird die Siebdruck-Werkstatt im Souterrain, in der Künstler wie der Münchner Bernd Hofmann Kurse geben und bis zum Erwerb eines Siebdruck-Führerscheins führen werden. Ein überregional singuläres Angebot, sagt Andrea Lamest: „Ähnliches gibt es weitum nirgends.“

Hans Lankes vor einem der Messerschnitte: Er zeigte in der Kebbelvilla seine Werke
Hans Lankes vor einem der Messerschnitte: Er zeigte in der Kebbelvilla seine Werke Foto: Gabi Schönsteiner

Peter Lang, der in der Villa unter dem Titel „Kalte Nacht“ die Ausbeute einer Islandreise ausgebreitet hatte, stammt aus Oberbayern und lebt in der Oberpfalz. Er ist einer von zahlreichen Kreativen, die sich in der Welt umgeschaut und in der Oberpfalz niedergelassen haben. Bildhauer Vasilji Plotnikov, der aus Sotchi stammt, arbeitet in Schwarzhofen, der Bildhauer, Maler und Zeichner Paul Schinner in Nabburg. Und der Heimrad-Prem-Schüler Heiko Hermann hat das kleine Pertolzhofen nicht nur zu seinem, sondern zum Mittelpunkt einer begeisterten Schar von Kunstfreunden gemacht. Die Pertolzhofener Kunstdingertage präsentieren Hochkaräter, holen (seit Mitte der 1990er Jahre, immer im Juni/Juli) internationales Flair aufs Land, mit Kunst bis aus Paris und Tokio. Dazu gibt’s Blechmusik, Feuer, Bier und Raketen.

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Seit 2007 steht in dem Niedermuracher Ortsteil auch Deutschlands kleinstes Gehäuse für zeitgenössische Kunst: die Pertolzhofener Kunsthalle. Der mobile Seecontainer, 24 Stunden am Tag zugänglich, zeigt ambitionierte Ausstellungen mit Titeln wie „Gebrechen des Fortschritts“ und „Sitzbares aus der Welt“.

Matthias König hat für das Luftmuseum in Amberg einen eigentümlichen Apparat entwickelt, der Altbekanntes wie eine Pauke oder einen Bierkasten in ganz neuen Zusammenhängen auftauchen lässt. Foto: Geiger
Matthias König hat für das Luftmuseum in Amberg einen eigentümlichen Apparat entwickelt, der Altbekanntes wie eine Pauke oder einen Bierkasten in ganz neuen Zusammenhängen auftauchen lässt. Foto: Geiger

Gut 40 Kilometer weiter, in Amberg, sitzt Wilhelm Koch, ein umtriebiger Kunstvermittler und einfallsreicher Kopf. Er ist Gründer des Luftmuseums, das seit 2006 rund 100 Einzelausstellungen gezeigt hat und seit 2017 die erste vollautomatische Papierfliegerfaltmaschine der Welt ihr Eigen nennt. Er ist Erfinder der Luftnacht, die alle zwei Jahre der Amberger Luft ungeahnten Gehalt gibt. Und er ist Erbauer der Asphaltkapelle, die die Konzertreihe 1:12 anbietet. Der Name verweist auf das luxuriöse Verhältnis von Musiker und Zuhörern: 1:12. Mehr als diese 13 Menschen fasst das schwarz-glänzende Kapellerl nicht.

3500 „Biggerl“ von Eugen Oker

Zuletzt widmete sich die Amberger Luft-Hoheit Willi Koch, die ja auch Verleger ist, dem Werk eines ebenfalls multikreativen Schwandorfers: Eugen Oker (1919-2006). Der schlitzohrige Schriftsteller, mit seiner hintersinnigen Weltsicht ein Geistesverwandter von Karl Valentin, sammelte im großen Stil Obstetiketten. Willi Koch widmete den 3500 „Biggerln“ ein Büchlein.

Schriftsteller haben eine verlässliche Heimat in Sulzbach-Rosenberg: Das Literaturhaus Oberpfalz mit angegliedertem Archiv ist eine der ersten Adressen für die Begegnung mit den angesagten Autoren.

Das Duo „Sir“ Oliver & Hubert Hofherr: eine der viele Formationen, die im Schwandorfer Felsenkeller gastiert Foto: Christine Pierach / MZ-Archiv
Das Duo „Sir“ Oliver & Hubert Hofherr: eine der viele Formationen, die im Schwandorfer Felsenkeller gastiert Foto: Christine Pierach / MZ-Archiv

„Die Bandbreite an Kunst und Kultur ist hier enorm“, sagt Schwandorfs Kulturreferentin Susanne Lehnfeld. „Vom großen Fest bis zum Liebhaber-Konzert ist hier das ganze Jahr über viel geboten.“ Sie holt kaum Atem, während sie aufzählt: Musik von Klassik bis zu Rock und Pop im Felsenkeller, wo 2018 Jethro-Tull-Gitarrist Martin Barre gastieren wird. Vier Blaskapellen. Und im Zentrum die Konrad-Max-Kunz-Tage, die 2018 zum Geburtstag des Freistaats den Komponisten der Bayernhymne sechs Monate feiern, mit Theater, Tanz, Musik und großem Finale im Blasturm mit „Kunst und Konsorten“.

Das offizielle „Zwickl“-Team mit Clement Hoffer, Sophia Hutzler, Kulturamtschefin Susanne Lehnfeld, Alexander Vogl und Anne Schleicher (vorn, von links). Foto: Heinzl
Das offizielle „Zwickl“-Team mit Clement Hoffer, Sophia Hutzler, Kulturamtschefin Susanne Lehnfeld, Alexander Vogl und Anne Schleicher (vorn, von links). Foto: Heinzl

Susanne Lehnfeld engagiert sich auch für „Zwickl“, das Schwandorfer Dokumentarfilmfest, das Anne Madlene Schleicher 2012 privat initiiert hatte. Vom Stand weg fand die Reihe, für die auch schon ein Blumenladen zum Kinosaal umfunktioniert wurde, Riesenzulauf und so prominente Gäste wie Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und Rennfahrer Walter Röhrl. Bis zu 2700 Gäste strömen, wenn Zwickl-Zeit ist. „Die Menschen hier haben Kulturhunger“, beobachtet Schleicher, „und sie setzen sich gern auch mit anspruchsvollen Themen auseinander.“

Zu Gast bei „Jazz in der Villa“: Pianist Vadim Neselvovkyi und der russische Hornist Arkady Shilkloper Foto: Mischa Blank
Zu Gast bei „Jazz in der Villa“: Pianist Vadim Neselvovkyi und der russische Hornist Arkady Shilkloper Foto: Mischa Blank

Könnte gut sein, dass beim Zwickl mal ein Film läuft, der in der Kebbelvilla seinen Anfang nahm: bei Artist in Residence, ein Projekt, zu dem jedes Jahr 16 Künstler geladen sind. Netzwerke entstehen, neue Blickachsen auf das Gewohnte öffnen sich, wenn etwa Moa Cederberg aus Finnland Wolle aus Oberpfälzer Schafen spinnt oder sich eine Gastkünstlerin aus Kalifornierin in die WAA-Geschichte eingräbt. – Aus diesem Stoff entsteht jetzt einen Film.

Jazz aus dem Alphorn

Die Region ist bester Boden für Musik. Belege sind der Konzertfrühling in Schwandorf und in Burglengenfeld ambitionierte Blaskapellen wie St. Vitus, der Keller No. 10 mit junger Musik sowie das VAZ-Pfarrheim, in dem sogar Rock-Größen wie Saga auftreten, wie Kulturreferent Michael Hitzek schwärmt. Unterm Dach der Kebbelvilla ist ab und an wunderbar Abseitiges zu hören, etwa Jazz mit Alphorn. Der Fokus verschiebt sich auf Klassik, erzählt Andrea Lamest. Ein Festival „Goldener Oktober“ ist in der Pipeline.

Philipp Scholz lauscht, kombiniert, atmet und holt aus. Der Leipziger Schlagzeuger be-schlägt und pointiert die Silben, die Nora Gomringer rezitiert: Das Duo kreierte in der Kebbelvilla „fatalyrische Momente“. Foto: Judith Kinitz
Philipp Scholz lauscht, kombiniert, atmet und holt aus. Der Leipziger Schlagzeuger be-schlägt und pointiert die Silben, die Nora Gomringer rezitiert: Das Duo kreierte in der Kebbelvilla „fatalyrische Momente“. Foto: Judith Kinitz

Nicht immer strömt das Publikum. Zu Lyrikerin Nora Gomringer kamen rund 35 Zuhörer in die Villa. Andere Termine sind Kult, wie das Marionettentheater der Pöllmanns, das 40 Jahre Tradition hat und auch zart-subversive Stücke zeigt. „Man kann vermutlich nie alle Menschen für Kunst begeistern“, meint Andrea Lamest noch. „Aber man sollte nie locker lassen.“

Hier lesen Sie alle Teile unserer Streifzüge zu Kultur auf dem Land:

„Draußen blüht die Kultur“: Kultur im Landkreis Regensburg.

„In die Welt und zurück“: Kutlur in der Region Schwandorf.

„Kulturanker am Fluss“: Kultur in der Region Kelheim Abensberg

Lichtgestalten im Bayernwald“: Kultur in der Region Cham/Bad Kötzting

„Die Weltspitze im Jura“: Kultur in der Region Neumarkt

Mehr Kultur in Regensburg können Sie hier entdecken.

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