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Dokumentation

In raren Momenten fast liebevoll

Corinna Belz’ „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ gibt Einblicke ins Leben des Schriftstellers.
Von Helmut Hein, MZ

Verehrt und umstritten: Peter Handke, hier im März bei der Verleihung des Würth-Preis für Europäische Literatur in Stuttgart
Verehrt und umstritten: Peter Handke, hier im März bei der Verleihung des Würth-Preis für Europäische Literatur in Stuttgart Foto: dpa

Regensburg.Manchmal hat es auch Corinna Belz schwer mit ihm. Dann faucht er sie wie aus dem Nichts an: „Soll das eine Frage sein?!“ Sprachliche Schludrigkeiten, ungenaues Denken, schiefe Bilder duldet dieser Autor nicht, für den Sprache und die existenzielle Klarheit, die sie im besten Fall hervorruft, alles oder jedenfalls das Wichtigste ist.

Poetisch-präzises Porträt

Aber meist in diesen anderthalb Stunden bleibt sie von seinem berüchtigten Wüten verschont. Er wendet ihr nicht die zornige, sondern die sanfte Seite seines Wesens zu. In raren Momenten werden Blicke, die er ihr verstohlen zuwirft, fast liebevoll. Nicht ohne Grund: Denn Corinna Belz ist ein poetisch-präzises Porträt gelungen, das Peter Handke gerecht wird, gerade weil die beiden nichts auslassen, alles an- und aussprechen. Von der heftigen Ohrfeige, die er einst seiner Tochter Amina, der Heldin seiner „Kindergeschichte“, verpasste und die ihn heute noch mehr zu schmerzen scheint als sie jemals. Bis hin zur Parteinahme für Milosevic, durch die er für viele zum Outcast und fast vogelfrei wurde.

Ich erinnere mich, wie ich einst in der alten Buchhandlung Dombrowsky einen mir von meinen Studienanfängen als besonders zart-empathisch vertrauten Universitätslehrer traf, der noch kein Bildungs-Technologe im neuesten Stil, sondern ein hemmungslos altmodischer Literaturfreund und Autorenversteher war – und der sich jetzt plötzlich in einen furchterregenden Wutbürger verwandelte. Er war dabei, alle Handke-Bücher aus den Regalen zu räumen, weil er nicht wollte, dass jemals wieder jemand diese schändliche Prosa lese. Nicht einmal, als ich vorschlug, ihm zu helfen, die Bücher hinaus auf die Wollwirkergasse zu schaffen und dort anzuzünden, wurde er nachdenklich.

Es herrschte Krieg damals, ein totaler, moralischer, gerechter Krieg, der nur mit der Vernichtung Handkes enden konnte. Gerechtigkeit für Handke? Undenkbar. Die hatte er mit seinem Essay bzw. eher seiner Erzählung „Gerechtigkeit für Serbien“ verwirkt, die in der SZ erstveröffentlicht wurde und sofort für ungeheures Aufsehen sorgte. Man spürt beim Betrachten dieses Films, dass Handke fast 20 Jahre später, mit Mitte 70, die Ereignisse von damals noch nicht überwunden hat.

Kein Parteinehmer

Dabei ging es ihm ja zuallerletzt um „Parteinahme“, schon gar nicht für Milosevic. Er war nie ein Parteinehmer gewesen. Ihn stieß nur der schwirrende, vernebelnde Schwarz-Weiß-Sound der Medien ab, die ausschließlich die Sicht der einen Seite gelten ließen und das Leid und den Schmerz der anderen vollkommen missachteten. Obwohl es bei Corinna Belz um die Poetik und die Lebenslehre Handkes geht, obwohl die Kamera vor allem das Haus, den Garten und die Umgebung des kleinen Anwesens in einem Pariser Vorort erkundet und dann natürlich auch die Linien des älter gewordenen Gesichts, obwohl das alles unverkennbar so ist, bildet Serbien oder noch besser: das untergehende Jugoslawien, das Land seiner Mutter, das Kraftzentrum.

Uraufführung in Locarno

  • Regisseurin Corinna Belz

    Corinna Belz war als Autorin, Regisseurin und Produzentin bereits an zahlreichen Film- und TV-Produktionen beteiligt. Für eine Kinodokumentation über das Schaffen des Künstlers Gerhard Richter wurde sie 2012 mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet.

  • Die Produktion

    „Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte...“ ist eine Produktion der „Zero One Film“ unter Beteiligung des SWR.

  • Die Uraufführung

    Der Film hatte auf dem Filmfestival Locarno Welturaufführung.

Es ist ein Gegenwarts- oder eher ein sehr gegenwärtiger Film, der mit dem Ruf Handkes als Waldgänger, Pilzsammler und sogar Gärtner spielt. Aber in die vielen Blicke und Gespräche im reinsten Präsens sind Szenen aus vergangenen Jahrzehnten hineinmontiert. Von seinem legendären Auftritt bei der Gruppe 47 in Princeton, der die alten Herren der Literatur ganz schön durcheinanderbrachte, über seine reine, fast schon kindliche Freude an Peymanns Inszenierung seiner „Publikumsbeschimpfung“ bis zu den vielen Zitaten aus seinen zahllosen Büchern, die ihren Halt, manchmal auch ihren Rand finden in dem, was seine Töchter, Amina und Leocadie, und seine Frau Sophie Semin sagen. Eine weise Frau, die weiß, dass ein Dichter oder auch nur ein Mann, der als Schriftsteller leben will, wie Handkes eigene frühe Formel lautet, viel allein, ja oft sogar unberührbar sein muss.

Altmodischer Erzähler

Fasziniert scheint Belz von Handkes Gesicht zu sein. Man sieht in Hunderten von Aufnahmen, wie es sich von Anfang 20 bis Anfang 70 entwickelt. Und von seiner Handschrift. Handke schreibt ja immer noch auf diese archaische Weise, mit einem Bleistift in Kladden, die er mit sich herumträgt und die er beizeiten auch mit Zeichnungen oder eher Kritzeleien versieht.

Handke ist ein altmodischer Erzähler, über dieses Rüstzeug hinaus, der nichts absurder findet als „Stories“, „Plot-Points“ und ähnlichen Unsinn, der in Schreibwerkstätten gelehrt wird. Kann man denn das Schreiben überhaupt lehren? Genauso wenig wie das Leben. Man kann es nur mühsam selbst erfahren, wunderbarerweise aber nicht, indem man sich sklavisch der vermeintlichen Realität anvertraut, sondern sich der mit einem Mal auftauchenden Erfindung, der Fiktion überlässt.

Mal schauen, wohin sie einen führt. Der Film läuft im Andreasstadel, Regensburg

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