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Ausstellung

In schönster Manier: Die Ära Medici

Das Städel Museum inszeniert den Ausklang der Renaissance in Florenz: aufwändig, verführerisch und mit prominenten Gästen.
Von Matthias Kampmann, MZ

Bildnis eines jungen Mannes, 1546 bis 1548 gemalt von Franceso Salviati (1510-1563): Das Gemälde ist in der großen Manierismus-Schau im Frankfurter Städel zu sehen.
Bildnis eines jungen Mannes, 1546 bis 1548 gemalt von Franceso Salviati (1510-1563): Das Gemälde ist in der großen Manierismus-Schau im Frankfurter Städel zu sehen. Foto: Saint Louis Art Museum

Frankfurt.Es gibt Ausstellungen, die man nicht mehr verlassen möchte, in die man sich am liebsten einsperren ließe, abends, wenn das Museum abgedunkelt und verschlossen wird. Da ereilt einen schon Wehmut, wenn man nur daran denkt, wie endlich solch ein Gastspiel ist. Eins von diesen, doch sehr seltenen Momenten des großen Fühlens nach erstauntem Sehen kann einen in Frankfurt im Städel Museum ereilen. „Maniera“ heißt das Projekt, und es beschäftigt sich mit dem „letzten, ganz großen Unterkapitel der Makro-Epoche Renaissance“, wie Kurator Bastian Eclercy beschreibt: dem Manierismus.

Selbst wenn Zahlen keine Aussage über Güte der einzelnen Werke erlauben, stehen sie doch beredt für den Rang des Hauses und belegen dessen global überragenden Ruf. Rund 130 Arbeiten sind es in Gänze. Darunter ganze 120 Leihgaben aus mehr als 50 Museen sowie Privatsammlungen, etwa aus dem Bestand des berühmten Schweizer Galeristen Bruno Bischofberger, der die „Pietà Altoviti“, eine knapp zwei Meter hohe Tafel aus Männedorf-Zürich, an den Main schickte.

Der numerischen Superlative nicht genug, berichtete Eclercy davon, dass „20 Werke überhaupt zum ersten Mal die Stadtgrenzen von Florenz überschritten haben“. Das ist das Stichwort. Denn es wird hier nicht ein epochaler Überblick angeboten, wie ihn das Hamburger Bucerius Kunstforum im November 2008 eröffnete. Hier steht die Stadt der Medici am Arno, das „Athen der Renaissance“ im Zentrum . Indirekt dokumentieren die Bilder daher zudem das Ende der Republik und der Herrschaft der Medici und den Untergang der lokalen Vormachtstellung in Kunstfragen.

Der Schlangenleib tritt auf den Plan

Der Manierismus hat es den Kunsthistorikern nie leichtgemacht. Selbst heute lassen sich nur wenige Lehrbuchmerkmale definieren, und die Frage stellt sich sowieso, wie viel Sinn das macht. Der Manierismus ist jedenfalls ein gesamteuropäisches Stilphänomen, vielleicht das erste flächendeckende schlechterdings, in dem sowohl nördlich als auch südlich der Alpen beispielsweise die „Figura Serpentinata“, also der verdrehte Schlangenleib, der menschliche Körper in Torsionen und diverse andere Erscheinungen etwa in der Bildhauerei auf den Plan treten.

Das Florenz der Medici

  • Die Ausstellung:

    „Maniera. Pontormo, Bronzino und das Florenz der Medici“ im Frankfurter Städel Museum ist die erste Schau zum Florentiner Manierismus. Gut 120 Leihgaben aus 50 internationalen Museen skizzieren eine stilistische Vielfalt, die mit einfachen oder kontrastierenden Begriffen nicht richtig zu fassen ist. Es dominieren Personalstile, die eines vereint: das Bewusstsein vom Kunstcharakter.

  • Die Auswahl:

    Kuratiert hat die Schau, die 130 Arbeiten versammelt, Bastian Eclercy. Bis zum 5. Juni ist die Ausstellung im Frankfurter Museum Städel am Schaumainkai zu sehen. Als Ausgangspunkt ist Agnolo Bronzinos berühmtes Gemälde „Bildnis einer Dame in Rot“ (ca. 1533) anzusehen, eins der Meisterstücke der Städel-Sammlung.

  • Die Objekte:

    Neben Gemälden, Zeichnungen, plastischen und skulpturalen Arbeiten, einer Tapisserie, Büchern und Handschriften zeigt die Schau das im Maßstab 1:3 rekonstruierte Monumentalmodell des Treppenhauses der Biblioteca Laurenziana (1524-59) und deckt damit beinahe alle Gattungen des künstlerischen Schaffens in der Stadt ab.

  • Der Katalog:

    Begleitet wird die Schau von einem umfangreichen Katalog (304 Seiten, 39,90 Euro, Prestel Verlag, München), in dem sämtliche Werke abgebildet und beschrieben sind. Er folgt der dramaturgischen Gestaltung der Ausstellung in acht weitgehend chronologischen Kapiteln.

Davon allerdings sieht man in Frankfurt gar nicht so viel. Keine Bronze des phänomenalen, höchst berühmten und ehrenderweise oft kopierten „Raub der Sabinerinnen“ von Giambologna (1519-1608). Dafür aber, nicht minder zauberhaft, eine 39 Zentimeter hohe Terrakotta, die Personifizierungen zeigt: „Florenz triumphiert über Pisa“ (Victoria & Albert Museum, London, 1565). Oder eine kleinere Fassung des berühmten „Perseus“ von Benvenuto Cellini (1500-1571) aus dem Jahr 1546 (Florenz, Nationalmuseum Bargello). Der überschlanke Perseus hält im Bewusstsein seiner List und intellektuellen Überlegenheit selbstbewusst und triumphierend den schlangenhaarigen Kopf der Medusa in die Höhe.

Ausschnitt aus Jacopo Pontormos Venus und Amor (um 1533)
Ausschnitt aus Jacopo Pontormos Venus und Amor (um 1533) Foto: Galleria dell’Accademia Florenz

In der Ausstellung überwiegen jedoch Malerei und Grafik bei weitem. Überaus selten, und sicher eines der Stücke, die noch nie andernorts waren, ist etwa das Buch „Delle rime des Bronzino pittore“, mit Gedichten, die Agnolo Bronzino (1503-1572) vor 1566 verfasst hat. Es ist eine Handschrift aus der Nationalbibliothek in Florenz, und man hätte sich die Übertragung der aufgeschlagenen Seite gewünscht. Das unternimmt das Ausstellungsteam beim nicht minder exotischen Tagebuch von Jacopo Pontormo (1494-1557) aus dem Zeit 1554 bis 1556. Man liest hier Bodenständiges übers Essen, aber auch von seinen Magenschmerzen und dem schlechten Wetter. Aufschlussreich ist, wie lange Pontormo an bestimmten Partien eines Kunstwerks arbeitete.

Die Figuren bezeugen Sinn für Eleganz

Die beiden Namen bezeichnen die prominentesten Vertreter in der Ausstellung. Ganze 38 Arbeiten stammen von Pontormo, darunter wunderbare Zeichnungen mit roter Kreide, wie die Studie für „Venus und Amor“ (ca. 1515). Vom Kollegen Bronzino zeigt die Schau 25 Werke. Im Zentrum stehen die Porträts, wie könnte es anders sein. Ob „Eleonora die Toledo“ (1539-43) aus Prag (Nationalgalerie) oder das Berliner Pendant von 1555/56 oder 1560: Die 1522 in Spanien geborene Ehefrau von Cosimo I. de’Medici, die offenbar mit ihrer spanischen Kleidung ihre Zurückweisung in Florenz quittierte, schaut so kühl und nobel wie alle Porträtierten hier. Überreich verzierte Gewebe tragen diese Figuren und bezeugen den Sinn für Eleganz der Zeit.

Ausschnitt aus Agnolo Bronzinos Hl. Sebastian (um 1528/1529)  Madrid
Ausschnitt aus Agnolo Bronzinos Hl. Sebastian (um 1528/1529) MadridFoto:Museo Thyssen-Bornemisza

Und dann sind da Kleinode, etwa die „Anbetung der Hirten“, ein Nachtstück, das in Budapest, im Szépmüvészeti Múzeum, zuhause ist. Die knapp 66 mal 47 Zentimeter große Holztafel besticht durch den silbernen Farbklang, der vom hell strahlenden Mond am Himmel ausgehend, die Szenerie vor dem Stall magisch beleuchtet. Es ist, als sei es nur um diesen silbrig-blauen Farbklang gegangen.

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Übrigens ist die Ausstellung mit ihren gedämpften Farben dramaturgisch gelungen inszeniert. Bereits der Auftakt brilliert. Man läuft auf Pontormos „Bildnis eines Goldschmieds“ (1518, Louvre) zu und wundert sich bereits über die Handgeste. Schaut man sich direkt nach dem Eintreten um, bemerkt man die beiden flankierenden Zeichnungen in roter Kreide. Doppelseitig bearbeitet und von beiden Seiten zu betrachten, rahmen sie den Durchgang wie bildhübsche Wände. Das sind alles höchst prominente Gäste.

Elegant, grotesk oder cool

Und dann, in einem Bild aus dem Städel selbst, sieht man das Christuskind wie es freudestrahlend lächelt. Rosso Fiorentino (1494-1540) malte die „Madonna, dem Kind und dem Johannesknaben“ um 1515. Das sind die frühen Jahre des 16. Jahrhunderts, und peu á peu erschließen sich die individuellen Positionen, denn das ist es, was am Ende bleibt: Man kann sich einfach nicht auf kategoriale Begriffe festlegen.

Jeder Maler malt und probiert dabei. Ob exzentrisch oder elegant, ob an Michelangelo erprobt oder frei erfindend, ob grotesk oder cool: Es sind die malenden Individuen, die sich hier im untergehenden Reich der Florentiner Großkaufleute eher selbst, denn den Porträtierten ein Denkmal gesetzt haben. Denn auch das spiegelt die Ausstellung, dass nämlich die Bilder im Bewusstsein ihrer Kunsthaftigkeit gemalt worden sind. Ach wäre man doch geblieben.

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