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In wildem Getöse tiefe Verzweiflung

Thomas Hengelbrock leitet im Neumarkter Reitstadel die Aufführung von Bachs Johannespassion: Mitreißend!
Von Claudia Boeckel, MZ

Thomas Hengelbrock: Im Neumarkter Reitstadel leitete er die Aufführung von Bachs Johannespassion. Foto: dpa
Thomas Hengelbrock: Im Neumarkter Reitstadel leitete er die Aufführung von Bachs Johannespassion. Foto: dpa

Neumarkt.Berthold Brecht, Meister des epischen Theaters, war fasziniert von Bachs Johannespassion, diesem „Musterbeispiel gestischer Musik“. Zu den ersten Evangelistenworten „Jesus ging mit seinen Jüngern über den Bach Kidron“ schreibt Brecht: „Die Lokalität des Baches wird genau bezeichnet.“ Bach treibt nicht im Sinne der Opernrezitative die Handlung voran, sondern er vertont Heilsgeschichte in Gestalt aktueller Wortverkündigung, nutzt als Textvorlage keine gereimten Nachdichtungen, sondern die Unmittelbarkeit und Beweglichkeit des Luther-Textes. Wie ein guter Redner gliedert Bach die Sätze nach kleinen Sinneinheiten und er hebt betonte Wörter hervor: Jesus, Jünger, Kidron, Garten, Judas, verriet. Bach setzt sie auf schwere Zählzeiten oder auf Spitzentöne. Der Gestalt Jesu ist der reine Dreiklang zugeordnet, Judas der Tritonus, der „Diabolus in Musica“. In solch kleinsten Details wie auch im großen Zusammenhang der Abfolge von Chören, Chorälen, Rezitativen und Arien ist nichts zufällig.

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Die Johannespassion schlug denn auch in Leipzig wie ein Komet ein. Im Jahr 1724 führte man Bachs erste Fassung auf, die heute üblicherweise gespielt wird. Schon 1725 folgte eine zweite Fassung, heute selten gespielt. Thomas Hengelbrock, der Balthasar-Neumann-Chor & -Solisten und das Balthasar-Neumann-Ensemble führten die Fassung im Reitstadel als spannendes und fesselndes Drama auf.

An die Stelle des Eingangschores „Herr, unser Herrscher“ tritt eine Choralbearbeitung. Eine Bass-Arie mit Choral, „Himmel reiße, Welt, erbebe“, sehr schnell und wild interpretiert, kommt ganz neu hinzu. Die aufregendste und vielleicht weltlichste Arie „Ach mein Sinn“ wird durch die musikalisch-opernhafte Arie „Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel“ ersetzt, tut in wildem Getöse alle Verzweiflung kund. Auch die „Erwäge“-Arie fällt heraus und wird durch ein textlich neutraleres „Ach windet euch nicht so“ ersetzt, ein ausgedehnterer Schlusschoral angefügt.

Pragnant auch in extremsten Tempi

Irgendwie wirkt diese zweite Fassung stringenter, dramatischer, besonders in Hengelbrocks affektgeladener Interpretation. Keine Sekunde fällt die Spannung ab, auch lange Pausen sind genauestens bemessen. Dem Evangelisten Daniel Behle, überzeugend, mitreißend und prägnant auch in extremsten Tempi, steht Markus Butter zur Seite, der die Christusworte singt.

Die Arien wurden von verschiedenen Sängern des Chores übernommen, unterschiedliches Timbre sorgte da für maximale Textausdeutung. Einen besseren Chor als dieses Solistenensemble gibt es kaum. Mit raffinierten Klangeffekten bis hin zur Percussion gestaltete auch das Orchester alle nur denkbaren Affekte dieser Passion umwerfend präzise und mit höchster Aufmerksamkeit. Ein aufregender Abend mit oft atemlos machender Intensität.

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