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Künstlerin

Ingrid Caven feiert 80. Geburtstag.

Sie war Fassbinders Frau und ein Star seiner Filme. Aber erst in Paris wurde sie singend zur Legende.
Von Helmut Hein

Die Sängerin und Schauspielerin Ingrid Caven (im Foto von 2012 beim Filmfest München) war mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder verheiratet. Am 3. August wird sie 80. Foto: Hase
Die Sängerin und Schauspielerin Ingrid Caven (im Foto von 2012 beim Filmfest München) war mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder verheiratet. Am 3. August wird sie 80. Foto: Hase

Regensburg.Oktober 1977, der „deutsche Herbst“. RAF-Unterstützer haben den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer und dann auch noch die Lufthansa-Maschine „Landshut“ entführt, um die Stammheim-Häftlinge freizupressen. Es geht zunehmend gewalttätig zu im Land, die Neurosen und Psychosen blühen. Rainer Werner Fassbinder hockt in seiner abgedunkelten Schwabinger Wohnung, telefoniert viel, wird immer paranoider und filmt sich dabei. Wovor hat er Angst? Vor Besuchern; dass entweder der Staatsschutz oder die RAF bei ihm vorbeischaut. Wir werden Zeuge dieser Szene, weil Fassbinders autobiografische Konfession im Zentrum des Films „Deutschland im Herbst“ steht, in dem sich ein Dutzend der besten Regisseure ihre Gedanken machen über die politische Situation – und was man tun könnte gegen das grassierende Gefühl der Hilflosigkeit.

War Fassbinders Furcht berechtigt? Nun, zumindest war Andreas Baader lange Zeit geradezu obsessiv hinter Ingrid Caven her, er hat sie regelrecht gestalkt. Ingrid Caven heißt bis heute, „bürgerlich“, Ingrid Fassbinder, sie war in dieser Zeit die Frau des legendären Regisseurs. Irgendwann flüchteten die beiden vor Baader nach New York. Am 3. August wird Ingrid Caven 80.

Nun, Andreas Baader saß jetzt im Gefängnis, aber seine Freunde wollten ihn mit allen Mitteln befreien: „Big Raushole“, hieß die Parole. Vielleicht erinnerten sie sich ja an Fassbinder und Caven und wollten ihre Hilfe. Woher man das alles so genau weiß? Weil vor knapp zwei Jahrzehnten ein detailverliebtes Buch mit dem Titel „Ingrid Caven“ erschien, für das der Autor Jean-Jacques Schuhl den renommierten Prix Goncourt erhielt. Für ein Sachbuch? Nein, „Ingrid Caven“ war für die Jury ein Roman; so stand es auch auf dem Cover. Und damit beginnen die Probleme. Was ist Wahrheit in diesem ausgefuchsten Text, was Fiktion.

In Frankreich längst ein Star

Denn Ingrid Caven, die am Münchner Action-Theater und dann als Schauspielerin in Filmen von Fassbinder und Daniel Schmid („La Paloma“) begonnen hatte, war in Frankreich seit den späten 70er-Jahren ein Star. Ihre zweite, noch größere Karriere begann 1978 mit Auftritten im „Pigalle“. „Ingrid Caven chante“, glimmte einem jahrelang von den Außenmauern entgegen. Dann fiel das Lämpchen für das „c“ aus und es hieß plötzlich „hante“, was so viel heißt wie „spukt“. Das passte auch. Denn sie war ja nie so recht fassbar.

Wenn man sie, wie das üblich ist, eine Diseuse nennt, dann ist das ein wenig irreführend. Denn sie verfügt über eine seriöse Gesangsausbildung, begeisterte sich in ihrer Jugend für das deutsche Kunstlied, für Schubert, Schumann, Brahms, Hugo Wolf, später auch für Kurt Weill, ihre gestorbene jüngere Schwester Trudeliese Schmitz war eine gefeierte Mezzosopranistin. Schmitz war Ingrid Cavens Mädchenname.

Die Pariser haben ein unausrottbares Faible für das dunkle und tiefe, das romantische Deutschland. Ingrid Caven bediente diese Fantasien. Sie sang vor allem Chansons, manchmal auch populäre Schlager („Die Caprifischer“), aber eben so, als handele es sich um Kunstlieder von Schumann oder Hugo Wolf. Es entsteht dabei eine hochpathetische, raunende Melange, die manche schlicht für ungenießbar halten, während es für andere Seelenmusik pur ist. Zum Mythos der Caven trug auch ihre Krankheit bei. Weil sie gegen fast alles allergisch war, ließ sie sich von Yves Saint-Laurent ein schwarzes Samtkleid schneidern, das mondän und frivol wirkte, weil es, auf der nackten Haut getragen, gern verrutschte. Und ihr Gesicht? Welches Gesicht? Was man zu sehen bekam, war eine starre Maske, das Resultat dick aufgetragener Crèmes.

Zur Person

  • Leben:

    Ingrid Caven wurde als Tochter eines Saarbrücker Zigarettenhändlers geboren. Nach dem Studium von Kunstgeschichte, Germanistik und Pädagogik arbeitete sie zunächst als Lehrerin. 1967 wurde sie von Rainer Werner Fassbinder in einem Münchner Varieté entdeckt. von 1970 bis 72 waren beide verheiratet.

  • Auszeichnungen:

    1970 erhielt sie gemeinsam mit dem weiblichen Ensemble des antiteaters um Hanna Schygulla den Bundesfilmpreis als beste Darstellerin. Elf Jahre später wurde sie für ihr Porträt einer Schaustellerin in Walter Bockmayers und Rolf Bührmanns Drama Looping (1980) mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet.

Noch erfolgreicher als mit ihren Chanson-Versionen wurde sie mit ihrem eigenen Repertoire, das Peer Raben komponierte. Die Texte stammten von Fassbinder, Wondratschek, Enzensberger und dem Millionenerben Jean-Jacques Schuhl, mit dem sie seit Langem im Künstlerviertel Saint Germain des Pres lebt. Schuhl war mit einem frühen Roman, „Rose Poussière“ (1972), selbst zur Legende geworden, hatte dann aber fast drei Jahrzehnte lang nichts mehr geschrieben. „Rose Poussière“ war ein Collage-Roman und versammelte kleine und kleinste Gesten und Situationen aus dem Pop- und Pop-Art-Schicki-Micki-Universum zwischen Mick Jagger und Andy Warhol.

Und jetzt schreibt er, wie einst Max Frisch in „Montauk“ versprach, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit über das Leben seiner Liebsten? Die sich ansonsten so sehr verbirgt, dass selbst Journalisten wie Stefan Zweifel höchstens ihren Schuh durch einen Türspalt zu sehen bekommen und dann mit ihrem Rhapsoden, dem Sänger der Sängerin vorliebnehmen müssen. Schuhl verehrt, wie Ingrid Caven, die einst als Lehrerin begann, die deutschen Autoren, also Goethe: „Sucht nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre“ und mehr noch Nietzsche, dessen Diktum, man solle „tapfer bei der Oberfläche, der Falte, der Haut stehenbleiben, den Schein anbeten“, sie sich zu eigen machen.

Fassbinder plante Caven-Film

Nur dass bei ihr eben selbst die Oberfläche verstellt ist. Zuerst kommt der Mythos, später dann, vielleicht, das Leben. Selbst die Diseuse Caven war nur die Wiedergängerin von Daniel Schmids „La Paloma“, mit der sie 1974 in Cannes zum Geheimtipp und dann rasch zum internationalen Star wurde. Und auch Schuhls verstörender Roman „Ingrid Caven“ hat ein Vor-Bild. Im Nachlass Fassbinders fanden sich vor Kurzem Notizen, die darauf hindeuten, dass er einen Film namens „Ingrid Caven“ plante. Aber dann kam, gut romantisch, der Tod dazwischen.

Am 3. August wird Ingrid Caven 80. Die öffentlichen Auftritte sind mit der Zeit rar geworden. Aber im Video zum Tocotronic-Hit „Im Zweifel für den Zweifel“ spielte sie 2010 die Hauptrolle. Und diese Band, bei der man den Eindruck hat, sie könne nichts falsch machen, beendet seit 2005 ihre Konzerte regelmäßig mit dem Caven-Chanson „Die großen weißen Vögel“.

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