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Kultur
Sonntag, 27. Mai 2018 29° 2

Ausstellung

Innige Tage mit der Zarin

Ludwig II. verehrte Maria Alexandrowna als „Mutter“. Eine Schau in Frankfurt gibt Einblicke – aber nur wenig Erläuterungen.
Von Marcus Spangenberg

Einblick in die Ausstellung im Ikonen-Museum, mit einem Teil der Objekte zu Zarin Maria Alexandrowna Foto: Marcus Spangenberg

Frankfurt.Es war eine ungewöhnliche und heute weithin vergessene Beziehung, die den bayerischen Märchenkönig Ludwig mit einer russischen Zarin verband. „Mit der Kaiserin im Parke mondbestrahlt gegangen, viel, traut gesprochen über ... das Wesen der Monarchie, Rußland, gottvoll, unvergeßliche Nacht …“, notierte Ludwig II. (1845–1886) im September 1867 in sein Tagebuch. Maria Alexandrowna, die Gemahlin des Zaren Alexanders II., war gerade einige Tage zu Gast im Schloss Berg am Starnberger See.

Für die geborene Prinzessin Marie von Hessen und bei Rhein (1824–1880) ließ Ludwig eigens seine Räume im eher bescheidenen Königsdomizil südlich von München prächtig ausstatten. Am meisten war die ferne Verwandte wohl vom Seefest beeindruckt, das Ludwig ihr ausrichtete – ausgerechnet am Vorabend der Hochzeit seiner Ex-Verlobten, die in Possenhofen am gegenüberliegenden Seeufer angespannt ihrer Trauung entgegenblickte.

Wirklich näher als der vormaligen Braut war Ludwig schon immer der hoch verehrten Maria Alexandrowna. „Mutter“ nannte er sie ein ums andere Mal, nachzulesen in seinen vielen Briefen an die Verehrte. Es mag schwärmerischer Ausdruck einer emotionalen Nähe gewesen sein, aber gewiss auch ein Zeichen für die Distanz zur eigenen Mutter Marie von Bayern. Ob sie von der „Konkurrenz“ wusste, ist unbekannt. Und wie ernst es der zur poetischen Leidenschaft neigende Bayernherrscher meinte, ebenso.

Der König bei der „Nachkur“

Begonnen hat alles im Sommer 1864 in Bad Kissingen. Der taufrische Monarch im 19. Lebensjahr traf in der Kurstadt nicht nur auf „seine“ Elisabeth „Sisi“ von Österreich, sondern auch auf die Kaiserin von Russland. Ludwig fühlte sich ihr gleich so nahe, dass er zwar zunächst nach München zurückkehrte, dann aber entschied, Maria Alexandrowna in ihre „Nachkur“ in Bad Schwalbach zu folgen.

Es waren offenbar innige Tage, denen bis zum Tode der Zarin ein permanenter Briefwechsel folgte – und das einzige bekannte Wiedersehen 1868 am Starnberger See mit einem Feuerwerk zu den Klängen der russischen Kaiserhymne.

Nun kann man der für Ludwig II. so wichtigen Person nahekommen, wie selten zuvor: Das Ikonen-Museum in Frankfurt präsentiert sehr viele Objekte aus dem persönlichen Besitz der Monarchin, darunter auch Briefe und andere Schriftstücke. Insbesondere zahlreiche Gemälde und Grafiken ermöglichen es, sich – im wahrsten Sinne des Wortes – ein besseres Bild von der Zarin zu machen.

Zarin Maria Alexandrowna, Ölgemälde von Franz Xaver Winterhalter (1857), einem der gefragtesten Porträtmaler Europas. Die Bildnisse der österreichischen Kaiserin Elisabeth „Sisi“ zählen zu seinen bekanntesten Werken. Foto: Marcus Spangenberg

Neben ihr werden drei weitere Prinzessinnen aus dem Haus Hessen vorgestellt: Wilhelmine von Hessen-Darmstadt (1755–1776) sowie die Schwestern Elisabeth (1864–1918) und Alix von Hessen und bei Rhein (1872–1918). Mit ihrer Konvertierung zum russisch-orthodoxen Glauben und ihrer Heirat nahmen sie einen neuen Namen an und wurden als Großfürstin Natalja Alexejewna, Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna und Kaiserin Alexandra Fjodorowna und eben Marie von Hessen und bei Rhein als Kaiserin Marija Alexandrowna, Teil der Geschichte des russischen Kaiserreichs. Mit der Abdankung Nikolaus II. 1917 endete vor 100 Jahren dieses Kaiserreich.

Das Ikonen-Museum in der hessischen Stadt Frankfurt am Main nimmt das Ende der Zarenherrschaft zum Anlass, die vier Prinzessinnen aus Hessen mit mehr als 300 Objekten von rund 30 Leihgebern erstmals in Deutschland in dieser umfangreichen Art vorzustellen. Organisiert wurde die Ausstellung vom Kulturministerium der Russischen Föderation, der Stiftung zur Förderung der Wiederbelebung der Barmherzigkeits- und Wohltätigkeitstraditionen „Jelisawetinsko-Sergijewskoje Aufklärungsgesellschaft“ Moskau und der Hessischen Hausstiftung.

Die Menschen bleiben leblos

Selten können die Objekte in den vergleichsweise beengten Raumverhältnissen ihre Kraft und Ausstrahlung voll entfalten. Vor allem ist es unbedingt notwendig, sich über den Katalog, weitere Literatur oder Internet-Recherche einzulesen. Die Personen hinter den Objekten, die Zeitverhältnisse und Ereignisse dem Besucher näherzubringen, gelingt dieser Ausstellung kaum. Und dies vor allem, weil jegliche schriftlichen Erläuterungen und Zusammenfassungen fehlen. Die teilweise komplizierten Strukturen des russischen (Staats-)Wesens und die enge Verzahnung zwischen Kirche und Macht sind für Westeuropäer nicht einfach zu entschlüsseln – in der Ausstellung aber durchweg präsent.

Hier geht es zur Kultur.


Die Ausstellung

  • Die Ausstellung:

    „Liebe, Glanz und Untergang. Die hessischen Prinzessinnen in der russischen Geschichte“ ist im Ikonen-Museum Frankfurt/Main (Stiftung Dr. Schmidt-Voigt, Brückenstraße 3-7 bis 26. Februar zu sehen, www.ikonenmuseumfrankfurt.de Im Katalog sind nahezu alle Objekte beschrieben und abgebildet.

  • Literatur-Tipp:

    Eine Biografie zu Zarin Maria Alexandrowna ist im Konrad Theiss Verlag erschienen: „Die Hessin auf dem Zarenthron: Maria, Kaiserin von Russland“ (336 S., 24,95 Euro) In zwölf Kapiteln bringt Historikerin Marianna Butenschön aus Hamburg die Monarchin näher.

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