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Jazzweekend

Innige und brodelnde Klänge

Musik mit jüdischer Tradition und ein Musiker, der an rassistisch motivierte Morde erinnert: Das Jazzweekend ist politisch.
Von Michael Scheiner, MZ

Das Duo „Inside Colours“ spielte am Ort des früheren jüdischen Ghettos: Pianistin Julie Sassoon, die deutsch-jüdische Wurzeln hat, und Bassklarinettist Lothar Ohlmeier.
Das Duo „Inside Colours“ spielte am Ort des früheren jüdischen Ghettos: Pianistin Julie Sassoon, die deutsch-jüdische Wurzeln hat, und Bassklarinettist Lothar Ohlmeier. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Die Nazis hassten Jazz. Offiziell. Es war für sie „Negermusik“. Neben dem menschenverachtenden Rassismus gab es allerdings noch einen anderen Grund, warum deutsche Faschisten und ideologische Nachfolger bis heute die Jazzmusik verabscheuen. Viele Komponisten und Jazzmusiker waren jüdischer Herkunft. Umso bemerkenswerter ist das Konzert, des am Haidplatz mit dem Berliner Duo „Inside Colours“ stattfand.

Nach Jahrzehnten war der zentrale Platz um Neupfarrkirche und Karavan-Denkmal erstmals wieder ins Jazzweekend einbezogen worden. Dahinter stand auch das Ziel, für den Neubau der Synagoge zu werben. Die britische Pianistin Julie Sassoon und Bassklarinettist Lothar Ohlmeier spielten eine ruhige, kontemplative Musik. Empfindsame Stücke wie „Expectations“ und „To Be“, welche die beiden kurz zuvor in Berlin aufgenommen hatten, mit hohem Improvisationsanteil. Zunächst schien diese nach innen gerichtete Klangwelt gar nicht richtig für die geschäftige Betriebsamkeit des Platzes passend. Dem Duo mit dem probaten Namen, Innere Farben, gelang es aber erstaunlich schnell, die Stuhlreihen zu füllen. Sogar die belebte Gastronomie zogen die beiden mit ihrer empfindsam-harschen Klangwelt aus klassischen Elementen, Minimal und Jazz in Bann. Als Sassoon am Ende vom Programm abwich und ein Stück aus ihrer Solo-CD „Land Of Shadows“ spielte, eröffnete sie unerwartet eine weitere Dimension. Mit einem fast geisterhaften Gesang hat Sassoon auf dem Album Eindrücke ihrer deutsch-jüdischen Familiengeschichte verarbeitet. Die hatten sie nach ihrer Ankunft in Deutschland lange bedrängt. Bei diesem allerersten Auftritt des Duos auf einer Bühne im Freien – auf dem Platz des früheren jüdischen Ghettos – waren diese bezwingenden Empfindungen plötzlich wieder aufgetaucht und haben sich in der bewegenden Improvisation Raum verschafft.

Musik in der deutsch-jüdischen Tradition präsentierte auch das Duo Brinkmann & Spehl aus Bonn. In der nahezu voll besetzten Oswaldkirche bekamen sie für ihre „Traurige Trilogie“, drei jiddische Lieder voller Schwermut, und lebhaften Klezmermelodien begeisterten Beifall. Auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts erlebt die alte osteuropäische Tanz- und Volksmusik seit langem gewissermaßen eine Wiedergeburt im Geist der Wiedergutmachung. Von den beiden hervorragenden Klarinettisten spielte der aus Fürth stammende Musiktherapeut Georg Brinkmann auch Akkordeon. Gemeinsam ließen sie in Instrumentalnummern ihre Klarinetten in chassidischer Ekstase Purzelbäume schlagen und wilde Tänze aufführen.

Die Fieberkurve steigt steil an

Brinkmann & Spehl aus Bonn waren am Neupfarrplatz zu hören. Foto: altrofoto.de
Brinkmann & Spehl aus Bonn waren am Neupfarrplatz zu hören. Foto: altrofoto.de

Erregend wild ging es auch bei dem niederbayerischen Duo „Dualhead“ im Andreasstadl zu. Zumindest dem unmittelbaren äußeren Anschein nach, wenn Zuhörer im Vorbeigehen kurz etwas von der freejazzigen Entladung zu hören bekamen. Bereits am Abend zuvor hatten Saxofonist Mitch Petri und Schlagzeuger Mäx Huber im „Murphy’s Law“ kräftig aufgemischt. Auf die Ohren gab es auch für das ältere Publikum, darunter einige Veteranen der Freejazz-Pionierzeit, im angenehm kühlen Andreasstadl. Aus einem schreiend-drängenden Solo auf dem Sopransax entwickelte sich mit dem zunächst bedächtigen Einstieg des Drummers eine schnell steiler werdende Fieberkurve. Bei Petri läuft dieser klangliche Taumel, die Aufwallung durch den ganzen zitternden und bebenden Körper. Dennoch wirken die improvisierte musikalische Gestaltung und der Auftritt als Ganzes wie ein Ritual aus einer vergangenen Zeit. Eine Wiederholung aus den Aufbruchzeiten des Freejazz, als es auch um die Überwindung des Kapitalismus und das Umstoßen aller vorgegebenen Formen ging. Der Selbstbezug auf den Punk ist hier mehr krampfhaftes Bemühen, um auch einen jüngeren Personenkreis anzusprechen, als inhaltlich zwingendes Merkmal.

Hier finden Sie ein Video zum Jazzweeekend:

Beim Jazzweekend herrschte hervorragende Stimmung. Video: TVA

Einen gesellschaftlich-politischen Bezug stellte ein Musiker bei seinem umjubelten Konzert auf dem Haidplatz her, von dem es niemand erwartet hätte. Bluescrack Wolfgang Bernreuther aus Neumarkt erinnerte an seine Zusammenarbeit mit dem großen Bluesmann Louisiana Red. Als Fünfjähriger musste dieser erleben, wie sein Vater und Nachbarn vor seinen Augen von Rassisten umgebracht wurden. „Auch heute noch werden Schwarze grundlos umgebracht“, mahnte Bernreuther. Von diesen Menschen „ist die Musik erfunden worden, die wir spielen, Blues und Jazz…“. Seine neue Band „New Experience“ widmete deshalb einen Song, gespielt von Robert Seitz und Tom Feiner an der Mundharmonika, den benachteiligten und entwürdigten Schwarzen. Ansonsten ließ die sechsköpfige Band mit neuen, eigenen und bekannten Blues- und Rock’n’Roll-Songs musikalisch „die Sau raus“. Bei Canned Heats „On The Road Again“, dem Klassiker „Stormy Monday“ und Bluesrocknummern mit Ewigkeitswert, wie „Crossroads“, ging es bis zum Abpfiff hoch her.

Ein nächtliches Feuerwerk

Wolfgang Bernreuther mit seiner Formation „New Experience“ Foto: altrofoto.de
Wolfgang Bernreuther mit seiner Formation „New Experience“ Foto: altrofoto.de

Danach ging es nur noch indoor im Leeren Beutel weiter. Dort entfachte die vielköpfige Münchner Funkformation „Jacuzzi“ ein nächtliches Feuerwerk aus Soul, Funk und Groove. Die Partymusik von ihrem letzten Album „Showcase“, das mit dem deutschen „Rock & Pop Preis 2014“ ausgezeichnet wurde, verwandelte den Saal mit dicht gedrängten jungen Leuten in ein brodelndes Dampfbad.

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