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Konzert

Ironisch, lässig und floskelfrei

Mit einem brillanten Auftritt unterstreicht „Die Höchste Eisenbahn“ ihren Ruf als wohl beste deutschsprachige Indie-Pop-Band.
Von Juan Martin Koch

Kongeniales Songwriter-Duo: Francesco Wilking (rechts) und Moritz Krämer  Foto: Juan Martin Koch
Kongeniales Songwriter-Duo: Francesco Wilking (rechts) und Moritz Krämer Foto: Juan Martin Koch

Regensburg.In einer besseren Musikwelt hätte „Die Höchste Eisenbahn“ mit „Was machst du dann“ 2013 ihren ersten Hit gefeiert. Der von einem Post-Neue-Deutsche-Welle-Drumcomputer in Gang gesetzte und im Refrain von einem Kinderchor rotzig herausgebrüllte Kracher wäre im Radio rauf- und runtergelaufen, die eloquenten Frontmänner Moritz Krämer und Francesco Wilking wären in Talkshows herumgereicht worden.

Aber natürlich ist der Text, der von ironischer Alltagsbeobachtung in traumverlorene Endzeitvisionen abdriftet, viel zu kryptisch für eine „heavy rotation“. Und das ist vielleicht auch gut so. Die beiden, derzeit vielleicht besten, Songwriter deutscher Zunge sind zwar kein Geheimtipp mehr, aber treten eben doch noch in intimen Clubs wie der Alten Mälzerei in Regensburg auf. Dort treffen sie auf ein textsicheres, lässigen Enthusiasmus verbreitendes Publikum (überwiegend etwas jünger als sie selbst), mit dem sie in eine sympathische Kommunikation ohne die üblichen Floskeln eintreten.

Frontmänner im Widerspruch

Was sie dabei haben, ist ihre dritte, bisher wohl ausgefeilteste Platte („Ich glaub dir alles“). Das Eröffnungsstück „Aufregend und neu“, mit dem sie auch in ihr langes, über 100-minütiges Set in der Mälze einsteigen, vereint dann gleich viele „Eisenbahn“-typische Elemente: Der gemeinsame Gesang der klar unterscheidbaren, im Duo aber perfekt verschmelzenden Frontmänner Wilking und Krämer signalisiert, dass die Beiden ihre Songs gemeinsam schreiben und verantworten. Im Verlauf des Textes, der den titelgebenden Slogan mit verschlamptem Reim untergräbt („Alles hier ist aufregend und neu / Schau mal, da drüben steh’n Touristen unter Bäum’n…“), treten sie dann aber als zwei sich widersprechende Stimmen einzeln hervor: „Alles ist verloren“, singt der eine, „quatsch, alles ist in Ordnung“, entgegnet der andere, und weiter: „Wir lern’n uns gerade erst kenn’n“ – „Wir hab’n uns grade getrennt“.

Die Entstehung

  • Album:

    Den Entstehungsprozess zum aktuellen Album „Ich glaub dir alles“ (Tapete Records) beschreibt die Band auf ihrer Webseite so: „Es war August 2017, Louis Armstrong war gerade auf dem Mond gelandet und die chinesische Mauer wurde eingeweiht, als uns in einer Datsche im Wendland die ersten Ideechen zu dieser Platte kamen. Wir haben uns im Wohnzimmer im Kreis aufgebaut, Schlagzeug, Bass, Gitarre und Lieblingssynthies, und uns dann kreischlaut halb-random Akkordfolgen vorgeschlagen. Wenns zuviel wurde, sind wir in den See gesprungen und manchmal kam auch mitten im Spielen noch jemand vorbei…“

Der Sound des neuen Albums – erstmals ist mit Moses Schneider ein Produzent beteiligt – ist so wie die Songs: ausgefeilter, stilistisch weiter gefächert als früher. Krämer und Wilking, die abwechselnd Gitarre und Keyboard spielen, sowie ihre Bandgenossen Felix Weigt (Bass) und Max Schröder (Schlagzeug) machen aber nicht den Fehler, dies im Live-Kontext kleinlich zu rekonstruieren. Das klingt angemessen dreckig und druckvoll, ohne dass die Stimmen unpassend forcieren müssten. Hie und da ist dann auch Raum für absurd minimalistische, bewusst antivirtuose Instrumentalsoli, so etwa in „Timmy“ vom letzten Album und „Wer bringt mich jetzt zu den Anderen“.

Improvisierte Höhepunkte

Oder für aberwitzige, das Original spontan weiterspinnende Textimprovisationen: Für Momente wie jenen, als Francesco Wilking zu „Isi“, der ersten von drei Zugaben, seiner Fantasie freien Lauf lässt, gehen Menschen ins Konzert. Auch „Louise“ und „Lisbeth“, die beiden anderen Frauenfiguren (auf jeder „Eisenbahn“-Platte ist eine verewigt) sorgen für Höhepunkte an diesem kaum einmal an Spannung verlierenden Abend. Die herrlichen, frei mäandernden Ansagen und der coole Umgang mit Brummen verursachenden Smartphones („Jeder hat ein Recht auf Empfang!“) oder Gitarrenstimmungsproblemen lockern das Ganze auf. Das Mitsingen kocht zum Ende des regulären Sets mit „Was machst du dann“ zu einem natürlichen Siedepunkt hoch.

Großzügige Setliste

Was für eine beeindruckende Zahl an tollen Songs „Die Höchste Eisenbahn“ seit ihrer Gründung vor acht Jahren angesammelt haben, wird schon allein daran deutlich, dass bei der großzügigen Setliste in der Mälze mit nicht weniger als 19 Nummern immer noch intelligent-melancholische Perlen wie „Gierig“ oder „Jemand ruft an“ fehlen. An den Schluss ihres brillanten Auftritts stellen die „Eisenbahner“ dann aber mit Bedacht „Umsonst“, jenen Song, mit dem sie die Netzmentalität der freien Verfügbarkeit aufs Korn nehmen, die auch das Musikgeschäft in ihren Grundfesten verändert hat: „Und irgendwo in der Maschine / Hat jemand laut gelacht / Die hätten das alles auch für weniger / Die hätten das alles auch umsonst gemacht“.

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