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„Ist dies das Rosenfest, daß du mir versprachst?“

Premiere II: Kleists Trauerspiel „Penthesilea“ mit einer überragenden Silke Heise in der Titelrolle

Penthesilea (Silke Heise; vorn) und Prothoe (Silvia Rhode) Foto: Stadttheater

Von Thomas Dietz, MZ

REGENSBURG. Als Heinrich von Kleist im Januar 1808 sein Trauerspiel Penthesilea an Goethe schickte: „Es ist auf den Knien meines Herzens, daß ich vor Ihnen erscheine“, reagierte der Alte aus Weimar schroff: „Unaufführbar“, tönte der dichtende Minister. Denn der Alte aus Weimar hatte ein feines Gespür für begabte Konkurrenten, die Macht, sie wegzubeißen und auch die Skrupellosigkeit, es ausgiebig zu tun! Das Verdikt der „Unaufführbarkeit“ war schlimm. Cotta zog die Verlagswerbung zurück und es dauerte bis 1876, ehe die Penthesilea uraufgeführt wurde. Goethe bemerkte sofort, welch grandioses, ungeheures Kunstwerk ihm Kleist da wieder einmal vorgelegt hatte.

Die Sprache der Penthesilea ist von betörender Schönheit, und, auch wenn’s pathetisch klingt: Zum Niederknien. Der kluge László Földényi hat nur über das Wörtchen „Ach“ einen Essay geschrieben, denn „Ach“ wird von Kleist virtuos eingesetzt und kommt in der Penthesilea 16 mal vor, wenn es nicht gestrichen wird.

Von Hunden zerfleischt

Das Thema ist einigermaßen exzentrisch und in mythischer Ferne angesiedelt: Die heißblütige Amazonenkönigin Penthesilea verliebt sich in den Griechenkönig Achilles, um den es auch sogleich geschehen ist. Während ihm gewisse Spielräume zur Verfügung stehen, kollidiert ihre lodernde Glut an den ehernen Gesetzen ihres Frauenstaates. Nur einmal im Jahr dürfen dort gefangene Jünglinge feindlicher Heere beim Rosenfest für gezielt edlen Nachwuchs sorgen. Danach werden sie fortgejagt. Jungen werden später zur Adoption freigegeben, Mädchen aufgezogen und in allen Kampfeskünsten ausgebildet.

Solch ein futuristischer Geschlechterstaat hat stets die Phantasie der Dichter entzündet; Arno Schmidt erwog sogar lakonisch die Vorteile: „…: überhaupt keine Männer!!! Ammazoo’nStaatn!; Hippolytich=Penthesileeich: damit bloß=endlich dies Strindberg=Getue ein Ende habe!“

Ach, Penthesilea darf sich aber nur dem Manne hingeben, den sie zuvor im Kampfe besiegt hat. Daraus entwickelt sich das reizvolle Drama der beiden, das zwischen Wollust und Tod, Liebe und Hass, Verzückung und Verwirrung, Coolness und Wahn, Gefühl und Gesetz tobt. Nun will sich Achill von Penthesilea gern besiegen lassen und tritt ihr, bewusst nur symbolisch bewaffnet, entgegen. Tief gekränkt und in blinder Wut schießt sie ihm einen Pfeil in den Hals, lässt ihn von Hunden zerfleischen. Als ihr dämmert, was geschehen ist, tötet sie sich.

Dieses ungeheure Stück ist von Petra Wüllenweber klug, souverän und mit sich dämonisch zuspitzender Spannung inszeniert worden, wobei man sich zur Premiere ein volles Haus gewünscht hätte. Die karge Bühne von Susanne Ellinghaus zeigt eine Art geschütztes Areal aus Betonelementen, in dem das Innere und das Draußen gut bespielbar zum Ausdruck kommen. Die exzellent choreografierten Kampfszenen (Sebastian Eilers: whow!), ein formidabler Balztanz im Regen und die seelischen Nöte werden mit geradezu unheimlich passender Musik unterstrichen.

Die so schwere und anstrengende Rolle der Penthesilea bewältigt Silke Heise in furioser Weise. Ihrem athletischen Elan nimmt man diese Kampfkönigin sofort ab, sie spricht den Kleistschen Text vorzüglich und schlägt ständig neue Funken daraus, sie hat alles überzeugend drauf, ihre fliegenden Emotionen, ihre ratlos-träumenden Augen, ihre schäumende Wut, ach, ihre süße Verlegenheit, wenn sie vom Rosenfest erzählt, ihre Lust, wenn sie mit Achill im Wasserbassin platscht (nicht ganz neu, aber immer gut). Am Samstagabend kriegte die erste Zuschauerreihe auch was ab und beim Applaus dafür was von den Blumen (eine nette Geste).

Ein großer Theaterabend

Auf gleichem Niveau bewegt sich die hinreißende Silvia Rhode als Fürstin Prothoe. Sie spielt die Rolle der mahnenden Freundin klug, zurückhaltend-berechnend, energisch und vernünftig – wunderbar! Dass wir starke Frauen zu Gesicht bekommen, war zu hoffen. Auch Nikola Norgauer in der Rolle als Meroe, die entsetzt und anrührend von den Geschehnissen auf dem Schlachtfeld berichtet, macht einen exzellenten Eindruck.

Bei den Männern sieht’s, ach, nicht ganz so glanzvoll aus: Michael Haakes Achill, der in etwas verunglückter Ironie coole Züge eines Stenz’ tragen soll, spielt ganz überzeugend, kommt aber gegen die überragend königliche Silke Heise nicht an. Zu oft presst und drückt er den Text heraus und verspielt die Kleistsche Sprachmelodie, die Florian Münzer (als Hauptmann) übrigens am besten bewältigt.

Bewegt wankt man aus dem Velodrom hinaus in die Nacht; das war doch ein großer Theaterabend mit bedrängenden, starken Bildern. Auf den Straßen ist viel junges Volk unterwegs, lachend, schwatzend, zum Tanze strömend, bald sich ineinander verliebend. Und die ehernen Gesetze, die dem Gefühl entgegenstehen, die gelten doch eigentlich immer noch? Oder? Oder nicht? Ach, seit wann denn nicht mehr? Genau. Dafür ist das Theater da.

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