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Literatur

Jack Kerouac erzählte vom Unterwegssein

Vor 50 Jahren starb Jack Kerouac. Sein Werk „On The Road“ veränderte vieles. Die Beatniks lösten eine Kulturrevolution aus.
Von Helmut Hein

Jack Kerouac arbeitete auch mit Robert Frank, Alfred Leslie und David Amram zusammen, beispielsweise bei dem Kurzfilm „Pull My Daisy“. Foto: picture alliance / dpa
Jack Kerouac arbeitete auch mit Robert Frank, Alfred Leslie und David Amram zusammen, beispielsweise bei dem Kurzfilm „Pull My Daisy“. Foto: picture alliance / dpa

Regensburg.Amerika, du hast es besser! Was der alte Goethe mit seinem euphorischen Ausruf meinte, war damals klar. Auf dem neuen Kontinent ging alles schneller, leichter. Die Amerikaner hatten (fast) überall die Nase vorn, weil sie nicht von überkommenen Strukturen, von Vorschriften und Privilegien behindert wurden.

Amerika, du hast es besser? Das sahen die amerikanischen Schriftsteller und Intellektuellen schon bald anders. Henry David Thoreau zog sich in die Wälder zurück, träumte von einem alternativen Dasein. Die Hippies entdeckten ihn ein Jahrhundert später wieder und machten ihn zum Guru für alle Aussteiger.

Auch Walt Whitman besang in seinen „Grashalmen“ in ausladenden Poemen ein reines, naturnahes Leben jenseits von industriellem Arbeitszwang. Und als Henry Miller, bevor er sich für längere Zeit in die Einsamkeit von Big Sur zurückzog, das ganze Amerika bereiste, da entdeckte er nur einen „klimatisierten Alptraum“.

Von Goethe, Thoreau, Whitman und Henry Miller ist hier die Rede, weil sie, auf je eigene Weise, zu Vorbildern für Jack Kerouac wurden, als der sich Ende der 1940er Jahre mit Mitte 20 zu seiner „Grand Tour“ aufmachte. Auch einer Bildungsreise, aber einer, die mit den vertrauten des alten Europa kaum mehr etwas zu tun hatte. Sein durchaus verzweifelter Plan, als er zwei Jahre lang fast nonstop „unterwegs“ war: das „wahre“ Amerika und damit auch sein wahres Selbst zu entdecken. Seine Methode: ein hemmungsloses Sich-Treiben-Lassen, die Bereitschaft, um fast jeden Preis neue Erfahrungen zu machen, die Intensität, den Hitzegrad des Daseins zu erhöhen.

„On The Road“ – der Buchtitel wurde zum Programm einer ganzen Generation. Kerouacs Alter Ego Sal Paradise las Dostojewski, Nietzsche, aber, nur halb paradoxerweise, auch Goethe. Denn natürlich war dieser Student mit der Ambition, später Schriftsteller zu werden ein verkappter (Bildungs-)Bürger. Und natürlich war Goethe, der sich alle Mühe gab, seinem Standbild immer ähnlicher zu werden, auch in fortgeschrittenen Jahren ein Herzensromantiker, ein wilder Typ, der nur gelernt hatte, dass man sich in bestimmten Situationen besser zusammenreißt.

Amoralisch, aber skrupellos

Sal Paradise hatte aber einen Cicerone, einen erfahrenen Führer auf abschüssigem Terrain. Das war Dean Moriarty alias Neal Cassidy, noch so ein Beat-Poet und ein Double von James Dean: letztlich eine gescheiterte Existenz, eben aus einer Erziehungsanstalt entlassen, in allen Dingen des Lebens und selbst noch der Liebe und der Freundschaft amoralisch und skrupellos. Aber voller Charisma, ein Versprechen auf zwei Beinen, von dem man sich das „Break Through To The Other Side“ erhoffte, das später die „Doors“ besangen.

Jack Kerouac schreibt – zum Entsetzen der Lektoren und zur Freude der Leser – ein wenig so, wie sein Vorbild Henry Miller: rhapsodisch, hymnisch, zerrissen, beinahe ohne Zusammenhang. Fast klang das wie die langen lyrischen Poeme, die einst Whitman erfand und jetzt, end- und atemlos, der Beatnik-Kollege Allen Ginsberg praktizierte. Aber Kerouac schrieb keine Gedichte; wenn man davon absieht, dass er mit seiner Prosa das ganze prosaische Leben poetisieren wollte. Er erzählte, aber so, wie vor ihm noch keiner erzählt hatte, vom Unterwegssein. In jedem Sinn des Wortes. Woraus besteht „On The Road“? Aus endlosen Autofahrten durch das große, weite Land, aus fast genauso endlosen Gesprächen über Gott und die Welt, oft angetrieben von Alkohol und Drogen, von ein wenig gemeinsamem Sex (das, was dann die Bürger „Orgie“ nannten) und vom Bebop-Jazz der Charlie Parker und Co., der den Rhythmus vorgibt.

Ist „On The Road“ die Propagandaschrift für ein anderes Leben, als die sein Buch seit seinem Erscheinen oft gelesen wurde? Das doch nicht. Dafür war es zu düster, zu illusionslos. Dean Moriarty, das verehrte Idol, erweist sich als Schuft, nicht amoralisch im Sinn Nietzsches, sondern schlicht unmoralisch. Einer, auf den man nicht bauen kann, der alle hängen lässt, wenn es darauf ankommt. Natürlich die Frauen, aber auch Sal, den angeblich besten Freund, als der sterbenskrank im Bett liegt und seine Hilfe bräuchte. „On The Road“ war ein Generationenbuch. Robert Forster hat in einem längeren Gespräch betont, wie sehr es ihn geprägt hat. Das war in der Zeit, als er für ein Kerouac-Hörstück des Bayerischen Rundfunks die Begleitmusik lieferte.

Von Whitman bis Hopper

  • Einfluss:

    Jede Geschichte hat eine Vor- und eine Nach-Geschichte. Zur Vorgeschichte von Jack Kerouac, der zum einflussreichsten Beatnik wurde, zählen Whitman, Thoreau, auch Nietzsche und Henry Miller.

  • Entwicklung:

    Die Beat Poets der 1950er Jahre wiederum haben die Hippies geprägt. Dennis Hoppers „Easy Rider“, auch längst Kult, ist der legitime Nachfahr Kerouacs. Noch eine Fahrt durchs weite Land, auf der Suche nach dem wahren Amerika.

  • Parallele

    : Hoppers „Easy Rider“ ist nur noch düsterer und am Ende tödlich. Die Verzweiflung über das Misslingen findet sich für den, der lesen kann, aber auch schon bei Jack Kerouac, der am 21. Oktober 1969, mit gerade einmal 47 Jahren, starb.

Kritik teils ungerechtfertigt

Die akademische Kritik dagegen hat Kerouac nie so recht akzeptiert – ein Schicksal, das er mit Miller teilte. Hatte die offizielle Literaturwissenschaft, die der Universitäten, recht? Einerseits ja, denn Kerouac ist zweifellos nicht Kafka, über die rein literarische Qualität seiner Parlando-Exzesse muss man nicht groß streiten. Andererseits wird übersehen, dass Kerouac wie Miller Leben veränderte; dass er zwar kein literarisches, aber ein kulturrevolutionäres, lebensveränderndes Ereignis war. So manche Studenten meiner Generation rasten nachts zwar nicht durch ein grenzenloses Amerika, aber durch die Texte von Kerouac – und waren tags drauf nicht wiederzuerkennen.

Worum ging es in „On The Road“, aber auch in „Dharma Bums“, dem zweiten Hauptwerk, wenn diese Bezeichnung nicht deplatziert ist? Um das, was in der Beatnik-Szene der 1950er Jahre „kick“ hieß, was man vielleicht mit momenthafter Ekstase oder jähes Hingerissensein übersetzt. Um das, was in der Zeit, wenn auch disziplinierter, Aldous Huxley (ver)suchte: die „Doors Of Perception“ zu öffnen, also um Gefühls- und Bewusstseinserweiterung, um eine Steigerung des Daseins – koste es, was es wolle, muss man fairerweise hinzufügen.

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