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Musik

Jack Whites Konter: Nach wie vor lässig und laut

Ein atemlos kreativer Blues-Erneuerer, ein junger Gitarrengott: Über Jack White wurde in den vergangenen 15 Jahren viel Gutes gesagt. Mit seinem dritten Soloalbum bewahrt sich der US-Amerikaner den Nimbus des mutigen, experimentierfreudigen Indierock-Helden.
Von Werner Herpell, dpa

Jack White ist den schweren Weg gegangen. Foto: Adam Warzawa/PAP
Jack White ist den schweren Weg gegangen. Foto: Adam Warzawa/PAP

Berlin.Es muss ganz schön schweres Gepäck sein, das Jack White nach all den Lobeshymnen und Erfolgen der vergangenen 15 Jahre mit sich herumschleppt.

Die Spannung war deshalb groß, wie der anerkannte Erneuerer des Blues- und Garagenrocks auf seinem dritten Solo-Studioalbum „Boarding House Reach“ mit den hohen Erwartungen von Fans und Kritikern umgehen würde. Gleich vorweg: Er tut es lässig, sehr lässig - mit einer Platte, die rau und ungehobelt klingt, aber auch abwechslungsreich und mutig.

Um Wiederholungen zu vermeiden, hat sich der aus Detroit stammende, jetzt in Nashville lebende US-Amerikaner erneut mit frischen, teils unbekannten, gern auch weiblichen Musikern umgeben. Das Ergebnis: ein echtes Jack-White-Album - mit ausgestrecktem Mittelfinger in Richtung derjenigen, die ihn schon auf dem Weg in den Rock-Mainstream gesehen und abgeschrieben hatten.

„Ich habe neue Wege gefunden, um es mir möglichst unbequem zu machen - um so zu arbeiten, wie ich noch nie gearbeitet habe“, sagte White hörbar erleichtert dem britischen Musikmagazin „Mojo“. Und er sei „so glücklich, dass ich mich immer noch so inspirieren kann“. Zweifel an der eigenen Kreativität klingen anders.

Zur Erinnerung: Die aufgeräumteren, zwischen Rock, Modern-Blues und Country pendelnden Vorgängerplatten „Blunderbuss“ (2012) und „Lazaretto“ (2014) erreichten die Spitze der US-Charts. Auch im Rest der Pop-Welt kam White damit in die Top Ten.

Davor war er seit 1997 mit dem Duo The White Stripes - von dem die grandiose Stadionhymne „Seven Nation Army“ stammt - und der Zweitband The Raconteurs zum Gitarrengott in der Liga von Jimmy Page (Led Zeppelin) und The Edge (U2) aufgestiegen. Mit diesen beiden drehte er konsequenterweise die Dokumentation „It Might Get Loud“. Im Hollywood-Film „Unterwegs nach Cold Mountain“ spielte White neben Renée Zellweger, Nicole Kidman und Jude Law.

Nebenher fand der Workaholic noch Zeit, sich mit seiner Vinylfirma Third Man Records an die Spitze eines Retro-Trends zu stellen. Und ja, eine Ehe mit dem Model Karen Elson, mit der er zwei Kinder hat, ging zwischendurch auch noch in die Brüche.

Schon dieser Schnelldurchlauf von Whites atemloser Karriere macht deutlich, dass der inzwischen 42 Jahre alte Sänger, Songwriter und Gitarrist mit dem dritten Soloalbum durchaus eine Verschnaufpause hätte beanspruchen können. Eine feine kleine Platte mit Folksongs zum Beispiel - warum eigentlich nicht?

Doch erst ganz am Ende von „Boarding House Reach“ kommt White zur Ruhe, mit dem Countrypop-Duett „What's Done Is Done“ und der zerbrechlichen Jazzballade „Humoresque“. Davor liegt ein wilder Ritt durch ein knappes Dutzend Tracks, die den Maestro zwischen dem experimentierfreudigen Prince der 80er Jahre, Beck in seiner Elektro-Soul-Phase und dem schrillen Funk-Pionier George Clinton positionieren.

Noch vergleichsweise zugänglich ist der Opener „Connected By Love“ mit kraftvollem Gospel-Einschlag. Das Lied knüpft in seinen klaren Bezügen zur US-Musikhistorie der vergangenen 60 Jahre am ehesten an Whites vorherige Solowerke an. Doch schon mit dem anschließenden „Why Walk A Dog?“ wird es sperriger: zweieinhalb Minuten Slow-Blues mit Orgel und Gitarre - und toll gesungen. 

„Corporation“ ist ein fast sechsminütiges Groove-Monster mit pumpendem Bass, einem schrägen Clavinet-Solo wie in den 70ern, Congas, Chor, Handclaps, Geschrei, Krach. Auf diesem irrwitzigen Niveau geht es nicht immer weiter, einige kürzere Stücke mit Spoken-Word-Elementen unterbrechen den Fluss des Albums.

Aber „Over And Over And Over“, „Respect Commander“ und „Hypermisophoniac“ sind mindestens spannende Versuchsanordnungen. Unterhaltsam und potenziell überraschend bleibt es bis zum Schluss einer Platte, mit der Jack White sich seinen Nimbus als einer der interessantesten Rock-Superstars dieser Zeit bewahrt.

Zumal er sich in der aktuellen Geschlechterdebatte zeitgemäß offensiv als Förderer weiblicher Musiker äußert. So sagte er dem „Rolling Stone“, er stehe der mangelnden Gleichberechtigung im Musikbusiness „fassungslos“ gegenüber. „Es ist absurd, dass es für viele Leute eine Besonderheit zu sein scheint, wenn Frauen Instrumente beherrschen. (...) Als wären es Affen oder so.“

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