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Konzert

Jazziges Jubiläum von zart bis hart

Das Eva-Klesse-Quartett taucht das Hotel Orphée in ein musikalisches Meer voll roher Wildheit und sanfter Melancholie.
Von Sebastian Wintermeier

Bandleaderin Eva Klesse steuerte ihr Quartett mit Herzlichkeit und kommunikativem Gespür durch den Abend. Foto: Sebastian Wintermeier
Bandleaderin Eva Klesse steuerte ihr Quartett mit Herzlichkeit und kommunikativem Gespür durch den Abend. Foto: Sebastian Wintermeier

Regensburg.„Können wir dann?“, wendet sich Eva Klesse um kurz nach 20 Uhr auf der Bühne im zweiten Stock des Hotel Orphée leise an ihren Saxophonisten Evgeny Ring, den Pianisten Philip Frischkorn und den kurzfristig eingesprungenen Kontrabassisten Fabian Timm. Nachdem die gebürtige Westfälin dann mit geschlossenen Augen eingezählt hat, wird Takt für Takt deutlicher, was den Abend ausmachen wird: Das Quartett arbeitet mit einer schier endlos ausdehnbaren dynamischen Spannbreite – von sehr leise und reduziert bis richtig laut und heftig. Keines der Instrumente drängt sich dabei solistisch in den Vordergrund. Eher individuell zurückhaltend und im geschmeidigen Wechselspiel bauen die vier Könner etwa in der Frischkorn-Komposition „Descend and resurface“, (Album „Obenland“) Spannungen auf, die sich dann in gewaltigen Schüben wieder entladen, nur um sich kurz danach in luftiger Ruhe und Offenheit auf den nächsten Exzess vorzubereiten. Die Titel verleihen der Musik zusätzliche Tiefe und Symbolkraft. Mit „Gravity“, einer akustischen Parabel auf die schweren Tage im Leben, verarbeitet Klesse eigene Erfahrungen. Pianist Frischkorn spielt hier, untermalt von rauschenden Klanghölzern, eine mystisch-düstere Einleitung. Mit jammernd-disharmonischem Spiel meldet sich Ring am Saxophon dazu. Als das Stück schließlich rhythmisch Fahrt aufnimmt, steigert sich Klesse so sehr in ihr Spiel hinein, dass sie förmlich auf das Schlagzeug einprügelt. Je nach Intensität wechselt sie zwischen Trommelstöcken, Besen oder langen Essstäbchen. Diese brachte die weit gereiste Musikerin aus Malaysia mit, wo die Band erst im Dezember gespielt hatte.

Das Klavier muss leiden

Gefunden hatten sich die vier Musiker 2013 während des Studiums in Leipzig. Klesse, die dort eigentlich Medizin studieren wollte, entschied sich dann doch für das Fach Jazz-Schlagzeug, das sie mit Mehrfachdiplom abschloss. Nach einem Master-Studium in den USA ist sie derzeit für ein Meisterklasse-Studium an der Hochschule für Theater und Musik in Leipzig eingeschrieben. Bei all den akademischen Meriten hat man es bei Eva Klesse aber keinesfalls mit einem seelenlos gedrillten Wunderkind zu tun. Denn mit viel Herzlichkeit und kommunikativem Gespür steuert sie ihr Quartett durch den Abend und unterhält gekonnt mit spontanen und offenen Ansagen, als sich zum Beispiel Teile von den Instrumenten ablösen: „Philip hat das Klavier auseinandergenommen, das ist schon mal ein gutes Zeichen!“, erklärt sie dem erstaunten Publikum nach der Zugabe des eher heiteren Stücks „The seven seas“. Bemerkenswert sind auch Evgeny Ring am Saxophon und Bassist Fabian Timm, der nach nur einer gemeinsamen Probe zum ersten Mal in dieser Besetzung aushalf.

Während Ring dem Gesamtklang mit seinen virtuosen Linien einen urbanen Touch gab, unterstützte der Bassist perfekt das dynamische Konzept des Quartetts: In ruhigen Passagen ließ er sanfte Glissandi mit glockenhaften Flageolletttönen enden, in dichten Abschnitten sorgte er dagegen mit fetten Quinten für einen rockigen Sound.

Angenehmes Hörerlebnis

Trotz der großen Experimentierfreude kann das Quartett eine sehr breite Hörerschicht zwischen Jazz-Enthusiasten und eher zufälligen Gästen erreichen. Denn der harmonische Teppich aus Klavier und Bass geht meist gut ins Ohr und bleibt auch bei den wildesten Kapriolen von Schlagzeug und Saxophon ein angenehm nachvollziehbares Hörerlebnis. In Regensburg feierte das Eva-Klesse-Quartett zugleich sein fünfjähriges Jubiläum. Über die Jahre haben sich die Kritiker mit Lob überboten. Von einer „reifen Leistung auf Weltniveau“ (WAZ) oder einem „Shootingstar der europäischen Jazzszene“ (NDR) ist da die Rede. Die mehrfach ausgezeichnete Preisträgerin, zuletzt 2017 gekürt mit dem Westfalen-Jazz-Preis, bleibt dabei unabhängig: „Die können alle schreiben, was sie wollen. Ich versuche, weder gute noch schlechte Kritik, die es auch schon gab, zu sehr an mich heranzulassen.“

In diesem Sinne kann man Musikliebhabern nur empfehlen, sich bei einem Live-Konzert von der Brillanz des Eva-Klesse-Quartetts zu überzeugen.

Aktuelle Tourdaten sowie weitere Infos zum Eva-Klesse-Quartett gibt es unter www.agentur-wolkenstein.de sowie www.evaklesse.de.

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