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Jazzweekend: Die Posaune wiehert lässig

Die Existenzhengste erteilen Klang-Gags eine Absage. Und das Trio Elf verblüfft mit ungeahnter Energieausbrüchen.
Von Juan Martin Koch, MZ

In Regensburg hat der Jazz an diesem Wochenende sein Zuhause. Foto: Juan Martin Koch
In Regensburg hat der Jazz an diesem Wochenende sein Zuhause. Foto: Juan Martin Koch

Regensburg.„Ladies and gentlemen…“– auf alten Liveaufnahmen aus Jazzclubs oder von Festivals sind sie manchmal mit festgehalten: die Begrüßungen, mit denen die Auftritte der Musiker präsentiert werden. Ssirus W. Pakzad hat diese Kunst der Bandankündigung perfektioniert. Der Moderator, der für den mitschneidenden Bayerischen Rundfunk im Thon-Dittmer-Hof durch’s Programm führt, packt in seine wohlgewählten Sätze meist eine kurze, neugierig machende Charakteristik und ist auch um ein Wortspiel nie verlegen. Ein kleines Kabinettstückchen lieferte er nun vor dem Auftritt einer Wiener Formation ab, als er seine Präsentation mit einem leichten Wiehern abschloss.

Wiehern für die Existenzhengste

Wiehern? Ganz recht, schließlich galt es, „Existenzhengste“ in die Manege zu führen. Beim Quartett dieses Namens setzt sich die verschroben-humoristische Note auf den ersten Blick in der Instrumentenwahl fort. Denn anstelle eines Kontrabasses liegen da auf der Bühne eine Tuba und ein Sousaphon bereit. Wenn Johannes Bär sich in die Windungen des Letzteren hineinbegibt, unter dem enormen Schalltrichter das ausladende Instrument zum Mund führt und damit das Set solistisch eröffnet, löst der knurrende Subbasssound zunächst ein reflexhaftes Schmunzeln aus. Das weicht aber schnell der Erkenntnis, dass es hier nicht um einen vordergründigen Klang-Gag geht, sondern dass die Besetzung der Bassrolle mit einem Tiefbläser den strukturellen Kern dieser außergewöhnlichen, hochoriginellen Truppe ausmacht.

Einen Überblick über die Bühnen bekommen Sie in unserer Karte:

Die Linien, mit denen Bär seine Kollegen Alexander Kranabetter an der Trompete und Andreas Broger an Saxophonen und Klarinette grundiert, entwickeln durch die geblasene Phrasierung eine ganz andere Präsenz im Satz, als dies bei einem E-Bass der Fall wäre. Die Einzeltöne verlieren etwas an rhythmischer Eindeutigkeit und doch pulsiert das Ganze ganz famos – eine Art atmendes Unklarsein macht sich breit. Daraus ergibt sich dann in Kombination mit den zweistimmigen Themen der höheren Bläser eine ganz eigene Form von alpenrepublikanischem Aberwitz, der jederzeit abzuheben in der Lage ist und doch immer geerdet bleibt.

Ein Wiehern, das Jubel verursacht

Wenn Bär zur Tuba wechselt, wird das Ganze etwas knackiger, der Groove bekommt eine gewisse jazzrockige Handfestigkeit, an der auch Schlagzeuger Alexander Yannilos seinen Anteil hat. Kranabetter und Broger sind einerseits famose Solisten, andererseits aber so aufmerksame und reaktionsschnelle Teamplayer, dass die frei interagierenden Momente eigentlich die reizvollsten sind. Hin und wieder ist auch ein übermütiges Wiehern zu vernehmen, das Publikum jubelt zurück.

Die besten Bilder der ersten drei Festivaltage sehen Sie hier:

Das Jazzweekend in Regensburg

Zuvor waren am frühen Nachmittag Glanz und Elend des Jazzweekends wieder einmal nah beieinander gewesen. Da schickte sich das Trio Elf, eine der profiliertesten, eigenständigsten und zu Recht publikumswirksamsten Jazzbands des Landes an, das Publikum mit einem kostenlosen Konzert zu beschenken, und musste dazu ausgerechnet am Kohlenmarkt antreten. Wie meist an dieser Spielstätte war die Musik eigentlich nur dort sinnvoll vernehmbar, wo pausenloser Fußgänger-Durchgangsverkehr die interessierte Zuhörerschaft durchpflügte. Wegen technischer Probleme gab es zu allem Überfluss eine erhebliche Zeitverzögerung, so dass Gerwin Eisenhauer mit spürbarer Wut im Bauch loslegte. Auch Walter Lang am Piano schien Dampf ablassen zu müssen und so ergab es sich, dass das Ganze dann doch wieder etwas Gutes hatte. Denn so druckvoll, im konstruktiven Sinne aggressiv hat man Trio Elf vielleicht noch nie gehört.

„So was habe ich noch nie gehört. Noch nie!“

Ein Zuhörer

Gerwin Eisenhauers Drum-‘n‘-Bass-Beats griffen besser denn je, ohne dass das die filigrane Detailarbeit am Rhythmus vernachlässigt wurde.

Auch die älteren Nummern aus der Zeit mit Sven Faller am Bass profitierten davon: das hypnotische „746“ mit einem ekstatischen Walter Lang, die Latin-Hymne„Ocean11“, „Hammer Baby Hammer“ und natürlich das unwiderstehliche Blink 182-Cover „Down“. Der Trio-Elf-Bassist heißt mittlerweile Peter Cudek und ließ sich von all dem nicht aus der Ruhe bringen. Mit stoischer Gelassenheit, aber nie nachlassender Energie trieb er den euphorisch begleiteten Auftritt an. Der endete mit der zu seiner äußeren Haltung passenden Zugabe: Kraftwerks „Mensch-Maschine“. Viele jungen Leute, bei denen Freiluft-Jazz sonst wohl eher nicht den Lebensmittelpunkt bildet, waren stehen geblieben. „So was habe ich noch nie gehört. Noch nie!“, entfuhr es da einem bewundernd. Wie gesagt: Glanz und Elend.

Beeindruckender Körpereinsatz

Bevor dann abends im Leeren Beutel die Keller Mountain Blues Band zum Tanze aufspielte, lieferte das Münchner Expanding Universe Orchestra noch das komplette Gegenprogramm. Orchestra heißt in diesem Fall soviel wie Quintett, mittels freier Improvisation darf das Ganze aber ins Orchestrale expandieren. Der körperliche Einsatz von Saxophonist David Jäger, Posaunist Christofer Varner, Bassist Gero Kempf, Schlagzeuger Mäx Huber und Markus Heinze an Baritonsax und Klavier war beeindruckend, das Energielevel auch. Wie eine vom rechten Weg abgekommene New Orleans Funeral Band klang das mitunter, wenn die drei Bläser sich vereinten, um zwischenzeitlich unvermutet auf einem tröstlichen Akkord innezuhalten. Im nächsten Moment zerstob das aber wieder nach allen Seiten und der gestopften Posaune entfuhr ein leichtes Wiehern.

All unsere Geschichten um das 36. Bayerische Jazzweekend lesen Sie hier.

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