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Kultur
Sonntag, 19. August 2018 32° 3

Zeitgeschichte

Jüdische Lebenswelten in Regensburg

Ein neues Buch gibt einen faszinierenden wie bedrückenden Überblick über ein oft verdrängtes Stück Stadtgeschichte.
Von Harald Raab

Von 1912 bis 1938 stand die erste Regensburger Synagoge der Neuzeit in der Schäffnerstraße – dann wurde sie von den Nationalsozialisten zerstört. Foto: MZ-Archiv
Von 1912 bis 1938 stand die erste Regensburger Synagoge der Neuzeit in der Schäffnerstraße – dann wurde sie von den Nationalsozialisten zerstört. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Über 1000 Jahre jüdisches Leben in Regensburg – ein nicht zu vernachlässigender, exemplarischer Teil der Stadtgeschichte. Trotz allem auch ein Spiegel des auskömmlichen Mit- und Nebeneinanders. Im Auf und Ab des Schicksals der Reichs-, Bürger- und bayerischen Provinzstadt sticht freilich ins Auge, dass die meiste Zeit für Juden kein gutes Leben in der nördlichsten Donaumetropole möglich war: Ghettoisierung, Verleumdung, Schikanen, Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung, Holocaust.

Dennoch ist die Jüdische Gemeinde heute größer, integrierter, geachteter denn je. Sie ist ein unverzichtbarer Faktor lebendiger Kultur der Stadtgesellschaft. Dafür steht am Neupfarrplatz das von dem israelischen Künstler Dani Karavan geschaffene Kunstwerk: der in hellem Kunststein gegossene Grundriss der mittelalterlichen Synagoge. Sie wurde 1519 zerstört und ist nun als Bodenrelief ein Symbol für eine nicht mehr zu tilgende Dazugehörigkeit des Jüdischen Einst und Jetzt. Der begehbare Erinnerungsort weist zudem weltweit Regensburg als eine Stadt aus, in der jüdisches Wirken ein wichtiges Kapitel einer alten und gleichzeitig prosperierenden modernen City darstellt. Jüdisches Selbstbewusstsein, aber auch Offenheit für soziale Begegnungen und geistigen Austausch manifestiert das seiner Vollendung entgegengehende Gemeindezentrum mit Synagoge von dem Weltarchitekten-Büro Volker Staab.

Der Mann hinter der Synagoge: Architekt Volker Staab erzählt im MZ-Interview, was ihn antreibt.

Über so ziemlich alle Aspekte jüdischer Existenz als Faktum der Regensburger Historie wurde bereits hinlänglich geforscht und publiziert. Was bisher fehlte, war eine große, wissenschaftlich fundierte Zusammenschau. Die liegt nun mit einer umfangreichen Buchpublikation aus dem Verlag Friedrich Pustet vor, Titel: „Jüdische Lebenswelten – eine gebrochene Geschichte“.

Himmelstein hat in einer klugen Auswahl ein breitgefächertes Autorenteam für die Mitarbeit gewonnen, renommierte Professorinnen und Professoren wie den Judaisten Michael Brocke, den Kunsthistoriker Hans Christoph Dittscheid oder die Fachfrau für Slavisch-Jüdische Studien, Sabine Koller, sowie den Vor- und Frühgeschichtler Bernd Päffgen. Auch Nachwuchswissenschaftler wie Peter Müller-Reinholz, Veronika Nickel, Sophie Schmitt und Kenner der historischen und der aktuellen Aspekte dieses vielschichtigen Themas wie der frühere Leiter des Evangelischen Bildungswerks, Dieter Weber, leisten einen Beitrag. Gleichermaßen Jakob Borut, Direktor der deutschen Registrierungsabteilung des Yad Vashem Archivs in Jerusalem.

Herausgeber Klaus Himmelstein, hier mit Ilse Danziger, die heute die Jüdische Gemeinde Regensburg leitet. Foto: MZ-ARchiv/ mjf
Herausgeber Klaus Himmelstein, hier mit Ilse Danziger, die heute die Jüdische Gemeinde Regensburg leitet. Foto: MZ-ARchiv/ mjf

Es sind auch Texte von Männern dabei, die sich um die jüngere Geschichte der zur Zeit von Ilse Danziger geleiteten Jüdischen Gemeinde Verdienste erworben haben, so der unvergessene Hans Rosengold und der Bibelwissenschaftler Andreas Angerstorfer. Er hat wie kein Zweiter auf die Verstrickung der Regensburger Bürgergesellschaft in den Antisemitismus des 20. Jahrhunderts hingewiesen. Er hat viel zum historischen Bewusstsein der Jüdischen Gemeinde beigetragen, hat emotional und intellektuell zum gegenseitigen Verständnis durch Kenntniszuwachs geworben.

Der Eröffnungsbeitrag des Buches ist nicht von ungefähr der Archäologie gewidmet. Silvia Codreanu-Windauer, Peter Müller-Reinholz und Bernd Päffgen lassen das jüdische Viertel im mittelalterlichen Regensburg vor unserem geistigen Auge wiedererstehen. Die Ausgrabungen am Neupfarrplatz in den 1990ern rückten das verschwundene Stadtquartier der Juden wieder ins öffentliche Bewusstsein. Bildliche Darstellungen vom Judenviertel fehlen, sieht man von der Zeichnung Albrecht Altdorfers von der Synagoge ab. Die Ausgrabungen führten zu neuen Erkenntnissen über Topographie und Infrastruktur des Quartiers sowie über seine Bauten.

Lesen Sie auch: Suche nach einer neuen Gedenkkultur: Jüdische Einrichtungen beklagen Desinteresse und Provokationen. In Regensburg fühlt sich die Gemeinde dagegen gut aufgehoben.

Wie tief verwurzelt der religiös, wirtschaftlich und später auch rassistisch grundierte Antisemitismus in einer deutschen Stadt sein kann, davon zeugen einige Aufsätze in dem Buch, vor allem bei Waltraud Bierwirth und Veronika Nickel. Unverkennbar dabei auch: Immer, wenn es der Stadtgesellschaft schlecht ging, wenn Katastrophen, wirtschaftlicher Niedergang und soziale sowie politische Wirren herrschten, mussten Juden als Sündenböcke herhalten. So konnte man von den wahren Ursachen ablenken. Die Verantwortlichen mussten sich für ihr Fehlverhalten nicht öffentlich rechtfertigen. In Phasen der Prosperität konnten die Juden jedoch aufatmen und einigermaßen in Frieden leben. Dieser uralte Mechanismus sollte uns Heutigen Mahnung sein. Der Schoß ist leider immer noch fruchtbar.

Über das Buch

  • Das Buch:

    „Jüdische Lebenswelten in Regensburg – eine gebrochene Geschichte“ ist im Regensburger Verlag Friedrich Pustet erschienen. Es hat 424 Seiten und zeigt 75 Abbildungen, Preis: 29,95 Euro.

  • Der Herausgeber:

    Herausgeber ist der Bildungshistoriker Klaus Himmelstein, prädestiniert für diese Aufgabe durch seinen Arbeitsschwerpunkt Nationalsozialismus und Antisemitismus in pädagogischen Theorien des 20. Jahrhunderts.

  • Der Hintergrund:

    Die Jüdische Gemeinde baut am alten Ort eine neue Synagoge und ein Gemeindezentrum. Sie dokumentiert ihre Zuversicht, in der Regensburger Gesellschaft ihren Glauben und ihre Identität ohne Bedrohung leben zu können. Dabei wollen sie die Autorinnen und Autoren und der Friedrich Pustet Verlag unterstützen.

  • Die Synagoge:

    Der Neubau am Brixener Hof wird als große gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe finanziert durch Gelder der Jüdischen Gemeinde, öffentlicher Zuschussgeber und durch Spenden. Die Planung stammt aus dem Büro Volker Staab Berlin.

Eine „Zeittafel“ gibt den Leserinnen und Lesern der „Jüdischen Lebenswelten“ eine Struktur zur Orientierung vor. Von der ältesten Urkunde über Juden in Regensburg, einem Kaufvertrag des Klosters St. Emmeram mit dem Juden Samuel über das Gut „shierstat“ aus dem Jahr 981, bis zum heutigen Neubau der Synagoge und des Gemeindezentrums ist es ein langer, oft mühsamer Weg, voll mit Heimsuchungen, aber auch mit Glanzzeiten für das Judentum in Regensburg.

Der Bau der ersten romanischen Synagoge in Stein ist datiert auf die Jahre 1050 bis 1100. Die Regensburger Talmudschule (Jeschiwa) war vom 12. Jahrhundert bis zur Vertreibung der Juden 1519 ein auf ganz Europa ausstrahlendes Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Die Fratze des religiösen Antisemitismus zeigte sich mit den Ritualmordprozessen von 1476 bis 1480 unverhüllt. Es folgte der Ratsbeschluss am 21. Februar 1519, mit dem die Juden aus der Stadt verwiesen wurden und die Synagoge dem Erdboden gleich gemacht werden konnte.

„Schandmarsch“ durch die Stadt

Der Immerwährende Reichstag machte es möglich. Nach 1663 kommen mit den Gesandten wieder Juden nach Regensburg. Ab vermutlich 1788 gibt es wieder eine öffentliche Synagoge in Regensburg, Hinter der Grieb 5. 1912 dann die Einweihung der neuen Synagoge mit Gemeindezentrum an der Schäffnerstraße. Die Nazi-Herrschaft von 1933 bis 1945 ist die dunkelste Zeit für Regensburgs Juden. In der Pogromnacht am 9. November 1938 wird die neue Synagoge in Brand gesteckt und danach abgebrochen. Jüdische Männer mussten am 10. November in einem „Schandmarsch“ durch Regensburg ziehen, bevor sie ins KZ Dachau gebracht wurden. Am 4. April 1942 begann mit 119 Frauen, Männern und Kindern die Deportation in die Vernichtungslager im sogenannten Generalgouvernement. Am 23. September 1942 wurden die Bewohner des jüdischen Altersheims nach Theresienstadt und Auschwitz gebracht.

Eine Visualisierung vom Innenraum der neuen Synagoge Regensburg: Die Jüdiche Gemeinde baut am Brixener Hof nach Plänen aus dem Büro Volker Staab Berlin Animatio: Staab Architekten
Eine Visualisierung vom Innenraum der neuen Synagoge Regensburg: Die Jüdiche Gemeinde baut am Brixener Hof nach Plänen aus dem Büro Volker Staab Berlin Animatio: Staab Architekten

Zwischen 1945 und 1949 lebten wieder 3000 jüdische Menschen als Displaced Persons in Regensburg. 1950 wird die Jüdische Gemeinde Regensburg wiedergegründet. Sie hatte 288 Mitglieder. Durch Zuzüge von Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ist die Zahl der Gemeindemitglieder auf heute über 1000 gewachsen.

Herausgeber Himmelstein bringt die Absicht des vorliegenden, reich bebilderten und so verdienstvollen Werkes so auf den Punkt: „Die Jüdische Gemeinde baut am alten Ort eine neue Synagoge und ein Gemeindezentrum. Sie dokumentiert damit Jahrzehnte nach der Shoa ihre Zuversicht und Hoffnung, in der Regensburger Gesellschaft ihren Glauben und ihre Identität ohne Angst und Bedrohung leben zu können. Dabei wollen sie die Autorinnen und Autoren und der Friedrich Pustet Verlag unterstützen.“

Lesen Sie auch: Ein Haus, das Widersprüche versöhnt – über die neue Synagoge

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