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Kammermusik zum Abheben

Das Parker Quartet zeigt sich als würdiger Vertreter der Königsgattung – und setzt im Neumarkter Reitstadel zum Höhenflug an.
Von Juan Martin Koch, MZ

Das Parker Quartet mit Weltklasse-Bratscherin Kim Kashkashian im Reitstadel in Neumarkt
Das Parker Quartet mit Weltklasse-Bratscherin Kim Kashkashian im Reitstadel in Neumarkt Foto: Koch

Neumarkt.Als Benjamin Britten 1945, zu den Gedenkfeiern zum 250. Todestag Henry Purcells, eine Auftragskomposition beisteuerte, ging sein Ehrgeiz über eine reine Hommage weit hinaus. Selbstbewusst wollte er den Anspruch unterstreichen, nach einer langen Durststrecke der Komponist zu sein, der ein stilistisch eigenständiges, über England hinausweisendes Werk würde hinterlassen können. Kein harmloser Rückblick auf den „Orpheus Britannicus“ also, sondern ein ambitionierter Beitrag zur Königsgattung der Kammermusik.

Diesem Anspruch wurde das Parker Quartet mit seiner Darstellung von Brittens zweitem Streichquartett im Neumarkter Reitstadel auf allen Ebenen gerecht. Mit blindem Verständnis im Zusammenspiel, makelloser Spieltechnik im Detail und einem bewundernswerten Gespür für musikalische Zusammenhänge ließen sie Brittens Ambition Klang werden. Die Gemeinsamkeiten der drei Themen im Kopfsatz arbeiteten die Musiker klar heraus, von den geflüsterten Schreien des kurzen, durchgehend mit Dämpfern gespielten Mittelsatzes ging eine gespenstische Beklemmung aus, bevor sich in der abschließenden, groß dimensionierten Chaconne die verschiedenen Ausdruckssphären zu einer packenden Essenz bündelten. Die finale C-Dur-Apotheose atmete genau die richtige Mischung aus Verbissenheit und Triumph.

Haydn-Quartett: ein Organismus aus Fleisch und Blut

Welche gute Balance diese herausragende amerikanische Formation zwischen Transparenz und Klangfülle gefunden hat, war schon im eröffnenden Haydn-Quartett Opus 71, 2 zu hören gewesen. Trotz guter Durchhörbarkeit war das kein skelettiertes Gebilde, sondern ein Organismus aus Fleisch und Blut. Rhythmisch präzise, aber stets elastisch und mit Freiräumen für kleine Verzögerungen brachten die Vier die abgeklärte Quartett-Meisterschaft Haydns auf den Punkt.

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Nach der Pause dann die Erweiterung zum Quintett – und was für eine: Schon die ersten Solotöne, mit denen Antonín Dvorák die zweite Viola sein Opus 97 eröffnen lässt, erfüllte Weltklasse-Bratscherin Kim Kashkashian mit einer Wärme und Tonsubstanz, die sofort den Raum in Besitz nahm. Auch bei gelegentlichen Passagen, in denen sie die thematische Führung zu übernehmen hatte, war sie auf wunderbare Weise präsent, um im nächsten Moment aber wieder vollständig im Ensembleklang aufzugehen. Mit Jessica Bodner bildete sie ein absolut homogenes Violapaar, das Kee-Hyun Kim am Cello herrlich grundierte.

Ein Video vom Parker Quartet sehen Sie hier.

Das waren beste Voraussetzungen, um Dvoráks größer besetztes Pendant zu seinem „amerikanischen“ Streichquartett in seinem ganzen melodischen Reichtum, seinen melancholischen Dur-Moll-Ambivalenzen und seiner rhythmischen Verve zur Entfaltung zu bringen. Nach großem Jubel setzten die fünf Wahlverwandten mit dem Finale aus Mendelssohns B-Dur-Quintett einen brillanten Schlusspunkt. Hier war nochmals eindrucksvoll zu erleben, was es wert ist, wenn beide Violinen mit technisch und gestalterisch absolut gleichwertigen Musikern besetzt sind. Daniel Chong und Ying Xue hoben förmlich ab.

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