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Diskussion

Kapitalismus ans Bein pinkeln

„Es ist genug für alle da“, erklärt Rap-Künstlerin Sookee. Und sie fordert, dass sich Frauen ihre Rechte nehmen sollen.
Von Michael Scheiner

Rapperin Sookee bei der Podiumsdiskussion zu „100 Jahre Frauenwahlrecht“ Foto: Scheiner
Rapperin Sookee bei der Podiumsdiskussion zu „100 Jahre Frauenwahlrecht“ Foto: Scheiner

Regensburg.Bei einer Podiumsdiskussion zu 100 Jahre Frauenwahlrecht, die die IG Metall im Andreas-Stadel veranstaltet hat, bekam sie den meisten Beifall. Das, würde Sookee eine entsprechende Anmerkung parieren, sei völlig irrelevant, denn die Beiträge der anderen Podiumsteilnehmerinnen seien genauso wichtig und richtig. Dabei zeichnet sich die Rapperin aus Berlin keineswegs durch übermäßige Bescheidenheit oder distinguierte Zurückhaltung aus. Eher noch würde man sie mit gegenteiligen Vorgehensweisen in Verbindung bringen.

Auf die Frage nach Gegenstrategien zum gegenwärtigen Rollback bei den Menschen- und Frauenrechten wischt sie „Akzeptanz und Toleranz“ entschieden beiseite. „Es ist mein Recht“, argumentiert sie als Frau, „auf dem Podium zu sitzen!“ „Die patriarchale Ordnung muss endlich abgeräumt werden“, legt sie entschieden nach, „und Frauen müssen sich zutrauen, sich diese Rechte auch zu nehmen, müssen Netzwerke bilden und…“ schiebt sie nach, „die Begriffe Vielfalt und Solidarität, auch wenn sie sehr abgenutzt sind, mit neuer Füllung versehen.“

Bis auf Platz 89

  • Debüt:

    2006 debütierte Sookee, die in Mecklenburg-Vorpommern geboren und in Berlin aufgewachsen ist, mit dem Album „Kopf Herz Arsch“.

  • Charts:

    Mit dem im vergangenen Jahr bei Buback erschienenen Album „Mortem & Makeup“ ist sie erstmals in die Charts eingestiegen und bis auf Platz 89 gekommen. Für die geplante Kinderplatte arbeitet sie erstmals verstärkt mit Instrumentalisten zusammen.

Sie selbst sei froh, „das elende Konkurrenzgefühl bei mir abgebaut“ zu haben, geht sie auf einen zentralen Mechanismus in kapitalistischen Lebensverhältnissen ein. „Es ist genug für alle da“, nimmt sie die Verteilungspolitik – global wie regional – entschlossen in den Blick, „alles andere ist Bullshit, den wir uns ständig einreden lassen!“ Mit dieser Haltung, grinst sie vergnügt ins applaudierende Publikum, habe „ich dem Kapitalismus ans Bein gepinkelt“ – und darauf sei sie schon stolz.

Sie hält mit Reimen dagegen

Seit gut 15 Jahren, als sie mit der Crew Profi-Rap begonnen hat, politische Hip-Hop-Texte zu harten Beats ins stetig wachsende Publikum zu schleudern, hält sie gegen die Schwulen- und Frauenfeindlichkeit vieler ihrer männlichen Kollegen entschieden dagegen. In ihren gerappten Reimen, wie auch im Leben. Sookee, die ihren Künstlernamen als Referenz auf „Sukie“, eine der Hexen aus dem Film „die Hexen von Eastwick“, zurückführt, zählt zur sogenannten Queer-Szene.

Hier ist sie auch aktiv unterwegs als Feministin, nimmt an Workshops und Veranstaltungen wie von der IG Metall teil. Angstfrei und mit viel Power engagiert sie sich gegen alltäglichen Sexismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, verspottet die auf dicke Eier machenden Rapper vor allem der Berliner Szene. Neben dem Zuspruch ihrer Fans und wohlwollender medialer Anteilnahme hat das der 34-Jährigen auch immer wieder Anfeindungen und Ablehnung eingebracht.

„Wenn man avantgardistische Diskurse mitträgt“, erzählt sie von ihren Erfahrungen, setze man sich immer wieder „auch sehr scharfen Kritiken aus der Szene aus“. Das finde sie auch in Ordnung, denn „wenn ich mir inhaltliche Schnitzer erlaube“, sei das okay. Selbst „wenn es mein Arsch ist, der gewatscht wird“, könne sie wie ihre Fans „an der Kritik mitlernen“. Dagegen sind für sie dumpfe und ausfallende Kommentare in den sozialen Medien, die sie für „hässlich, untalentiert, komplett bescheuert, blöd oder beknackt“ erklären, geschenkt . Die lese sie in der Regel überhaupt nicht mehr. Anders sieht sie es, „von der organisierten Rechten zur Zielscheibe gemacht“ zu werden.

Von Rechten angeprangert

Bislang habe sie zwar „noch keinen Buttersäure-Anschlag erlebt“. Im Zuge der #No120db-Kampagne, eines Hashtags der sich gegen die rechte Vereinnahmung der Frauenbewegung wendet, wurde sie von Martin Sellner von der rechtsextremen Identitären Bewegung angeprangert: „Leute wie Sookee“, agitierte er öffentlich, seien „verantwortlich dafür, dass Frauen vergewaltigt werden“, weil sie alle Flüchtlinge in Schutz nehme. Aus der Fassung bringt das die Künstlerin nicht, auch „wenn es manchmal Angst macht“. Lieber vergnüge sie sich mit ihrer vierjährigen Tochter, die mit „viel Spaß die ersten Beats hat auf ihrem kleinen Schlagzeug ertrommelt“. Ihr nächstes Projekt sei eine Kinderplatte, mit „den gleichen Themen, wie jetzt hier am Podium, aber eben für kleine Leute“.

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