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Klassiker

Kaum aus dem Schlummer gerüttelt

Marcus Lobbes inszenierte Schillers „Die Räuber“ im Theater am Bismarckplatz in Regensburg als Verwirrspiel – und erntete Buhrufe bei der Premiere.
Von Susanne Wiedamann, MZ

  • Die Räuber auf Identitätsfindung im Wald: (v.l.) Jacob Keller, Gunnar Blume, Sebastian Ganzert und Michael Lämmermann Fotos: Franz Schlechter
  • Hermann (Frerk Brockmeyer) hält zu Franz (Clemens Giebel).

Regensburg. Ein Regie-Konzept mit einigen frischen und guten Ideen muss nicht funktionieren. Im Fall von Marcus Lobbes’ Regensburger Inszenierung von Friedrich Schillers „Die Räuber“ am Theater Regensburg hat es nicht geklappt. Zumindest bei einem großen Teil des Publikums kam Lobbes’ Version des Klassikers nicht an. Schon nach der Pause blieben etliche Sitze im Theater am Bismarckplatz leer. Nicht punktuell, sondern für Regensburger Verhältnisse beachtlich war dieser stumme Protest gegen eine Inszenierung, die – Lobbes’ Verdienst – ganz klar von Schillers Sprache getragen war, was das Ensemble hervorragend herausgearbeitet hatte, aber sonst – sein Versäumnis – bis dahin irgendwie sehr statisch und wenig packend verlief – kurz: Sie langweilte.

Lobbes’ Idee, durch Doppelbesetzungen Bezüge, Zusammenhänge, auch Polaritäten zu verdeutlichen, blieb für die Zuschauer ein unverständlicher Kunstgriff. Da die Gesichter der neuen Ensemblemitglieder dem Publikum noch nicht so eingeprägt sind und die Darsteller teils ohne Kostümwechsel von einer in die andere Rolle schlüpften, waren diese Metamorphosen kaum durchschaubar.

Dazu waren einige leise gesprochene Sätze, gerade von Pina Kühr, im Publikum schlicht nicht verständlich. Auch nicht die später parallel, fast schon monologisierend gesprochenen Passagen von Karl und einem seiner Bandenmitglieder. Mag sein, dass Karl auch deshalb einige Publikumslacher produzierte, als er zu seinem Bruder Franz sagte: „Ich verstehe kein Wort von allem, was du sagst.“ Und auch später, als er rief: „Franz, oh ew’ges Chaos!“ Von Moors „Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt?“ ganz zu schweigen.

Posse steht auf dem anderen Blatt

Schade, denn eigentlich war Lobbes Idee der Personalunion für einige Rollen ausgesprochen pfiffig. Dass Pina Kühr die von Karl angebetete Amalia spielt, aber dann (allerdings eben im selben Kleid) auch den Kosinsky, der Karl in Liebesdingen aufrüttelt und ihn durch sein Schwärmen an Amalia erinnert, das hat was. Und auch dass die beiden Brüder sich gegenseitig als Pater und Pastor ins Gewissen reden. Der verräterische Intrigant Franz und der verbrecherische Heimkehrer Karl im Büßergewand? Das hat Shakespeare’sche Qualität, was Lobbes unter anderem ja auch zeigen will: wie Schiller von Shakespeare beeinflusst war.

Auch dass sich Franz und sein ergebener Diener und Mitintrigant Herrmann ein Affenkostüm teilen, hat in dieser Konstellation Sinn. Ob es allerdings nicht zu plakativ und possenhaft für Schillers Revolutionsdrama ist, wenn sich Franz à la Schimpanse gebückt am Händchen vorführen lässt, steht auf einem anderen Blatt.

Muss man also nicht reingehen in diesen Schiller, für den Regisseur Marcus Lobbes und – ganz unverdient der mit ihm vor den Vorhang tretende Bühnenbildner Christoph Ernst – nach der Vorstellung Buhrufe kassiert haben? Doch, man sollte. Erstens ist da ein Ensemble, das sich der Sprache Schillers wirklich bemächtigt hat, diese gewaltigen Versmengen und Satzberge beherrscht und Schillers erstes frühes Theaterstück auch in der stark um ein Drittel verdichteten Version erfahrbar macht. Sofern sich der Zuschauer schon vorher mit dem Rollenspiel vertraut gemacht hat. Denn eines ist auch eine Erkenntnis dieser Inszenierung: „Die Räuber“ sind längt nicht mehr so sehr verfügbares Bildungsgut, als dass man mit leichter Hand auf einem festen Fundament mit seinen Versatzstücken spielen könnte.

Zweitens: Christoph Ernsts Bühnenbild. Es bietet auf der Drehbühne alles, was Schillers „Räuber“ braucht: das Innere eines Schlosses, in dem der alte Graf von Moor seine Demontage durch seinen Sohn Franz naiv und ungeschützt über sich ergehen lässt, eine Mauer, die wie die Trennung zwischen Bürgerlichen und Hoheitlichen ins Wanken kommen kann, einen Wald, der auch für die Räuber keine Sicherheit bedeutet, dessen Licht- und Schattenspiel Offensichtliches zu verdecken weiß und Verborgenes offenbart. Der Wald, der dem verbannten Karl Obdach gibt, in dem er mit sich hadert, Besserung gelobt und wieder mordet.

Drittens: Marcus Lobbes Inszenierung hat Witz. Immer wieder gibt es Stellen feiner Ironie, Szenen, denen er Momente von Shakespeare’scher Leichtigkeit verpasst hat.

Eindrückliche Bilder

Drittens: das Ensemble. Auf gleich gutem Niveau geben die Schauspieler den Figuren Gestalt, den vermeintlich guten wie den bösen, all jenen, die Schiffbruch erleiden „auf der ungestümen See der Welt.“ Gunnar Blume als Räuberhauptmann Karl und Clemens Giebel als sein Bruder Franz stechen heraus, lassen in diesem Wirrwarr Psychogramme sichtbar werden.

Viertens: Einige, wenn auch nicht viele Bilder werden hängen bleiben: Wie Karl die leblose Amalia Pina Kühr quer durch den Wald von der Bühne schleift zum Beispiel. Wie er zum Schluss ziellos durch den Wald irrt, auf der emsig, viel zu emsig kreisenden Drehbühne. „Oh ew’ges Chaos!“

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