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Lyrik

Keiner versteht das! – Wirklich?

  • Der Dichter schreibt an die Redakteurin, was Lyrik ausmacht..Illustration (Ausschnitt): Tom Meilhammer
  • Matthias Kneip hat einen neuen Gedichtband und debattiert über seine Texte. Foto: Beate Michalke
  • Illustrator Tom Meilhammer hat zu dem Gedichtband „Keiner versteht mich... – ...klagte das Gedicht und wurde berühmt“ wunderbare Bilder geschaffen und auch den Mailwechsel von Kneip und Wiedamann in der MZ köstlich illustriert. Foto: Beate Michalke

Hi Matthias, mir ist dein neuer Gedichtband „Keiner versteht mich...“ in die Hände gefallen. Lyrik auf über 400 Seiten, das sieht man heute nicht mehr oft. Ich habe dein Gedicht „Sinn der Poesie“ gelesen. Ist das deine Hauptintention als Lyriker, die Menschen aus dem Tritt zu bekommen? Was ist mit Botschaften? Sendungsbewusstsein...? LG S.

Liebe Susi, LG S. – das klingt irgendwie nach Droge, findest du nicht? Im Ernst: Ein Kollege von mir hat mal gesagt, ein Gedicht ist ein bisschen Schwarz und viel Weiß. Meine Gedichte wollen gerade nicht selbst erzählen, sie wollen den Leser dazu anregen, sich selbst ein wenig ins Weiße zu verdenken und verträumen. Ich verstehe meine Gedichte als Stolpersteine im Alltagsgetriebe. Freilich, ich hätte das Gedicht auch „Sinnlosigkeit der Poesie“ nennen können, weil ja heute wirklich kaum noch jemand Lust und Zeit hat, Gedichte, also „Weißes“, zu lesen. Damit meine Texte trotzdem „überleben“, arbeiten sie viel mit Humor, Wortspielen oder ungewöhnlichen Themen, die neugierig machen. In dem neuen Band sind z.B. Texte enthalten über eine Mücke, oder eine Tafel Schokolade. Damit will ich natürlich auch junge Leser ansprechen... Liebe Grüße (!), Matthias

Hallo Matthias, in deinem Buch hast du ganz kurze Gedichte, wie „Paparazzo“ (Die Kugel / mit der er / das Foto schoss / traf / das Motiv), aber auch lange, nachdenkliche wie „Die alte Frau stirbt“. Wovon hängt es ab, ob ein Gedicht lang oder kurz wird? LG S.

Liebe Susi, das hängt natürlich immer vom Thema ab. Manchmal lebt ein Gedicht allein von einer Idee, einem Geistesblitz. Der will dann nicht plattgetreten, bzw. plattgeschrieben werden. Ich taufe ihn Aphorismus und dann schicke ich ihn als Kurztext auf die Reise. Andere Themen leben von der Atmosphäre, und die braucht mehr Platz. Logisch, oder?

Gib zu, du traust jungen Lesern lange Texte nicht mehr zu! Dabei ist das Lesenkönnen von viel „Weiß“ doch die eigentliche Kunst?!

Geb ich nicht zu! Ich glaube, die Jugend hat Spaß an solchen Texten. Ich lese ja sehr viel an deutschen Schulen. Manchmal sind da 400 bis 500 Schüler aus allen Alterstufen. Und dort müssen alle Texte für alle funktionieren, die längeren und die kurzen. Bei Gedichten ist das ja bekanntlich immer ein Risiko an Schulen! Aber ich stelle den Anspruch zunächst mal nicht an den Leser, sondern an mich. Und die Tatsache, dass Schüler im Anschluss die Bücher kaufen, ist mir die größte Motivation. Gruß Matthias

Lieber Dichterfreund, bist du eigentlich ein Kulturpessimist? In deinem Gedicht „Masse Macht Wort Sinn Los“ schreibst du: „Worte wiegen nichts mehr / sie haben das Fliegen gelernt / fallen uns nicht mehr schwer“. Warum schreibst du Gedichte, wenn das Wort doch nichts mehr wiegt?

Nein. Heutzutage wird nur viel mehr und schneller geschrieben als früher. Die Worte fliegen einem im wahrsten Sinne des Wortes über das Handy um die Ohren. Manchmal schreibt man, ohne dabei zu denken. Beim Dichten ist es umgekehrt. Meistens denkt man, und nur selten schreibt man dann etwas (heulender Smiley, wie geht das?!). Die meisten meiner Gedichte habe ich deshalb mit der Hand geschrieben. Irgendwo an einem schönen oder interessanten Ort sitzend mit Papier und Stift.

Das ist ja echtes Dichter-Klischee :)

Wenn’s dir gefällt?! Mit der Hand ist es zugegeben mühsamer, dauert länger, ich überlege mir jedes Wort dreimal, bevor ich es aufs Papier lasse. SMS-sen (simsen?) ist mir ziemlich fremd. Das geht mir alles zu schnell hin und her. Gedichte dienen nicht der Kommunikation, sondern dem Innehalten. Dafür muss man die Worte behandeln wie Kinder. Mit großem Respekt und Vorsicht. Dann wiegen sie auch etwas. Worte wie Kinder. :)

Ach, Matthias! Die Finanzkrise auch noch im Gedicht! In „Null Ahnung“ gehst du auf den Weltwirtschaftsraum ein, auf das internationale Zahlenspiel. Kommt man als Lyriker heutzutage nicht an dem Thema vorbei? Wäre es nicht schöner, über die schönen Seiten des Lebens zu schreiben? Schreib doch lieber über die Liebe?! Da setzt man sich auch weniger in die Nesseln, oder?

Naja... Manche Menschen setzen sich auch beim Thema Liebe in die Nesseln! Aber über die Liebe sind ja auch viele Gedichte im Buch enthalten. Über meine Liebe zur Schokolade zum Beispiel. Die Frage scheint mir aber schon ziemlich romantisch verklärt! Ich bin bestimmt kein Dichter im Elfenbeinturm. Ich schreibe darüber, was mich bewegt – und andere vielleicht auch.

Was dich bewegt, ist ziemlich unglaublich! Du hast ein Gedicht über einen Hund geschrieben, der in seinen eigenen Haufen tappt. Ist das für einen ernst zu nehmenden Lyriker überhaupt erlaubt?

Freut mich, dass du mich ernst nimmst! Ich behaupte, man kann über jedes Thema ein Gedicht schreiben. Es muss nur gut gemacht sein. Der Hundehaufen war eine Herausforderung für mich selbst. Schüler haben mir das mal als Thema aufgegeben. Einen Hundehaufen. Aber auch das hat geklappt. Leider fürchte ich, du bist der einzige Freund von mir, der das Gedicht gelesen hat. Die meisten meiden das Thema Lyrik lieber. Weil sie nicht wissen, ob sie über mich lachen oder weinen sollen... Liebe Grüße, Matthias

Lieber Matthias, manchmal denke ich mir bei Gedichten: Das hätte mir der Autor doch genauso in einem Prosatext erzählen können. Wenn sich ein Satz über mehrere Zeilen zieht, mittendrinnen endet, quasi durch den Zeilenlauf zersprengt wird; weißt du, was ich meine? Wie bei „Mein Spielplatz“. Wodurch wird ein solches Gedicht ein Gedicht?

Das arme Gedicht... jetzt muss ich es auch noch verteidigen! Genau deswegen heißt das Buch ja auch „Keiner versteht mich... – ...klagte das Gedicht und wurde berühmt“. Aber du hast schon Recht. Manche Gedichte wie „Mein Spielplatz“ hätte ich auch in Prosa schreiben können (ein Gedicht in Prosa sozusagen). Aber dann würde man es viel zu schnell lesen, quasi drüberfliegen und auf eine Pointe warten. Hast du es so gelesen? Nein, weil du gestolpert bist am Ende jeder Zeile. Und – vielleicht – über sie – oder über mich – nachgedacht hast. Das war der Sinn.

Hallo Matthias, habe heute „Erinnerungsverlust“ gelesen. Sehr knapp, sehr wahr, sehr traurig.

Liebe Susanne, Ja. Sehr, sehr traurig, schnief! Wir waren beim Udo-Jürgens-Konzert und haben der jungen Babysitterin gesagt, dass wir zu Udo Jürgens gehen. Da hat sie nur gefragt: Udo wer? Daraufhin entstand das Gedicht. Je älter wir werden, umso weniger Menschen gibt es, mit denen wir unsere Erinnerung teilen können. Das ist schon beunruhigend. Geht dir das nicht so?

Lieber Matthias, gerade hab ich dein Gedicht „Möglichkeiten, das Leben rum zu bekommen“ gelesen. „versaufen / verspielen / verplanen / verkaufen / vertrödeln / verarbeiten / verschenken / vergolden / verkomplizieren / versagen / versterben“. Das scheint von der Machart her so einfach, wie eine Wort-Spielerei. Wie lange arbeitest du an einem Gedicht. Feilst du an Formulierungen? Oder fliegt es einem zu. Ein Einfall … und schwupps: fertig ist das Gedicht?

Schön wäre es! Aber leider dauert es doch seine Zeit, dieses große weiße leere Papier mit ein paar wenigen schwarzen Buchstaben zu besetzen. Natürlich steht bei vielen meiner Gedichte der Einfall am Anfang. Ich denke über Vieles dreimal nach, worüber andere nur einmal oder gar nicht nachdenken. Eine Socke im Bad, ein Wasserglas, in dem eine Fliege schwimmt, usw. Aber dann kommt manchmal eine Idee. (Und manchmal nicht!) Der erste Entwurf ist dann schnell geschrieben. Aber am Schluss bleibt davon kaum ein Wort übrig...

Das klingt ein bisschen nach dem Dichter, der sich etwas weltfern von den kleinen Dingen ablenken lässt, und die großen übersieht. Aber so ist das ja nicht. Manche deiner Gedichte sind gesellschaftskritisch und politisch. Du hast etwas uncharmant über die „Zeitungsdekorateure“ geschrieben (hätt‘ ja nicht unbedingt sein müssen!). Aber du schreibst auch über sehr ernste Sachen und Ereignisse. Über Auschwitz beispielsweise. Gibt es in der Lyrik Tabus? Kennst du Themen, an die du dich nicht herantraust?

Sorry, ich wusste ja nicht, dass ich mal mir dir so einen Mailwechsel haben würde, sonst hätte ich das Gedicht „Zeitungsdekorateur“ natürlich rausgenommen! :) Ich denke, man kann über alles schreiben. Ich könnte sogar ein Gedicht darüber schreiben, dass man über alles Gedichte schreiben kann... Das Thema ist nicht entscheidend. Sondern wie man es angeht. Es gibt Themen, über die könnte ich kein humorvolles Gedicht schreiben. Über andere kein ernstes. Über die „Zeitungsdekorateure“ gings einfach nur humorvoll!

Service

Der Lyrikband „Keiner versteht mich...“ von Matthias Kneip mit Illustrationen von Tom Meilhammer wird am Montag, 21. Oktober, um 20.30 Uhr, in einer Lesung bei Bücher Pustet, Gesandtenstr. 6 - 8, vorgestellt. Für die musikalische Begleitung sorgt der Pianist Robert Seitz. Das Buch ist im Lektora-Verlag Paderborn erschienen, umfasst 412 Seiten und kostet 17,80 Euro.

Matthias Kneip, 1969 in Regensburg geboren, arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt. Für sein literarisches Schaffen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen (2011). Kneip lebt in Regensburg und Darmstadt.

Tom Meilhammer zeichnet für alle Illustrationen in dem Lyrikband verantwortlich. Er wurde 1966 in Pfarrkirchen/Niederbayern geboren. Er studierte Architektur, Illustration und Grafikdesign und ist seit 1996 freier Grafiker und Illustrator. Meilhammer lebt in Regensburg und wird hier 2014 seine Arbeiten in einer Einzelausstellung präsentieren.

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