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Ausstellung

Kevin Coyne – ein Eigenbrötler de luxe

Das Cordonhaus in Cham zeigt Bilder des verstorbenen Künstlers. Zudem ist ein umfangreicher Begleitkatalog erschienen.
Von Peter Geiger

Kurator Stefan Voit, Helmi Coyne und BR-Journalist Karl Bruckmaier sind sich einig: Die Erinnerung an Kevin Coyne darf nicht erlöschen. Foto: Geiger
Kurator Stefan Voit, Helmi Coyne und BR-Journalist Karl Bruckmaier sind sich einig: Die Erinnerung an Kevin Coyne darf nicht erlöschen. Foto: Geiger

Cham.„Seine größte Angst war wohl, dass er verjaggert!“ Man muss schon ganz genau hinhören, wenn Karl Bruckmaier, als Musikjournalist beim Bayerischen Rundfunk (Club 16, Zündfunk, Nachtmix) seinerseits das, was man eine Legende nennt, über den 2004 im Alter von 60 Jahren verstorbenen Kevin Coyne spricht. „Verjaggert“ – ja, das ist wohl die größte anzunehmende Gefahr, die einem Popstar in Bruckmaiers Augen droht. Dass einer also wie Mick Jagger, mit 75 Jahren noch, Arme wedelnd seine bonbonbunten Klamotten über die Bühne spazieren trägt und von einem global agierenden Getränkehersteller gesponsert „It‘s only Rock‘n‘Roll“ plärrt.

Oder, dass er partout keine Befriedigung finden könne. Kevin Coyne war da aus einem anderen, einem weicheren Holz geschnitzt. Ein Eigenbrötler de luxe, der durchaus an der Höhenluft des Showbiz geschnuppert hatte. Und der zumindest mit „Marjory Razorblade“, seinem zweiten Album von 1973, auch heute noch genannt wird, wenn es um die besten Rock-Platten aller Zeiten geht.

Aber Kevin Coyne, er hatte auch die Schattenseiten erfahren. Und die Tiefen des Daseins durchmessen. In dem wunderbaren Katalog, der jetzt als Begleitlektüre zur noch bis 5. August im Cordonhaus in Cham laufenden Ausstellung „Heaven Trousers“ erschienen ist, erzählt Karl Bruckmaier eine kleine, herzzerreißende Anekdote über seinen engen Freund Kevin Coyne. Und diese vermisst jene Linie, die zwischen Verjaggerung und Nobelpreis auf der einen Seite und Suchtkrankheit und frühem Tod auf der anderen Seite verläuft, vielleicht am glaubhaftesten und intensivsten. Gemeinsam besuchten sie ein Bob Dylan-Konzert.

Bittere Tränen

„Irgendwann weint Kevin. Ich habe ihn nicht gefragt, warum. Ich vermute, er hat sein anderes Ich dort oben auf der Bühne der Olympiahalle gesehen, den Kevin, der das Spiel hat mitspielen können und wollen. Er hat also ein wenig um sich selbst geweint und um das, was er nicht hat werden können.“ Und dann folgt, als Antithese gewissermaßen, ein ganz wunderbarer, versöhnlicher Satz: „Vielleicht hat er auch ein wenig Bob Dylan beweint, wegen all der Dinge, die der große Bob nicht haben kann. Die unkomplizierte Liebe einer Frau etwa, ein selbstbestimmtes Leben, einen Fix- und Ruhepunkt, kleine Freiheiten.“ Die Frau, die mit diesem Satz nicht nur gemeint ist, sondern geehrt wird, ist Helmi. Sie, die Religionspädagogin, war es, die mit ihrer Tatkraft Kevin Coynes Leben rettete, als er in Nürnberg gestrandet war.

Sie bezahlte nicht nur offene Telefonrechnungen, sie fuhr ihn auch regelmäßig nach Fürth zu den Anonymen Alkoholikern. Und sorgte so dafür, dass er ohne Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe wieder auf die Beine kam. Und sein Leben fortan der Kunst widmen konnte. „Für ihn war das das vollkommene Glück! Wie ein Beamter, vom frühen Morgen bis in den späten Abend am Schreibtisch zu sitzen, zu malen und zu schreiben. In diesen Momenten war er nur in seinem Kopf zuhause!“ Dabei konnte er durchaus mürrisch sein und kaum gesellschaftsfähig. „Das war aber zugleich der notwendige Selbstschutz eines hochsensiblen Menschen.“

Fitzgerald Kusz, im mittelfränkischen Idiom dichtender Künstlerkollege, erkannte in Kevin Coyne, der in Derby in Mittelengland geboren war, seinen „Soulbrother“. Einen, dessen Humor sich aus Melancholie und dem Fundus eines Jean Paul speiste. Jean Paul? Ja, jener aus Wunsiedel gebürtige Dichter zwischen Klassik und Romantik, der postuliert hatte, dass „Humor überwundenes Leid an der Welt“ sei.

Eine Welt voller Narren

Kevin Coyne selbst hatte 1979, auf seinem Album „Millionaires and Teddybears“, ähnliches behauptet: Die Welt, sie sei voller Narren. Diese Eigenschaft aber mache diese Spezies noch keineswegs zu schlechten Menschen.

Der knapp 70-seitige Katalog, der viele Bilder und Stimmen enthält, ist dem Engagement eines anderen Verrückten zu verdanken: Stefan Voit aus Weiden, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den kaum zu überblickenden und ausufernden Coyne’schen Nachlass nicht nur zu betreuen. Sondern einem wachsenden Kunstpublikum ans Herz zu legen.

Der Katalog kostet 15 Euro (zzgl. Versandkosten) und kann per E-Mail an kevin-coyne@t-online.de bestellt werden.

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