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Literatur

Kirsten Boie und der Sommer in Sommerby

Die Liste ihrer Bücher ist lang und bunt gemischt: Kirsten Boie hat Geschichten vom Bilderbuch bis zum Jugendroman zu Papier gebracht. Viele entstanden in einer Gegend im Norden, der sie, wie sie sagt, schon lange mal ein eigenes Buch schuldig gewesen ist. Bis jetzt.
Von Dorit Koch, dpa

Die Hamburger Schriftstellerin Kirsten Boie hat ein neues Kinderbuch geschrieben: „Ein Sommer in Sommerby“. Foto: Ulrich Perrey/Archiv
Die Hamburger Schriftstellerin Kirsten Boie hat ein neues Kinderbuch geschrieben: „Ein Sommer in Sommerby“. Foto: Ulrich Perrey/Archiv

Hamburg.Ein Haus, zu dem kein Weg führt, ohne Fernseher, Telefon und Internet - Kirsten Boie selbst könnte nicht auf Dauer so leben wie die Helden in ihrem neuen Buch.

„Von Zeit zu Zeit aber würde es inzwischen nicht nur Erwachsenen, sondern auch vielen Kindern gut tun, mal länger auszusteigen“, sagte die Kinder- und Jugendbuchautorin der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. „Medienbashing will ich ganz bestimmt nicht betreiben, ich selbst nutze ja auch die diversen Möglichkeiten“, erklärte die 67-Jährige. „Ich habe nur manchmal das Gefühl, dass für viele Kinder reale Erfahrungen immer weiter zurückgehen und sie immer abhängiger werden von virtuellen Welten. Dadurch verpassen sie nicht nur viel Schönes - es entgeht ihnen oft auch, was sie alles können.“

Die Kinder in ihrem Buch „Ein Sommer in Sommerby“, das jetzt im Hamburger Verlag Friedrich Oetinger erschienen ist, erleben all dies bei ihrer Großmutter. Bei der Oma auf dem Land verbringen die zwölfjährige Martha und ihre beiden jüngeren Brüder gezwungenermaßen die Sommerferien, nachdem die Mutter im Ausland einen Unfall hatte und der Vater zu ihr reisen muss. Doch nicht nur die Abgeschiedenheit ist für die Stadtkinder ungewohnt, sondern auch das, was die alte Dame, die sie bis dahin kaum kannten, von ihnen verlangt. Werden die Eier nicht von ihnen aus den Hühnernestern eingesammelt, kommt das Bauernfrühstück eben ohne Ei auf den Tisch. Kein Geschirrspüler steht für schmutzige Teller bereit, nur eine Plastikschüssel.

„Diese Großmutter erwartet viel von ihren Enkeln, traut ihnen aber gleichzeitig ganz viel zu“, sagte Boie über ihr Buch, das sie für Leser ab etwa zehn Jahren geschrieben hat. Martha etwa ist ganz entsetzt, als die Oma den kleinen Bruder einfach allein am Wasser herumtoben lässt. „Vielleicht ist Kindern früher manchmal auch zu viel zugemutet worden, aber heute ist es doch eher so, dass ihnen viel zu wenig zugetraut wird und dadurch viele Chancen für ihre Entwicklung vergeben werden.“ Allein wenn sie den Weg zur Schule nicht alleine gehen dürfen: „Der dauert dann zwar doppelt so lange wie er für einen Erwachsenen zu Fuß dauern würde, und viermal so lange wie mit dem Auto. Aber was erlebt man da alles, was kann man alles mit Freunden besprechen!“

Die frühere Lehrerin, die für die Adoption ihres ersten Kindes ihren Job aufgeben musste, weil es das Jugendamt so wollte, schreibt seit rund 35 Jahren Bücher: Angefangen hat es mit „Paule ist ein Glücksgriff“, es folgten zahlreiche Bilderbücher, Geschichten über den kleinen „Ritter Trenk“, Seejungmann „Nix“, Meerschweinchen King-Kong, die „Möwenweg“-Kinder, Krimis wie „Der Junge, der Gedanken lesen konnte“, Jugendromane wie „Skogland“ oder der Erzählband „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen“ über Aids-Waisen in Afrika. Auszeichnungen vom Deutschen Jugendliteraturpreis bis zum Bundesverdienstkreuz erntete Boie für ihre Geschichten, Schulen tragen ihren Namen.

Seit langem lebt die gebürtige Hamburgerin in Schleswig-Holstein, gleich hinter den Grenzen der Hansestadt. Viele ihrer Geschichten entstanden derweil noch weiter im Norden, im Ferienhäuschen in der Gegend an der Schlei. „Allein deshalb war ich dieser wunderschönen Region unbedingt mal eine eigene Geschichte schuldig“, erzählte Boie über das Sommerabenteuer in Sommerby, einem fiktiven Ort. An der Schlei entdeckte sie dieses auf einer Halbinsel stehende, verlassene Haus, das nur über einen Steg zu erreichen ist. Es brachte sie auf die Idee zu dem Abenteuer ihrer neuen Helden, die ein bisschen auf Möwenweg-Spuren unterwegs sind.

„Mein Problem ist aber ohnehin nicht, dass es mir an Ideen mangelt“, berichtete die Schriftstellerin, „sondern dass ich mich oft nicht entscheiden kann, welches Thema ich als nächstes angehe und welches noch Zeit hat“. In ihrem Alter stelle man sich die Frage, wie lange etwas noch warten könne, eben doch viel mehr. Dafür fragten ihre jungen Leser sie bei Veranstaltungen dann wieder ganz direkt: „Wie lange willst du denn überhaupt noch schreiben?“ So lange ihr noch etwas einfalle und so lange es Leute gebe, die das lesen wollten, antworte sie ihnen dann, erzählte Boie. „Erwachsene sind höflich, Kinder sind realistisch.“

Kirsten Boie: Ein Sommer in Sommerby, Oetinger Verlag, 320 Seite, 10,99 Euro, ISBN 978-3-96052-050-4

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