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Knallbunte Popwelt voller Selbstironie

Einen Marilyn-Monroe-Overkill erleben Besucher der Galerie Art Affair. Dort ist die Ausstellung „American Pop Art“ zu sehen.
Von Michael Scheiner

James Francis Gill stellt American Pop Art in der Galerie Art Affair aus. Foto: Michael Scheiner
James Francis Gill stellt American Pop Art in der Galerie Art Affair aus. Foto: Michael Scheiner

Regensburg.„Ich male gern. Für mich ist der Prozess des Entstehens wichtig, eigentlich wichtiger als das Bild.“ Der schmächtige 85-jährige James Francis Gill blickt unter einem riesigen, weißen Stetson aufmerksam in die dicht gedrängte Menge der Eröffnungsbesucher und antwortet, wie er es sicher schon häufiger getan hat. Der Frager, ein junger Vertreter der Agentur, die den Pop-Art-Künstler weltweit vertritt, hatte von Gill wissen wollen, was ihn denn motiviere, morgens aufzustehen? Weitere Anekdoten und Geschichten, die größtenteils auch in Wikipedia nachzulesen sind, bildeten die wenig ergiebige Einführung in das Werk des berühmten Künstlers.

Eine unwirkliche Szenerie

Die ganze Szenerie bei der Eröffnung der Ausstellung „American Pop Art“ in der Galerie Art Affair, nicht nur die eigentümlichen Fragen, hat etwas Unwirkliches, fast schon Metaphysisches an sich. Der Künstler aus Texas, der als einer der letzten lebenden Mitbegründer der vor allem im angloamerikanischen Raum beheimateten Kunstrichtung Pop Art gilt, wird selbst zum Popstar.

Als ebenbürtiger Zeitgenosse von Andy Warhol und Roy Lichtenstein, der mit John Wayne, Kirk Douglas und Dennis Hopper gefrühstückt hat und über Kunst und das – damalige – Weltgeschehen parliert hat, haftet seinem sehr normalen Auftritt etwas von einem außerirdischen Gesandten an. Ein Repräsentant einer abgefeierten Epoche, der wie David Bowies „Major Tom“ allein in seinem Universum segelt und freundlich Kontakt zur Fanbase hält. Umringt von Verehrerinnen, die jede Äußerung von ihm mit ihrem Mobiltelefon filmen, wird der gepflegte ältere Amerikaner von Galerist Karl-Friedrich Krause und vom Agenturvertreter gleichermaßen abgeschirmt, wie auch ausgestellt. Tatsächlich nehmen einige Besucher die Gelegenheit wahr, Serigrafien von Monroe oder den „Enduring Fab Four“, den Beatles als ikonografische Pilzköpfe, zu erwerben und mit persönlichen Widmungen versehen zu lassen. Geduldig stehen sie dafür im hinteren Raum der Galerie bei dem am Grafiktisch sitzenden Gill an, wiederum selbst umringt von Neugierigen.

Die bonbonbunte Ausstellung selbst präsentiert sich als Marilyn-Overkill. Tatsächlich bekannte Gill in einem Interview, dass die 1962 verstorbene Schauspielerin zu seinen Lieblingsmotiven gehört. Mit einem für damals höchst ungewöhnlichen Porträtbild von Marilyn Monroe erlebte der junge Künstler 1962 seinen Durchbruch. Über den Galeristen Felix Landau gelangte das Triptychon ins Museum of Modern Art.

Gill sieht sich heute als „romantic Cowboy“

  • Leben:

    James Francis Gill, geboren 1934 in Texas, wollte als Kind Cowboy werden. Sein malerisches Talent bescherte ihm jedoch ein eher untexanisches Leben: 1962 war James Gill auf dem Weg nach New York. Sein Chauffeur legte in Los Angeles einen Zwischenstopp ein.

  • Erfolg:

    Spontan beschloss Gill, in der Galerie von Felix Landau mit seiner Werkserie Women in Cars vorstellig zu werden. Er blieb einen Monat in Los Angeles. In dieser Zeit malte er unablässig. Es entstand das über drei Meter breite und meterhohe Marilyn- Triptychon – sein wichtigstes Werk.

In der Regensburger Ausstellung ist die Monroe als ikonisches Motiv mit als erotisch geltenden, leicht geöffneten Lippen in Doppelausfertigung, als zehnteiliges Box-Set mit verschiedenfarbigen Hintergründen, als „Golden Marilyn“ und in Lamellenstreifen geschnitten und neu zusammengefügt zu bewundern. Zu den weiteren Ikonen der im Verblassen begriffenen 60er Jahre-Popwelt zählen Bildnisse vom noch glatt rasierten Jim Morrison, dem charismatischen Sänger der Doors, von Tony Curtis, Brigitte Bardot und Paul Newman. Ein heiterer Schuss Selbstironie schwingt im teuersten Bild der Ausstellung mit. Auf dem als Unikat gefertigten „She’s wearing a Gill“ blickt eine junge, kurzhaarige Frau in einem kunterbunten, schulterfreien Kleid mit gelangweiltem Überdruss knapp am Betrachter vorbei.

Politische Arbeiten zu sehen

Erleichterung von effektvoller Popwelt und Alltagskultur (Chanel, Lips, Autoerotica) verschaffen drei Arbeiten, mit denen Gill an Arbeiten der 60er Jahre anknüpft, in welchen er aktuelle politische Fragen und Zustände künstlerisch aufgriff. „Political Prisoner“ zeigt eine Schwangere, die mit einem Knebel oder Pflaster mundtot gemacht ist und eine Stars-and-Stripes-Larve trägt. Vor ihrem Fenster fliegt die, ebenfalls ikonische Friedenstaube in die Nachtschwärze davon. Auf dem nächsten sind über einem Fotografen die Lippen mit einem Schloss versiegelt.

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