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Theater

Königreich ohne Konsonanten

Feinstes Schauspielertheater, das keinen Pomp benötigt: „The King‘s Speech“ wird vom Regensburger Publikum ohne jede noble Zurückhaltung gefeiert.
Von Claudia Bockholt, MZ

  • Thomas Birnstiel als scheiternder König in vollem Ornat. Auch das ist eine bittere Pointe der Geschichte: Erst als England in den Krieg eintritt, gelingt sein persönlicher Befreiungsschlag. Fotos: Sarah Rubensdörffer
  • Brillant als kühler Erzähler und in verschiedensten Nebenrollen: Michael Haake
  • Sprachtherapeut Lionel (Gerhard Hermann, re.) arbeitet mit ungewöhnlichen Methoden; Links Silke Heise als seine Ehefrau Myrtle, in der Mitte Ulrike Requadt und Thomas Birnstiel als Herzogin und Herzog von York

Regensburg. Das rote „Aufnahme“-Licht leuchtet auf und die aussichtslose Schlacht des Prinzen beginnt. Die Augen sind angstgeweitet, der Körper zuckt, die Kiefer mahlen: „K--- K---K---König...reich“. Buchstabenreihen sausen in einer Videoprojektion über das weiße Bühnenbild. Der Stotterer kann sie nicht stoppen, sich all die Konsonanten und Vokale nicht untertan machen. Es ist eine Qual, ihm zuzusehen. Schauspieler Thomas Birnstiel hat sich intensiv auf die Rolle des sprachbehinderten Prinzen Albert vorbereitet. Der innere Konflikt des Prinzen und späteren Königs zwischen royalem Pflichtbewusstein und individueller Selbstbehauptung gerät ihm zum Meisterstück.

„The King’s Speech“ ist feinster Theaterstoff, mit reichlich dramatischer Fallhöhe und komödiantischen Elementen. Autor David Seidler, der als Kind selbst gestottert hat, erzählt eine wahre Geschichte aus dem britischen Königshaus: Prinz Albert wird von seiner Ehefrau Elizabeth - Jahrzehnte später wird sie als „Queen Mum“ bekannt sein - zum australischen Therapeuten Lionel Logue geschickt. Er erscheint ihr als letzte Hoffnung, das Elend ihres Mannes, der bei öffentlichen Reden stets versagt, zu beenden.

Der Australier bedient sich unkonventioneller Methoden. Er besteht gegenüber dem Prinzen, dessen Hilflosigkeit sich als Arroganz tarnt, auf Vertrauen - und Gleichheit. Er nennt ihn Bertie, ermuntert ihn, seine Gefühle singend und fluchend herauszulassen. Mit psychologischen Gespür kommt er den Ursachen des Stotterns auf die Spur. Ein königliche Kindheit voller Drill und Grausamkeiten: umgelernter Linkshänder, die X-Beine mit Metallschienen geradegestellt, eine Nanny, die ihn hungern ließ. Eine „Bilderbuchkindheit“, spottet der schonungslose Lionel.

Alberts Heilungsprozess ist eingebettet in die hochbrisante politische Gemengelage. Der Vater stirbt, sein älterer Bruder David besteigt als Edward VIII. den Thron. Doch schon nach zehn Monaten dankt er wieder ab, um seine Geliebte Wallis Simpson heiraten zu können, eine zweifach geschiedene Amerikanerin. Gleichzeitig brodelt es auf dem Kontinent. Hitlerdeutschland zeigt seine hässliche Fratze. Albert wirft seinem Bruder vor, Personal entlassen zu haben, um seiner Wallis mehr Perlen zu kaufen, „während die rote Fahne durch halb Europa marschiert“.

Ein böser Witz der Geschichte

Dass die Politik nicht hinter der guten Story zurücktritt, hat das Theaterstück dem oscargekrönten Kinofilm voraus. Davids‘ und Wallis‘ - historisch belegte - offene Sympathie für Hitler, die Angst vor den Bolschewiken, die vor Westminister die Republik fordern, die antimonarchische Haltung von Lionels Ehefrau Myrtle haben im Stück anderes Gewicht. Unter dem Eindruck der Gewaltrhetoriker Hitler und Goebbels erscheint Alberts Stammeln als ein böser Treppenwitz der Geschichte.

Regisseurin Charlotte Koppenhöfer hat „The King’s Speech“ als bestes Schauspielertheater inszeniert. Das Bühnenbild ist schlicht. Fünf mit transparentem Stoff bespannte Rahmen definieren die Räume der schnell aufeinanderfolgenden Szenen und dienen gleichzeitig als Projektionsflächen für die wirkmächtigen Videos von Sebastian Benjamin Riepe. In der weißen Schlichtheit kommen die authentischen Kostüme sowie sparsam und gezielt eingesetzten Requisiten von Monika Frenz besonders gut zur Geltung.

Die Regisseurin will das Publikum, wie sie selbst sagt, „in den Kopf des König“ hineinversetzen. Das gelingt in Szenen wie dieser: Lionel lässt Bertie Hamlets berühmten Monolog bei lauter Kopfhörermusik lesen. Im Kinofilm erlebt der Zuschauer, wie die freie Rede gelingt. Das Theaterpublikum hingegen hört, wie Bertie, die Ouvertüre zu „Figaros Hochzeit“. Die fehlerfrei gesprochenen Worte erlebt es erst später beim Abspielen der Aufnahme.

Die überzeugende Inszenierung wird gekrönt von einem fünfköpfigen Ensemble in Hochform. Thomas Birnstiel besticht als anrührender König, der nie Kind sein durfte und bei dem irgendwann der Knoten platzt: „Ich habe ein Recht, gehört zu werden“, bricht es aus ihm heraus. „Ich habe eine Stimme“. Gerhard Herrmann spielt den sympathischen Antagonisten, der auf seine Weise kläglich scheitert. Denn der australische Provinzschauspieler kann auf keiner Londoner Bühne Fuß fassen. Großes Gelächter, als Hermann beim Vorsprechen einen drittklassigen, überzeichneten Richard III. gibt.

Weniger ist ein Zugewinn

Perfekt besetzt Michael Haake verschiedenste Rollen: Er ist der kühl und sarkastisch kommentierende Erzähler, der zigarreschmauchende Winston Churchill, der verantwortungslose David und der verschlagene Erzbischof von Canterbury. Ulrike Requadt spielt Berties Gattin liebenswürdig: eine kluge Frau, die Menschlichkeit im Zweifel über Konventionen stellt. Ganz anders als im Film präsentiert Silke Heise eine kämpferische Myrtle, die unbedingt nach Australien zurückwill und die „Hochwohlgeborenen“ zunächst brüsk ablehnt..

Weniger ist manchmal mehr: Auch ohne Pomp und Circumstance bietet „The King’s Speech“ im Theater am Haidplatz zwei Stunden packende Unterhaltung. Das Premierenpublikum zeigte seine Begeisterung ohne jede königliche Zurückhaltung.

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