mz_logo

Kultur
Dienstag, 14. August 2018 26° 3

Theater

Kohlhaas: Ein Wüterich übt Selbstjustiz

Das Junge Theater Regensburg führt erstmals Kleists „Michael Kohlhaas“ auf. Vom Publikum gab es tosenden Applaus.
Von Sebastian Wintermeier

Wenn Marcel Klein den Michael Kohlhaas an seinem inneren Wendepunkt und im Blutrausch darstellt, ist Gänsehaut garantiert. Fotos: Jochen Klenk
Wenn Marcel Klein den Michael Kohlhaas an seinem inneren Wendepunkt und im Blutrausch darstellt, ist Gänsehaut garantiert. Fotos: Jochen Klenk

Regensburg.Am Samstagabend steht in der Mitte der Bühne des Jungen Theaters am Bismarckplatz eine große, quadratische Plattform auf einer Schicht Erde. Obendrauf: Schauspieler Marcel Klein als „Michael Kohlhaas“, eine Figur, die das Publikum in einen Gewissenskonflikt bringen wird: Kann man ihn und seine grausamen Taten verstehen oder nicht?

Denn der Pferdehändler wird ungerecht behandelt: An einer Grenze hält man ihn fest und verlangt einen Passierschein, der in Wahrheit nicht erforderlich ist. Gutgläubig und rechtschaffen erklärt er sich bereit, das Dokument zu besorgen. Zwei Pferde muss er als Pfand zurücklassen. Als er merkt, dass er betrogen wurde, kehrt er zurück und findet die Tiere in einem miserablen Zustand vor. Sein Knecht wurde verprügelt und weggejagt. Erst sucht er erfolglos Gerechtigkeit mithilfe von Ämtern und Gerichten, wird dort aber als Querulant beschimpft. Als dann seine Frau bei dem Versuch stirbt, die Sache beim Adel persönlich zu regeln, läuft Kohlhaas Amok. Er will Gerechtigkeit schaffen indem er mordet und ganze Städte anzündet.

Das Junge Theater hat ein Thema gewählt, bei dem es keine einfachen Wahrheiten gibt. Was schwierig in der Darstellung ist, gelingt durch gelungenes Zusammenwirken von Schauspiel, minimalistischem Bühnenbild und geschickt eingesetzter Musik.

Braver Bürger im Blutrausch

Vor allem, wenn Marcel Klein den Kohlhaas an seinem inneren Wendepunkt und im Blutrausch darstellt, ist Gänsehaut garantiert. „Leipzig muss brennen!“, schreit Kohlhaas. Das Publikum findet sich mitten im Geschehen, wenn Kohlhaas von der Zuschauertribüne aus seine Anhänger auf sein verbrecherisches Vorhaben einschwört.

Neben Marcel Klein beeindruckten Ludwig Hohl, Marianna McAven und Felix Breuel durch ihre Fähigkeit, in Sekundenbruchteilen zwischen insgesamt elf Rollen und Erzähler zu wechseln. Durch geschickt eingesetzte Attribute weiß man immer genau, welchen Charakter man gerade vor sich hat. Die Darstellung eines Plakats, das verbreitet wird, um auf Kohlhaas’ Verbrechen hinzuweisen, zeigt als ein Detail aus vielen die gekonnte Inszenierung: Einer der Schauspieler fängt an, das unsichtbare Plakat vorzulesen. Als kurz danach die anderen im Kanon mitlesen, wird dadurch die weite öffentliche Verbreitung der Schrift deutlich.

Das schlichte und dynamische Bühnenbild zeichnet Kohlhaas’ Weg ins anarchistische Chaos symbolhaft nach: Zunächst noch geordnet, gehen im Laufe des Abends Stühle zu Bruch, die Erde verdreckt die grauen Kostüme der Schauspieler. All das steht bildhaft für den Zusammenbruch von Kohlhaas’ Glauben an die Gerechtigkeit. Die Musik unterstützt diese Entwicklung: Ein mehrstimmiger Choral, der Kohlhaas’ tugendhafte Momente deutlich macht, wechselt sich ab mit elektronisch bearbeiteten Kriegstrommeln.

Insgesamt trifft das Junge Theater mit seiner Kohlhaas-Inszenierung den politischen Nerv unserer Zeit: Politikverdrossenheit, Hasskommentare im Internet und das Wettern gegen „die da oben“ sind an der Tagesordnung. Bereits vor der Premiere hat Regisseurin Maria-Elena Hackbarth im MZ-Interview erklärt, was Kohlhaas und den Wutbürger unserer Tage verbindet: Beide fühlten sich vom System verraten. Weil keine staatliche Instanz ihr erlittenes Unrecht wiedergutmacht, wollten sie selbst für Gerechtigkeit sorgen. Außerdem gebe es heute Terroristen und Amokläufer, wie zuletzt in einer Schule in den USA. Obwohl ihre grausamen Taten eine Vorgeschichte haben, seien die Mittel – wie bei Kohlhaas – völlig unverhältnismäßig.

Ambivalente Gefühle

„Michael Kohlhaas“ bildet ein breites Spektrum an Politikverdrossenen ab. Auch wenn die Sprache nah am Original und damit teilweise kompliziert ist: Eltern und Lehrer sollten das Stück Jugendlichen ab 14 Jahren empfehlen. Der Zuschauer identifiziert sich einerseits mit den Beweggründen des Betrogenen. Und bekommt andererseits vor Augen geführt, welche fatalen Konsequenzen Selbstjustiz hat. Diese spannende Ambivalenz macht die Inszenierung unbedingt sehenswert.

Weitere Nachrichten aus der Kultur lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht