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Biografie

Komponist zwischen Vision und Abgrund

Hans Pfitzner wurde als Ewiggestriger gestempelt, aber seine Musik war ausgesprochen modern. Nun gibt es ein Buch über ihn.
Von Gerhard Dietel, MZ

Hans Pfitzner komponiert 1944 in seinem Haus in Rodaun.
Hans Pfitzner komponiert 1944 in seinem Haus in Rodaun. Foto: Nach:Busch-Salmen/Weiß: HansPfitzner/Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv

Große Künstler sind manchmal fragwürdige Charaktere. Unter den Komponisten fällt einem vielleicht als erstes Richard Wagner ein, dessen Rang als Schöpfer unbestritten ist, wenn auch seine Egozentrik und seine antijüdischen Äußerungen ihn bis heute zur heftig umstrittenen Figur machen. Nicht viel anders liegt der Fall Hans Pfitzners, der sich mit einer Mischung aus Misanthropie und Verfolgungswahn das Leben selbst schwer machte und sogar manchen gutmeinenden Freund vor den Kopf stieß.

Nach der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg entwickelte sich Pfitzner in Verbitterung über den Versailler Vertrag überdies zu einem deutschnationalen Kulturchauvinisten, der in seinen öffentlichen Äußerungen auf krude Weise künstlerische und politische Aspekte vermengte und überall „Futuristengefahr“ witterte: „Das atonale Chaos… ist die künstlerische Parallele zu dem Bolschewismus, der dem staatlichen Europa droht.“ Dass die Nationalsozialisten, denen Pfitzner sich eifrig andiente, ihn im Grunde nicht schätzten, half ihm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wenig. Als Ewiggestriger wurde er abgestempelt, wobei das Verdikt gegen seine bornierte Weltanschauung zu Unrecht auch einen Bannstrahl gegen seine Musik bedeutete.

Kann man Pfitzner, dem „Komponisten zwischen Vision und Abgrund“, wie er in der vorliegenden Neuveröffentlichung betitelt wird, heute wieder eher gerecht werden? Der Musiker und Publizist Michael Schwalb versucht dies in seiner bei Pustet erschienenen „Kleinen bayrischen Biografie“ auf gut 100 informativ dichten Seiten mit Erfolg. Ohne alle Beschönigungen und Beschwichtigungen, was Pfitzners gallige Persönlichkeit und seine politisch-ästhetischen Auslassungen betrifft, kann Schwalb aufzeigen, wie wenig das Oeuvre des Komponisten dem im Ganzen entspricht: Vor allem in der mittleren Schaffensperiode beginnt – zeitgleich zu den reaktionären Äußerungen Pfitzners – seine Musik ausgesprochen moderne, sogar die Grenzen der Atonalität streifende Züge zu entwickeln.

Dass Pfitzner, 1869 in Moskau geboren, in Frankfurt aufgewachsen und dann ab 1907 in Straßburg tätig, nun in die Pustet-Reihe der „Kleinen bayrischen Biografien“ gelangt ist, wirkt zunächst nicht selbstverständlich. Doch spätestens nach der Münchner Uraufführung der Oper „Palestrina“ wurden die Beziehungen zu Bayern enger; Pfitzner zog 1919 an den Ammersee und 1929 nach München. Dass es ihn nach 1945 bei der Flucht aus dem zerbombten München ausgerechnet nach Garmisch-Partenkirchen verschlug, muss Pfitzner weiter verbittert haben: lebte er hier doch direkt im Schatten des glänzenderen, erfolgreicheren Antipoden Richard Strauss.

Michael Schwalb: Hans Pfitzner, Komponist zwischen Vision und Abgrund, Pustet Verlag, 136 Seiten, 12,95 Euro

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